17. Juni 2018 / 20:45 Uhr

Tobias Rau zur VfL-Linksverteidiger-Suche: "Wolfsburg braucht einen Arbeiter"

Tobias Rau zur VfL-Linksverteidiger-Suche: "Wolfsburg braucht einen Arbeiter"

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der ehemalige Nationalspieler Tobias Rau hat klare Vorstellungen, was die Besetzung der Linksverteidiger-Position beim VfL Wolfsburg anbelangt. 
Der ehemalige Nationalspieler Tobias Rau hat klare Vorstellungen, was die Besetzung der Linksverteidiger-Position beim VfL Wolfsburg anbelangt. 
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Der ehemalige Wolfsburger und Ex-Nationalspieler Tobias Rau weiß, was die Position ausmacht, für die der neue VfL-Geschäftsführer Jörg Schmadtke einen neuen Spieler sucht

Tobias Rau hängt seine Fußballschuhe in diesem Sommer an den Nagel. Also: diesmal endgültig. Auch dem Ligabetrieb im Amateurfußball (beim TV Neuenkirchen) entsagt er nun, „ein bisschen kicken“, das reicht ihm neuerdings. 2009 hatte der Ex-Nationalspieler bereits seine Profi-Laufbahn überraschend und vorzeitig beendet, mit 27 Jahren – um studieren zu gehen und Lehrer zu werden. Sport und Biologie unterrichtet der 36-Jährige heute an einer Gesamtschule in Borgholzhausen, in der Nähe Bielefelds. Zu Ex-Klub VfL Wolfsburg hat er weiterhin „regelmäßig Kontakt“, von 2003 bis 2005 schaffte er dort seinen Bundesliga-Durchbruch und gab im Februar 2003 sein Länderspiel-Debüt (insgesamt acht Einsätze) als Linksverteidiger. Auf der Position, auf der die Wolfsburger noch eine Planstelle zu besetzen haben.

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Herr Rau, Sie müssen es ja wissen, was macht einen guten Linksverteidiger aus?
Auf dieser Position braucht man einfach einen Arbeiter. Es ist in Wolfsburg ja oft auch so gewesen, dass man links offensiv jemanden hat, der seine Stärken eher nach vorne hat und nicht unbedingt viel nach hinten arbeitet. Und dahinter braucht man dann einen Spieler, der schnell ist, der zweikampfstark ist und der einfach 90 Minuten lang beißt und Vollgas gibt.

Wen gäbe es da im VfL-Kader?
Vom Typ her sehe ich Steffen als so einen Spieler und er hat ja auch noch Zeit, sich da weiterzuentwickeln. Das wäre schon mal eine Möglichkeit. 

Wie schwierig ist es, einen guten Linksverteidiger zu finden?
Das ist natürlich eine Position, auf der man selten positiv auffällt. Man ist eher fleißig und am arbeiten. Es gibt ganz wenige, die auf der Position wirklich glänzen können. Im Gegenteil, man wird eher mit Gegentoren in Verbindung gebracht; wenn man eine Flanke nicht verhindert hat, oder man am langen Pfosten nicht die Größe hat, das Kopfballduell zu gewinnen, um das Tor zu verhindern. Von daher hat der Linksverteidiger schon einen eher undankbaren Job.

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Wen würden Sie holen?
Auf Anhieb fällt mir da niemand ein (lacht). Aber auf der Position macht es viel Sinn, sich nach jungen Spielern umzuschauen, die wirklich Gas geben. Ich würde eher weniger nach jemandem Gestandenen suchen, der versucht, das Spiel mit Auge zu machen.

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Mit Gian-Luca Itter gäbe es einen 19-jährigen, talentierten Spieler im Team. Absolut! Diese Position eignet sich so gut wie keine andere, einem solchen Jungen die Chance zu geben. Er würde die Dinge, die in meinen Augen wichtig sind, eher mitbringen als ein älterer Spieler.

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Das ist auch ein guter Spieler. Das Problem ist, dass man wahrscheinlich ordentlich Geld ausgeben müsste, oder?

Wohl rund 8 bis 10 Millionen.
Puh, das ist ein ganzer Haufen. Und wenn ich aus der vergangenen Saison sehe, wieviele teure Spieler nicht funktioniert haben, dann ist das einfach schade. Da hätte ich ein besseres Gefühl, ein junges Talent, was lange nicht so teuer ist, lieber selbst auszubilden.

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So wie bei Ihnen damals?
Ja, auch für mich war der Linksverteidiger als 19-Jähriger zum damaligen Zeitpunkt genau die richtige Position, ich war 2001 für ganz wenig Geld aus Braunschweig gekommen. Es hat keiner damit gerechnet, dass ich nach dem 3. Spieltag schon Stammspieler wurde. Trainer Wolfgang Wolf hat auf mich als jungen Spieler gesetzt – zu der Zeit war das noch eher selten. Aber ich kam in dem Alter eben viel über die Physis, das habe ich schon gemerkt – und das kam mir sehr zu Gute.

Einer Ihrer Nachfolger auf der Position wird nun Sportdirektor – ist es eine gute Entscheidung, Marcel Schäfer zurückzuholen?
Ich habe ihn mal kennengelernt. Aus der Entfernung bin ich auf jeden Fall von dieser Maßnahme, sich Identifikation in den Verein zurückzuholen überzeugt.

Was ist jetzt noch wichtig für den Klub?
Wenn ich an Wolfsburg denke, würde ich mir wünschen, dass mal wieder eine geradlinige Struktur des Kämpfens reinkommt, keine des Gutaussehens und Glänzens.

Was meinen Sie?
Ich habe so ein innerliches Bauchgefühl, dass eine Kämpfermentalität in den entscheidenen Situationen der letzten zwei Spielzeiten dafür gesorgt hätte, dass man mal fünf Meter mehr nach hinten macht, sich quält und nicht abschaltet, bevor vielleicht das Gegentor fällt. Die paar Prozent, die Kopfsache sind, haben mir gefehlt.

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Inwiefern Kopfsache?
Ich habe schon das Gefühl, dass Mentalität da eine Rolle spielt und diese nicht zu hundertprozent ausgeprägt ist. Es ist einfach total wichtig, dass man sich richtig mit dem Verein identifiziert. Andernfalls kommt es zu dieser Entwicklung in Wolfsburg, die nicht erfreulich ist: Dass die Kluft zwischen Zuschauern und Spielern immer größer wird, weil einfach so extreme Gelder im Spiel sind. Oft kommt bei den Fans vielleicht auch hoch, dass Fußballer schnell satt sind, weil sie diese unglaublichen Summen kassieren. Fehler werden von ihnen kaum noch verziehen und irgendwo kann man das ja auch nachvollziehen, wenn jemand so viel kostet und verdient. 


Wo muss Geschäftsführer Jörg Schmadtke nun anpacken?
Er muss genau gucken, was sind das für Typen, die ich haben will. Die Motivation der Spieler muss von innen kommen, die kann man nicht von außen entstehen lassen – und dann hält sie auch lange. Da muss man das Talent vielleicht auch mal beiseite schieben. Ich habe aber den Eindruck, dass Schmadtke da sehr kompetent ist, diese menschlichen Eindrücke zu erkennen.

​"Eigentlich müsste der VfL versuchen, europäisch zu spielen."

Tobias Rau, Ex-Wolfsburger

Und sonst? Die Situation ist schwer zu analysieren, aber zuletzt war das wirklich zum Haareraufen. Es war ganz oft so, dass ich mir Spiele einfach nicht erklären konnte. Ich hatte manchmal den Eindruck, es wird gut gespielt und dann kippte es wieder und Gegentore sind aus dem Nichts gefallen.

Was ist drin für den VfL in der Saison 2018/19? Eigentlich müsste der VfL nach oben gucken und versuchen, europäisch zu spielen – und nicht gegen den Abstieg. Aber man ist jetzt gut beraten, wenn man nicht mit großen Erwartungen in die Saison geht – und dann ist es natürlich umso schöner, wenn man sich selbst überrascht. Ich bin gespannt.

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