22. Mai 2020 / 12:12 Uhr

Tobias Rau: Wie ein Braunschweiger das erste VfL-Tor für Deutschland machte

Tobias Rau: Wie ein Braunschweiger das erste VfL-Tor für Deutschland machte

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Auf dem Weg zum ersten Länderspieltor eines VfLers - und das noch in Wolfsburg: Tobias Rau 2003 beim 4:1 gegen Kanada.
Auf dem Weg zum ersten Länderspieltor eines VfLers - und das noch in Wolfsburg: Tobias Rau 2003 beim 4:1 gegen Kanada. © dpa
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie „Jeden Tag ein Tor“ stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht’s im letzten Teil der Serie um ein spezielles Länderspieltor.

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 war das, was man einen Traumtag nennt, ein Moment für die Ewigkeit. Erstes Länderspiel in Wolfsburg, und Tobias Rau war als VfLer dabei, absolvierte sein drittes Länderspiel. Und traf. Zum 4:1 gegen Kanada, das erste Länderspieltor eines VfLers. War es ein Traumtag für ihn? „Ja, dieses Spiel liegt in meinen Erinnerungen ganz weit vorn. Das war schon extrem besonders.“ Hinzu kam: „Ich habe getroffen. Und das ist mir ja nicht oft gelungen.“ Einmal in der Bundesliga – für den VfL. Für den schmächtigen Blondschopf, der zwei Jahre auf der linken Seite des VfL brilliert hatte, war es auch ein Abschied. „Es war ja mein letztes Spiel als Wolfsburger in Wolfsburg. Und ich hatte in einem Länderspiel Heim-Support, das war schon fantastisch.“

"Hätte mehr Tore machen müssen"

In der Tat: Mit 25.000 Besuchern war die VW-Arena gegen den wenig namhaften Gegner nicht ganz voll, aber stimmungsvoll. „Hinzu kam: Ich glaube, ich habe auf dem Spiel auf vier Positionen gespielt, linker Verteidiger, linke Seite, rechte Seite und auch noch als Zehner.“ Sein Tor gegen den Außenseiter, der im Freundschaftsspiel aber geführt hatte, es war spät gefallen. Nach einem ordentlichen Linksschuss. „Nicht so hart, aber ganz gut getroffen“, erinnert sich Rau. „Und eigentlich hätte ich mehr Tore machen müssen.“

Der Traumtag – es hätte der vorläufige Höhepunkt eines Weges sein können, der ihn mit seiner Begabung zügig nach oben geführt hatte. Über seinen Jugendklub SF Ölper und der damals drittklassigen Eintracht aus Braunschweig war er 2001 zum Bundesligisten VfL gekommen. Nationalmannschaftskandidat, Nationalspieler unter Rudi Völler, im Visier großer Klubs, Vertrag bei Bayern München, es sah aus wie eine Bilderbuchkarriere.

Hoeneß hätte ihn beinahe nicht erreicht

Zum Rekordmeister war Rau vor seinem Länderspiel in Wolfsburg gewechselt. Anekdote: Seine damalige Freundin hätte fast aufgelegt, als Bayern-Boss Uli Hoeneß anrief, um mit Rau zu reden. Sie kannte den Namen nicht, reichte den Hörer dann doch weiter, Rau gab Bayern die Zusage. Doch in München lief es nicht. Nur 13 Einsätze in zwei Jahren, viele Verletzungen, Rau erlebte die Schattenseiten, wurde nachdenklich.

Lieber Lehrer als Fußball-Star

Sein Weg führte nach Bielefeld, dort lief es noch einmal besser, doch 2009 – mit erst 27 – entschloss er sich, dem Profifußball den Rücken zu kehren. Ein vielbeachteter und viel diskutierter Schritt. Rau, der nie abgehoben daherkam, erinnert sich: „Der Zauber war irgendwie verflogen.“ Er hatte allerdings immer schon die Zeit nach dem Fußball im Hinterkopf gehabt, fiel nicht in ein Loch, sondern studierte Biologie, Pädagogik und Sport fürs Lehramt, ist inzwischen Lehrer für Biologie und Sport, unterrichtet Klassen bis zum Abitur, ist Klassenlehrer einer siebten Klasse. Und erfreut sich der Rolle als Familienvater. Sohn Bela ist eineinhalb.

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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Zum Durchklicken: 12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg ©

Der Zauber ist verflogen – das galt allerdings nur für den Profi-Fußball und seine eigene Karriere. Fußballer blieb er, kickte noch für den TV Neuenkirchen bei Osnabrück auf Kreisebene bis 2018. Dem Fußball ist er aber auch als Beobachter und inzwischen als Mitgestalter treu geblieben, freute sich über den Neustart der Bundesliga, „auch wenn es nur Geisterspiele sind“. Und er hielt auch Kontakt zum Ex-Klub Wolfsburg. „Da gab es schon noch Verbundenheit und viel Kontakt, auch durch meinen Beruf über den außerschulischen Lernort, den der VfL anbietet.“

Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Verbunden blieb er aber noch mehr mit seiner Heimat und seinem Heimatklub, weshalb die Drähte nach Wolfsburg ein wenig dünner geworden sind. Lokalrivalität. Rau ist seit 2018 Aufsichtsratsmitglied bei Eintracht Braunschweig. Zu helfen, diesen Verein aus der dritten Liga wieder nach oben zu bringen, wäre für ihn eine Herzensangelegenheit. Und dann vielleicht ähnlich hoch bei ihm angesiedelt ist wie der 1. Juni 2003, nach dem die Wolfsburger Allgemeine titelte: „Tobias Rau: Ein Traumtag setzt sein Fußball-Märchen fort“.

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Seine Schüler wissen, dass er mal Bundesliga-Spieler war

Tobias Raus Bundesliga-Zeit liegt weit zurück, doch er hat sogar unter seinen Schülern festgestellt: „Die meisten kennen mich irgendwie. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich nach meinem Rückzug aus dem Profi-Geschäft bald mehr Interviews geben sollte, als in meiner aktiven Zeit.“ Und wenn jemand ein Autogramm möchte – „kein Problem“, sagt Rau schmunzelnd, „ich habe noch Autogrammkarten genug. Beim FC Bayern bekamen wir 500 pro Woche.“