29. Juni 2020 / 06:00 Uhr

Timo Werner im Exklusiv-Interview: "Für mich war Geld nie ein entscheidender Faktor"

Timo Werner im Exklusiv-Interview: "Für mich war Geld nie ein entscheidender Faktor"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Timo Werner spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über seinen Abschied bei RB Leipzig und seinen Wechsel zum FC Chelsea.
Timo Werner spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über seinen Abschied bei RB Leipzig und seinen Wechsel zum FC Chelsea. © imago images/Getty/Montage
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Nach vier Jahren endet Timo Werners Engagement bei RB Leipzig. Seine nächste Station: der FC Chelsea. Vor dem Umzug nach London spricht der Rekordstürmer der Roten Bullen im SPORTBUZZER-Interview über die Diskussionen um die Champions-League-Entscheidung aber auch über "in jeder Hinsicht wunderbare Jahre". 

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Er geht. Nach 158 Pflichtspielen, 95 Toren, 40 Tor-Vorlagen, ungezählten gewonnenen Sprintduellen. In Leipzig ist Timo Werner „erwachsen geworden“, sagt der 24-Jährige, der beim FC Chelsea einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben hat, noch reicher und berühmter wird und den Roten Bullen eine Ablöse von über 50 Millionen Euro hinterlässt. Nationalspieler Werner über vier Jahre Leipzig, Offerten diverser Großklubs, die Charme-Offensive von Chelsea-Coach Frank Lampard, die RB-Aussichten ohne die schwäbische Tor-Maschine und das Champions-League-Turnier in Lissabon (ab 12. August), das ohne Werners Zutun stattfinden wird.

SPORTBUZZER: Diverse Beobachter haben sich an der Causa Königsklasse/Werner/Nicht-Teilnahme gestoßen und Ihnen mangelnden Sportsgeist anheim gestellt. Wir fallen gleich mal mit der Tür ins Haus: Weshalb sind Sie beim RB-Viertelfinale in der Königsklasse nicht dabei, Herr Werner?

Timo Werner (24): Sie kennen mich jetzt auch schon ein paar Jahre, Herr Schäfer? Was denken Sie?

Dass Sie unverwüstlich sind und gerne gespielt hätten.

Wir haben es zusammen - Mannschaft, Trainer, Betreuer, Geschäftsstelle, Fans - bis ins Viertelfinale geschafft. Eine Wahnsinnsleistung! Natürlich tut es mir weh, dass ich jetzt nicht mithelfen kann, das ganz große Ding zu schaffen. Aber ich bin eben auch ab 1. Juli Spieler des FC Chelsea, werde von Chelsea bezahlt. Für mich war klar, dass das alle Parteien - Chelsea, RB und meine Seite - regeln sollen und müssen.

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Ihr Berater Karlheinz Förster war in die Gespräche involviert?

Ja, klar. Ich habe natürlich versucht, mich bei dem Champions-League-Thema so gut es geht rauszuhalten, weil klar war, dass ich eine Seite vor den Kopf stoßen müsste. Daher hat es mein Berater schlussendlich mit den Vereinen abgestimmt.

Könnte es sein, dass versicherungstechnische Gründe ausschlaggebend waren? Man stelle sich vor, Sie verletzen sich im RB-Viertelfinale und hinken zum Trainingsauftakt in London.

Es gab viele Gründe. Und am Ende war es eine gemeinsame Entscheidung aller Beteiligten. Nicht gegen etwas, sondern, wie auch Oliver Mintzlaff sagte, für einen klaren Schritt und Schnitt für alle. Ich bin Leipzig und RB für immer verbunden, sitze beim Viertelfinale vorm Fernseher und drücke die Daumen – vielleicht kann ich ja sogar in Lissabon mit vor Ort sein. Unser erster Bundesliga-Sieg gegen Dortmund, meine beiden ersten beiden Tore für RB in Hamburg, die Vize-Meisterschaft in der ersten Saison, das erste Champions-League-Spiel: Vieles bleibt für immer. Die vier Jahre waren bis auf zwei kleine persönliche Rückschläge eine Erfolgsgeschichte.

Wir sprechen über Ihre Schwalbe gegen Schalke und Ihre Auswechslung im ohrenbetäubenden Lärm von Istanbul.

Ja, das und was daraus gemacht wurde, war weniger schön. Aber auch das hat meiner Entwicklung geholfen, daher würde ich das nie rückgängig machen wollen. Ich bin in den vier Jahren erwachsen und ein gestandener Mann geworden. Ich weiß, was ich will, und sage das auch.

DURCHKLICKEN: Timo Werner und das Gastspiel bei Besiktas

Ankunft am Flughafen Leipzig-Halle in Richtung Istanbul. (@ dpa) Zur Galerie
Ankunft am Flughafen Leipzig-Halle in Richtung Istanbul. (@ dpa) ©

Wann stand für Sie fest, dass Sie zum FC Chelsea wollen?

Zugesagt habe ich vor einigen Wochen. Das Ganze war insofern recht unproblematisch, weil ich durch die Corona-Zeit vorher sehr viel Zeit zum Nachdenken hatte.

Über die Vor- und Nachteile, die die um Sie buhlenden Klubs haben?

Dass es mehrere Angebote gab, ist kein Geheimnis.

Nach unseren Informationen hatten unter anderem der FC Liverpool, Manchester United und Inter Mailand ziemlich große Hüte in den Ring geworfen.

Kann so gewesen sein. Es gab einige Top-Klubs, die um mich gekämpft haben. Das Gesamtpaket Chelsea London war für mich, mein Spiel und meine Karriere das Beste.

Weil Sie beim FC Chelsea ein Ziel- und Schlüsselspieler sind. Weil Frank Lampard um Sie herum ein jung-dynamisches Team aufbaut. Weil er Ihnen sogar bei der Wohnungssuche behilflich war. Und weil es die Kohle ab sofort wöchentlich gibt, Herr Werner.

Für einen Schwaben ist es wunderbar, wenn er jede Woche zur Bank gehen und nach seinem Geld gucken kann (lacht). Im Ernst: Das Geld spielte die kleinste Rolle. Für mich war Geld nie ein entscheidender Faktor, dann hätte ich auch nach China gehen können. Chelsea ist eine Top-Adresse im europäischen Fußball. Wir bekommen in Chelsea eine richtig gute Mannschaft mit hoher Qualität, wollen oben angreifen. Ich habe meine Entscheidung bislang keine Sekunde bereut.

DURCHKLICKEN: Timo Werner bei RB Leipzig

2016 Juli: Werner beim Training (@GEPA Pictures) Zur Galerie
2016 Juli: Werner beim Training (@GEPA Pictures) ©

Sie sind kein Trainingsweltmeister.

Nicht unbedingt.

Und wenn Julian Nagelsmann streng nach Leistungen bei den Leibesübungen aufgestellt hätte, hätten Sie während des Spiels des Öfteren neben ihm gesessen.

Dafür habe ich in fast jedem Spiel geliefert, war immer voll da. Ich glaube, er weiß schon, was er an mir hat (schmunzelt).

In London werden die Teamkollegen und Mister Lampard sehr genau hinsehen, wie das neue Aushängeschild unter der Woche übt.

In England wird noch öfter als in Deutschland gespielt, da bleibt nicht so viel Zeit zum Training (lacht). Aber es stimmt schon: Ich muss mich da erst noch beweisen und Vollgas geben.

Das könnte Sie auf eine neue Ebene hieven.

Yes!

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Ist die Premier League die stärkste der Welt?

Nach allem was man weiß, sieht und hört: ja. Die Intensität ist höher, man muss öfter an Grenzen gehen, es gibt mehr Top-Spiele.

Wie gut kennen Sie London?

Ich war zweimal als Tourist und ein paar Mal als Fußballer in London. Es ist für mich eine absolute Weltmetropole – das i-Tüpfelchen zu meinem neuen Vertrag und Verein.

Ihr Englisch ist ...

... ausbaufähig, aber gut genug, um sich zu verständigen. Bei den Gesprächen mit Frank Lampard, Petr Cech und anderen Verantwortlichen brauchte ich jedenfalls keinen Dolmetscher.

Ihre Freundin Paula hat gerade Ihr Abitur bestanden und begleitet Sie nach London.

Paula will Englisch studieren. Es passt also auch an dieser Stelle. Wir freuen uns auf diesen neuen Lebensabschnitt.

Timo Werner und seine Paula nehmen den Umzug nach London gemeinsam in Angriff.
Timo Werner und seine Paula nehmen den Umzug nach London gemeinsam in Angriff. © Christian Modla
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Wann ziehen Sie nach Chelsea?

Der Umzugstermin ist noch offen, das hängt vom Start der Premier League ab.

Leipzig?

Wird immer in meinem Herzen bleiben. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich in meiner Karriere nochmal so in jeder Hinsicht wunderbare Jahre haben werde. Ich habe in Leipzig viele Freunde gewonnen.

Und Sie wurden von den Fans verehrt. Das war "love at first sight", Mister Werner, Liebe auf den ersten Blick.

Ja, es waren besondere Jahre und es war ein besonderes Verhältnis zwischen den Fans und mir. Die Fans haben mich und uns als Mannschaft immer bedingungslos unterstützt, ihren Anteil am Erfolg. Ich hoffe, dass ich mich irgendwann angemessen verabschieden kann.

Wo sehen Sie RB Leipzig ohne die Tor-Maschine Werner?

RB hat sich in Deutschland und international einen Namen gemacht, die Grundlagen für weiteren Erfolg sind gelegt. Wir sind in den ersten vier Jahren Bundesliga jetzt drei Mal in die Königsklasse eingezogen – das ist Wahnsinn! Es bleibt auch ohne mich eine sehr gute Mannschaft, die Tore schießen wird. Yussi, Patrik, Christopher, Dani und Mola Lookman haben das alle drauf. Der Kern der Mannschaft bleibt zusammen. Und wie ich RB kenne, sind einige weitere gute, hungrige Jungs in der Pipeline.

Wenn Sie Ihren Vertrag bei RB nicht 2019 verlängert hätte, hätte der Klub jetzt ablösetechnisch in die Röhre geschaut. Kann man die damalige Verlängerung als Abschiedsgeschenk bezeichnen.

Wie Sie das bezeichnen, überlasse ich Ihnen. Aber es war sowohl für mich, der sich unter Julian noch mal weiterentwickeln konnte und nicht mit dem Druck eines letzten Vertragsjahres spielen musste, gut, als auch jetzt für RB Leipzig. Ich habe dem Klub sehr viel zu verdanken und freue mich, dass wir so viel zusammen erreicht haben und im Guten auseinander gehen.

Good luck, Mister Werner!

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