17. März 2021 / 10:03 Uhr

Einer aus der aussterbenden Spezies "Typen mit Ecken und Kanten": Garbsens Tobias Quast

Einer aus der aussterbenden Spezies "Typen mit Ecken und Kanten": Garbsens Tobias Quast

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bei Tobias Quast steht mittlerweile die 3 vorn, das hindert ihn aber nicht daran, äußerst motiviert auf den Re-Start hinzuarbeiten.
Bei Tobias Quast steht mittlerweile die 3 vorn, das hindert ihn aber nicht daran, äußerst motiviert auf den Re-Start hinzuarbeiten. © Rico Person
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Es hat ordentlich gekracht zwischen Tobias Quast und Martin Kummer, dem Trainer des TuS Garbsen. Mittlerweile haben sie wieder zusammengerauft und arbeiten gemeinsam am Aufstieg in die Landesliga. Der Stürmer ist einer der Typen mit Ecken und Kanten, die immer seltener werden. Ein Portrait.

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Es gibt sie nicht mehr so oft, diese echten Typen im Fußball. Spieler, die Ausstrahlung und wirklich etwas zu sagen haben. Die authentisch sind, weil sie Ecken und Kanten haben und kein Blatt vor den Mund nehmen. Persönlichkeiten, die sich mit vollem Einsatz und Herzblut für ihre Mannschaft reinhauen und sich mit dem Klub identifizieren.

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Einer dieser unverfälschten Kicker ist Tobias Quast vom TuS Garbsen. Es hat schon ordentlich gekracht zwischen Trainer Martin Kummer und dem gelernten Mittelstürmer, doch die Wogen sind längst geglättet. Mittlerweile ist das Verhältnis geprägt von gegenseitiger Wertschätzung und verbindender Fußballverrücktheit. Beide wollen mit dem TuS hoch hinaus in der Bezirksliga 4.

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Der Name Quast taucht in der regionalen Fußballszene mehrfach auf: Tobias, Dustin, Marvin und Daniel: Vier Brüder, allesamt richtig gute Kicker, die in ihren Anfängen unter Trainer und Vater Carsten Quast beim TSV Stelingen dem Leder nachjagten. Bastian Hellberg lotste die jungen Quast-Talente nach und nach zum Heeßeler SV; der ehemalige Bundesliga-Profi von Hannover 96 coachte einst bei den Grün-Weißen die C-Junioren.

Nächste Stationen von Tobias Quast waren die U17 und U19 des TSV Havelse. „In meinem ersten Herrenjahr habe ich für den TSV Havelse II in der Bezirksliga gestürmt, unter Trainer Werner Möhring“, erinnert er sich. „Das hat echt Bock gemacht, eine tolle Truppe.“

Kummer und Quast - zwei Freunde klarer Worte

Im Alter von 20 Jahren ging er zurück nach Stelingen, erhielt in der Landesliga aber nicht die erhofften Einsatzzeiten, „ich kam halt nicht am gesetzten Stürmer Michael Huntemann vorbei“. Nach einem Intermezzo beim TSV Horst – in alter Verbundenheit zum inzwischen dort tätigen Coach Möhring – fand er seine Fußball-Heimat beim TuS Garbsen.

Im Sommer 2014 stieg Quast mit dem TuS in die Landesliga auf, nach zwei Spielzeiten ging es wieder eine Etage runter. Das Verhältnis zwischen Coach Kummer und dem Heißsporn war nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. „Martin ist ein Freund der klaren Worte. Und ich auch. Da gerät man schon mal aneinander“, sagt Quast. Den Verein verlassen war für den Angreifer keine Option. Stattdessen spielte er in der Kreisligamannschaft. „Das ganze Umfeld beim TuS Garbsen macht Spaß. Egal ob in der Ersten oder der zweiten Herren. Wer einmal bei uns gelandet ist, der bleibt auch“, sagt der 30-Jährige.

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Hozan Partawie (SG Letter 05): Im Auswärtsspiel beim SV Türkay Spor Garbsen hat der 35-jährige Torhüter drei Elfmeter binnen drei Minuten pariert. Dafür wurde er mit 29,4 Prozent der Stimmen der Held der Woche. ©

Dass er mit seinem Kumpel Justin Fehder 2018 die Kneipenmannschaft SG Eichenshooter gegründet hat – alles Stammgäste der Garbsener Gaststätte Zur Eiche, die beim TuS oder dem TSV Schloß Ricklingen spiel(t)en – ist eine weitere bemerkenswerte Geschichte. Die Eichenshooter gewannen das Gilde-Kneipenturnier beim SPORTBUZZER Masters 2019 – und verteidigten den Titel im Januar vergangenen Jahres. Seit Saisonbeginn läuft Quast auch wieder im Dress der Kummer-Elf auf, zusammen mit seinen Freunden Kevin Kainka und Fehder.

"Tobi ist ein echter Typ, eine Bank vorne drin"

Der Disput mit dem Trainer ist längst beigelegt. „Wir sind beide ruhiger geworden“, sagt Quast augenzwinkernd. Kummer lobt: „Tobi ist ein echter Typ. Ein Charakterspieler, der immer 100 Prozent für das Team gibt. Er ist ein kämpferisches Vorbild und eine wichtige Anspielstation, eine Bank vorne drin. Wenn er die nötige Fitness hat.“

Fitness ist ein gutes Stichwort, denn die brachte Quast nicht immer mit. Doch momentan ist er so gut in Form wie lange nicht: 13 Kilogramm sind seit Dezember runter. Der Stürmer zählt zu dem Kreis an Spielern, die mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben. Selbst Gerd Müller, einer der besten deutschen Stürmer aller Zeiten, musste sich in den Sechzigerjahren Hänseleien wegen seiner überschüssigen Pfunde gefallen lassen.

Auch Quast kann ein Lied davon singen, insbesondere an eine Begebenheit erinnert er sich nur zu gut: „Bei einem Training der Zweiten sind wir um den Blauen See in Garbsen gerannt. Als Einziger musste ich einen Medizinball mitschleppen. Kommentar von unserem Trainer ­Sebastian Krüger: Kannst Du mal sehen, das sind die zehn Kilo, die Du zu viel drauf hast.“

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Trotz der Corona-Zwangspause läuft es bei Quast – im Wortsinn. „Ich laufe täglich 45 Minuten, wenn es die Arbeit zulässt. Vor Weihnachten habe ich mir sogar ein Laufband zugelegt“, sagt der Garbsener. „Wir haben eine Mannschaftsgruppe, in die jeder seine Laufeinheiten einstellt. Da muss ich ja schauen, dass ich mit den Jungspunden mithalte. Meine Ernährung habe ich auch umgestellt. Ich fühle mich derzeit topfit.“

Früher habe er mal im defensiven Mittelfeld gespielt. „Ich war der ultimative Sechser, so langsam komme ich da wieder hin“, sagt er grinsend. Er wäre also bereit für die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs. „Natürlich sind wir alle motiviert, in die Landesliga aufzusteigen.“

München ist immer eine Reise wert

Die sportlichen Ziele und Ergebnisse sind das eine. Mindestens ebenso wichtig ist ihm aber die Gemeinschaft. „Wir sitzen normalerweise nach dem Training oft noch länger zusammen, machen den Grill an, trinken ein Bierchen, quatschen und flachsen rum – das fehlt jetzt.“

Der TuS Garbsen ist quasi Quastsche Familiensache, Dustin stürmt ebenfalls in der Bezirksligaformation, Daniel ist für die Reserve am Ball. Nur Marvin geht in Schloß Ricklingen fremd. Die Quast-Brüder fahren auch gern mal zusammen nach München und steuern die Allianz-Arena an. „In der Hinsicht verstehe ich mich mit Martin Kummer super, er ist auch Bayern-Fan“, sagt Tobias Quast, der jüngst seinen Meister im Elektroniker-Handwerk gemacht hat. Privat fand er sein Glück mit Lara, im vergangenen Jahr wurde geheiratet. Ende Mai erwartet das Paar Nachwuchs: Es wird ein Mädchen – die Kleine dürfte nicht nur die Herzen der Familie Quast im Sturm erobern.