09. Mai 2021 / 11:25 Uhr

Blut und geplatzte Olympia-Träume: Myanmar-Schwimmer gibt Einblicke nach Militärputsch 

Blut und geplatzte Olympia-Träume: Myanmar-Schwimmer gibt Einblicke nach Militärputsch 

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Win Htet Oo (kleines Bild) unterstützt die Protestbewegung in Myanmar und nimmt deshalb nicht an Olympia teil.
Win Htet Oo (kleines Bild) unterstützt die Protestbewegung in Myanmar und nimmt deshalb nicht an Olympia teil. © AP/Angie Oo/Montage
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Bei den Olympischen Spielen sein Land zu vertreten, ist der Traum vieler Sportler. Der Schwimmer Win Htet Oo hat ihn begraben. Nach dem Militärputsch in Myanmar wird er aus Protest gegen die Gewalt nicht für sein Land starten. RND-Korrespondent Felix Lill erklärt die Hintergründe.

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Win Htet Oo will nicht mehr. Oder sollte man besser sagen, er kann nicht mehr? Sein Leben lang hat der Freistilschwimmer davon geträumt, ein Olympionike zu werden. Aber nach 20 Jahren, die er auf dieses Ziel hingearbeitet hat, sieht der 26-Jährige keinen Grund mehr dafür. "In der Parade der Nationen werde ich nicht unter der Flagge eines Landes marschieren, die eingeweicht ist im Blut meines Volkes." Es ist eine pathetische Art zu sagen: Sofern die Olympischen Spiele von Tokio diesen Sommer stattfinden, wird Win Htet Oo nicht für sein Land starten wollen.

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Er will kein Land vertreten, deren Machthaber Gewalt gegen die eigene Bevölkerung anwenden, um ihre Macht zu sichern. Vor allem dann nicht, so der Schwimmer, wenn die Sportinstitutionen des Landes ihre Machthaber stützen. Anfang Februar putschte sich Myanmars Militär an die Macht, nachdem die Wahlen im November nicht nach dessen Vorstellungen ausgegangen waren. Die Nationale Liga für Demokratie, angeführt von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, hatte eine erdrückende Mehrheit errungen. Ohne Beweise vorzulegen, sprach das Militär von Wahlbetrug. Im Februar setzten die Generäle dann Aung San Suu Kyi und ihre demokratisch gesinnten Mitstreiter fest und erklärten den Ausnahmezustand. Immer wieder sind Tausende auf den Straßen, um die erst vor einem Jahrzehnt zaghaft eingeführte Demokratie zu verteidigen.

Das Militär reagiert mit der Gleichschaltung der Medien und rund 750 Menschen sind schon gestorben, Tausende verhaftet. Der Konflikt spitzt sich auch deshalb so zu, weil nicht nur das Militär kompromisslos ist. Die Demonstranten haben das Land mit Generalstreiks lahmgelegt. Win Htet Oo ist nicht der einzige Sportler, der Partei ergriffen hat. Im März ging die Taekwondo-Kämpferin Ma Kyal Sin eines Vormittags auf die Straße, um gegen den Putsch zu demonstrieren. Am Nachmittag wurde sie erschossen. "Ihr Leben, das voll von Opferbereitschaft war, verkörpert auf perfekte Weise die Werte, die wir uns von unseren Sportsleuten erhoffen", lobte Win Htet Oo in einem Brief an die Öffentlichkeit seines Landes, in dem er auch seinen Olympiaboykott erklärte.

Solidarität mit der Demokratiebewegung

Schon zu Anfang der Proteste solidarisierte sich die Badmintonspielerin Thet Htar Thuzar mit der Bewegung. Über Facebook hatte Thuzar die Demonstranten unterstützt und ermutigt. Kurz darauf war ihr Profil nicht mehr verfügbar. Auch der Fußball wurde zur politischen Plattform. Die nutzte der U23-Nationalspieler Hein Htet Aung, der beim malaysischen Klub Selangor FC spielt. Der 19-jährige zeigte beim Torjubel den Gruß der drei ausgestreckten Finger, den die myanmarische Demokratiebewegung in Anlehnung an die Filmreihe "Tribute von Panem" nutzt. Hein wurde eine Woche gesperrt. "Fußball muss über Rasse, Religion und Politik stehen", erklärte der Verbandspräsident Baljit Singh Sidhu. Eine Haltung, die man auch aus der olympischen Bewegung kennt.

Erst Ende April wurde bekräftigt, dass Athleten Athletinnen keine politischen Statements machen mögen. Schließlich sollen Wettbewerbe zur Verständigung der Menschen beitragen statt zu deren Spaltung. Dass der Sport an sich unpolitisch sein könne, treffe auf das gegenwärtige Myanmar aber nicht zu, sagt Schwimmer Win Htet Oo. "Das Myanmarische Olympische Komitee ist eine Marionettenorganisation des Militärregimes." Schließlich sei der vom Putschregime eingesetzte Minister für Gesundheit und Sport zugleich Vorsitzender des nationalen olympischen Komitees. Die Sportlerinnen und Sportler, die sich unbeirrt gegen das Putschregime stellen, sind deshalb solche, die sich im Ausland aufhalten. Win Htet Oo lebt in Australien, hat deshalb weniger zu befürchten als seine eingeschüchterten oder erschossenen Sportkameradinnen.