19. März 2020 / 16:07 Uhr

Saison an der Kante: Abbruch, Aufsteiger, Absteiger - wie geht es weiter?

Saison an der Kante: Abbruch, Aufsteiger, Absteiger - wie geht es weiter?

Ole Rottmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Tischtennisspieler um Serdal Ceylan vom SC Hemmingen-Westerfeld befürworten die Zwangspause wegen der Corona-Krise.
Die Tischtennisspieler um Serdal Ceylan vom SC Hemmingen-Westerfeld befürworten die Zwangspause wegen der Corona-Krise. © Dennis Michelmann
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Das Coronavirus macht natürlich auch vor den Tischtennisspielern der Region keinen Halt - sie müssen bis mindestens Mitte April pausieren. Doch wie geht es dann weiter? Wird die Saison abgebrochen, eingefroren oder ist es sogar eine Option, im Sommer durchzuspielen?

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Früher im Freibad sind beim Rundlauf reichlich Kronen verteilt worden. Zumindest gedanklich. Nachdem alle anderen um den Tisch flitzenden Teilnehmer ausgeschieden waren, erhielt der Sieger des Finals das Statussymbol des Königs als imaginäre Belohnung. Soweit, so bekannt. Mit Corona – dem spanischen Wort für Krone – ist hingegen in der Vergangenheit noch niemand in Berührung gekommen. Die derzeitige Situation – Unterbrechung des Spielbetriebs in allen Klassen und für sämtliche Wettbewerbe bis 17. April – ist für die Tischtennisgemeinde daher neu.

Insellösung ausgeschlossen

Kritiker für diese Entscheidung der Verbände gibt es kaum – einhellig befürworten die dazu befragten Vereinsangehörigen die Zwangspause in einer Sportart, in der direkter Körperkontakt im Wettkampf eher selten ist. „Wir können ja nicht einfach ausscheren und eine Insellösung schaffen“, sagt Burghard Oestreich, Trainer des Männer-Verbandsligisten SC Hemmingen-Westerfeld.

Unterstützung bekommt er vom SV Bolzum. „Und wenn es nur ein Menschenleben sein sollte, dass man damit retten kann, dann hätte sich die Maßnahme schon gelohnt“, sagt dessen Kapitän Sven Hielscher, dem die Absage auch abseits der Teamwettkämpfe zuletzt ein freies Wochenende beschert hat, da auch die Einzellandesmeisterschaft der Senioren in Hatten-Sandkrug abgesagt wurde. „Da wären ja durchaus auch Risikogruppen dabei gewesen“, sagt Hielscher. Bis zu den Senioren 80 (Geburtsjahrgänge 1936 bis 1940) hätten Teilnehmer an den Start gehen sollen.

Überhaupt gibt es beim Tischtennis in den Erwachsenenklassen mehr ältere Aktive als in vielen anderen Disziplinen.

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Wie, wann und ob die Spielzeit zu Ende geführt werden kann, ließ der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) zunächst offen und kündigte für diese Woche an, „eine bundeseinheitliche Regelung über die Folgewirkungen zu entwickeln, etwa die Entscheidung über eine Verschiebung von Wettkämpfen, deren Streichung sowie Auf- und Abstiegsregelungen“ bekanntgeben zu wollen.

"Gehe davon aus, dass Zusagen eingehalten werden"

„Ich gehe davon aus, dass diese Zusagen eingehalten werden“, sagt Oestreich, auch wenn sich der Tischtennis-Verband Niedersachsen (TTVN) etwas mehr Zeit („wir werden in den nächsten Wochen gemeinsam mit dem DTTB und den anderen Landesverbänden beraten“) ausgebeten hat.

Der SV Bolzum etwa steckt noch mitten im Abstiegskampf der Regionalliga Nord, eine Annullierung der Saison würde ihm zum Verbleib verhelfen. „Aber so willst du die Klasse ja auch nicht halten. So viel Sportsgeist sollte man schon haben“, sagt Hielscher, dessen Mannschaft durch ein Einfrieren der derzeitigen Tabelle indes in die Oberliga rutschen würde.

Die Frauen des TTK Großburgwedel um Amelie Rocheteau und Dijana Holokova (rechts) haben den Klassenerhalt in der 3. Liga Nord bereits sicher.
Die Frauen des TTK Großburgwedel um Amelie Rocheteau und Dijana Holokova (rechts) haben den Klassenerhalt in der 3. Liga Nord bereits sicher. © Michael Plümer

Für Michael Junker wäre ein Stellen auf null ohnehin keine Lösung, selbst wenn die Frauen des TTK Großburgwedel den Klassenerhalt in der 3. Bundesliga Nord so oder so bereits sicher haben. „Das geht nicht. Es gibt Vereine, die haben viel Geld für den Aufstieg investiert“, sagt der TTKG-Manager.

Blick nach Nordrhein-Westfalen

Den derzeitigen Stand als Abschlusstabelle zu interpretieren, ist gerade im Tischtennis aber auch nur schwer machbar, weil die Mannschaften durch unregelmäßige Spieltage meist nur zum Abschluss der Winterhalbserie und am Saisonende auf eine identische Anzahl von absolvierten Partien kommen und die Tabellen somit derzeit teils schiefe Bilder abgeben. „Das war in Nordrhein-Westfalen besser“, sagt Lucy Icking vom Frauen-Verbandsligisten TTV 2015 Seelze, die früher beim TTC Hagen zum Schläger griff. „Da haben alle immer samstags um 18.30 Uhr gespielt.“ Ein permanent einheitliches Tabellenbild war die Folge.

Man könnte vielleicht anhand der Halbjahrestabelle Auf-und Abstiege ermitteln, doch auch dadurch entstünden Härtefälle. „Unsere zweite Damenmannschaft war im Winter punktgleich mit den Abstiegsplätzen und ist nun Erster“, erläutert Junker.

Die Seelzerinnen Sarah Falczyk (links) und Lucy Icking wissen noch nicht, wann und wie es weitergeht.
Die Seelzerinnen Sarah Falczyk (links) und Lucy Icking wissen noch nicht, wann und wie es weitergeht. © Michael Plümer

Die Saison, die nach Ende der derzeit veranschlagten Pause in den meisten Klassen bereits beendet wäre, zu verlängern, ist eine andere Option. Die Sommerpause ist in dieser Sportart im Vergleich zu manch anderen Disziplinen lang, „man müsste dann natürlich die Wechselfrist aufheben oder verschieben“, sagt der Trainer des MTV Engelbostel-Schulenburg aus der Regionalliga Nord der Frauen, Stephan Hartung. „Und in der neuen Saison im Dezember vielleicht durchspielen.“

Hielscher plädiert sogar für eine weitere Lockerung: eine Verlagerung in den Sommer. „Viele Urlaubsreisen werden ja sowieso vermutlich storniert werden müssen“, sagt er. Dann könnte man also auch in der Ferienzeit weiterspielen. Eine planerische Herausforderung, aber sicher besser als Entscheidungen ohne sportlichen Wettkampf. „Allen ein bisschen Zeit zu geben“, hält Icking für sinnvoll. „Wir brauchen die Nachricht, wie es weitergeht, ja nicht sofort. Da muss jetzt nichts Hals über Kopf passieren“, findet die Seelzerin.

Verzerrung der Wettbewerbe droht

Doch selbst wenn es irgendwie weiterginge, wenn sich in Deutschland die Lage etwas beruhigt hat, droht eine Verzerrung der Wettbewerbe, da gerade in den leistungsorientierten Spielklassen ab Regionalliga aufwärts etliche Mannschaften ausländische Akteure einsetzen, die eigens für die Partien einfliegen und in deren Heimat in Bezug auf Corona möglicherweise andere Regelungen gelten als hierzulande. „Mädälina Moga hätte schon dieses Wochenende nicht kommen können, weil sie bei ihrer Rückkehr nach Rumänien automatisch für zwei Wochen in Quarantäne gemusst hätte“, sagt Hartung.

Schon aufgrund solcher Besonderheiten wünscht sich Junker Einzelfalllösungen. „Spielklassen, in denen alle Entscheidungen schon gefallen sind“, könne man aus seiner Sicht notfalls auch unvollständig beenden. „Ansonsten muss man zumindest die Klassen des DTTB von denen des TTVN getrennt sehen. Da herrscht ja sowieso jeweils eine eigene Denke.“

Übrigens ist die derzeitige Situation nicht die erste Begegnung des Tischtennis mit einem unangenehmen Bazillus. Vor etlichen Jahren gab es mal einen Schlägerbelag namens Virus II auf dem Markt. Allerdings hat er die Zulassung der International Table Tennis Federation für den Einsatz im Wettkampf vor einigen Jahren verloren – und darf seitdem nicht mehr verwendet werden.