28. April 2020 / 11:18 Uhr

Hinter den Kulissen: Brandenburger Marco Michelis arbeitet als Tontechniker im Profisport

Hinter den Kulissen: Brandenburger Marco Michelis arbeitet als Tontechniker im Profisport

Stefan Peglow
Märkische Allgemeine Zeitung
Tontechniker Marco Michelis kennt nach 15 Jahren im Beruf jedes Stadion der Fußball-Bundesliga und hofft, dass bald wieder gespielt wird.
Tontechniker Marco Michelis kennt nach 15 Jahren im Beruf jedes Stadion der Fußball-Bundesliga und hofft, dass bald wieder gespielt wird.
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Der Ex-Prignitzer Marco Michelis befindet sich wie die Profikicker seit Wochen in der Coronapause und wartet darauf, dass die Meisterschaft weiter geht.

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Marco Michelis war dabei. Er war Teilnehmer am ersten Geisterspiel in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Am 11. März 2020 spielten Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln im Borussia-Park vor leeren Rängen. Für den aus Bad Wilsnack stammenden Tontechniker war das ein fast schon surreales Erlebnis.

Michelis arbeitet für die Berliner Firma TopVision, die für diverse Fernsehsender Fußballspiele überträgt, darunter für Sky. Dazu kommen unter anderem Einsätze im Wintersport. Übertragungen vom Biathlon-Weltcup und von der Vierschanzentournee im Skispringen. „Und vom Tennis, den Gerry Weber Open zum Beispiel – jetzt heißt es ja Noventi Open“, zählt Michelis weiter auf. Derzeit gibt es für ihn beruflich aber nichts zu tun. Er sitzt seit Wochen zuhause in Potsdam. Als er überlegen muss, wie viele Wochen genau, atmet er erstmal durch und holt aus: „Mein bislang letztes Spiel war das am 9. März, einem Montagabend in Stuttgart, wo schon einige mit Mundschutz im Stadion waren. Es folgte dann am 11. März das erste Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte in Mönchengladbach“, erinnert sich der Tontechniker. Und fährt fort: „Das war schon ein komisches Gefühl. Sonst ist Gladbach gegen Köln ein Derby. Bei diesen Spielen habe ich schon viel erlebt. Aber diesmal kam es uns allen vor, als wäre es ein Testspiel. Und wir durften mit dem Team wegen der Ansteckungsgefahr nicht wie sonst durch den Spielertunnel.“ Zwei Tage später, am 13. März, ging es für ihn und seine Kollegen nach Düsseldorf. Zur Bundesliga-Partie der Fortuna gegen den SC Paderborn am Freitagabend um 20.30 Uhr. „Das wurde aber nach dem kompletten Aufbau – wir hatten um 13 Uhr begonnen – um 16 Uhr abgesagt.“ Es folgten der Abbau der Technik und die Heimreise.

In Bildern: Marco Michelisverkabelt die Superstars des Sports.

Gemeinsam mit Weltfußballer Lionel Messi auf einem Bild – selbst für Marco Michelis etwas ganz Besonderes. Zur Galerie
Gemeinsam mit Weltfußballer Lionel Messi auf einem Bild – selbst für Marco Michelis etwas ganz Besonderes. © Privat/2005 Getty Images

Seitdem ist er in Kurzarbeit, verbringt die Zeit mit seiner Frau und den drei Kindern in den eigenen vier Wänden. Vormittags dreht sich in der Regel alles um die Hausaufgaben des Nachwuchses. Am Nachmittag geht es dann raus in den Garten. „Für die Kinder und mich ist die gemeinsame Zeit natürlich toll – da kann man sich schon dran gewöhnen“, meint Michelis lachend. Sonst kann er oft nur unter der Woche etwas mit den Jüngsten unternehmen. Denn beruflich ist er gerade an den Wochenenden viel unterwegs. Vor allem in Deutschland, aber auch im europäischen Ausland.

Acht Endspiele der Champions League hat er schon live miterlebt und war bei Länderspielen im Einsatz. Nun hofft der 40-Jährige darauf, dass es in der Fußball-Bundesliga die nächsten Geisterspiele geben wird. „Da wird ja dran gearbeitet. Vielleicht klappt es schon Mitte oder Ende Mai. Je nachdem ob die DFL die strengen Auflagen, die noch diskutiert werden, erfüllen kann.“ Michelis weiß aber auch um die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz, selbst unter den Fans: „Vielleicht gibt es gar keine Bundesligaspiele mehr in diesem Jahr.“

Die negativen Gedanken schiebt Michelis vorerst beiseite. Lieber verbringt er nun Zeit mit den Kindern. Außerdem konnte er endlich sein „Projekt Keller“ umsetzen. Den hat er mit seiner Frau erstmal etwas beräumt, auch die Tischtennisplatte wurde reaktiviert. „Und ich habe zwei neue Regale aufgestellt.“ In denen lagert Michelis unter anderem diverse Devotionalien aus seiner mittlerweile schon 15-jährigen Tätigkeit als Techniker bei Großveranstaltungen. Zahlreiche Prints von Schnappschüssen, die ihn mit Profisportlern zeigen, hat er mittlerweile gekonnt unter Glasträgern arrangiert – es sind acht Potpourris erlebter Champions-League-Finals.

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„Ja, wir machen viele große Sportveranstaltungen, aber eben auch andere. 2015 haben wir zum Beispiel die Tonaufnahmen für die DVD der Band Böhse Onkelz am Hockenheimring gemacht.“ Das Freiluftkonzert mit rund 100000 Fans sei ein „überwältigendes Erlebnis“ gewesen. Aber auch der G20-Gipfel „war sehr aufregend, weil es da drunter und drüber ging in Hamburg“, erzählt Michelis.

Am liebsten denke er aber natürlich an die Champions-League- und Bundesliga-Übertragungen zurück. An die Experten-Runden vor und nach dem Spiel, die Moderatoren von Sky, ARD und ZDF. Man kenne sich nach so langer Zeit mitunter ganz gut. Unter anderem Ulli Potofski, den er im vergangenen Dezember für eine Buchvorlesung in seine Heimatstadt Bad Wilsnack vermittelte. „Ich habe vor Jahren aber auch schon mit Kloppo (Jürgen Klopp, Anm.d.Red.) auf dem Spielfeld abgeklatscht. In einer Übertragungspause wollte er mal Bratwurst für die Moderatoren und das Aufnahmeteam holen“, erinnert sich Michelis schmunzelnd an eine Anekdote aus dem Stadion. „Als Johannes Kerner das dann mit Verweis auf Jürgens Popularität übernehmen wollte, sprang die Aufnahmeleitung dazwischen und untersagte allen Beteiligten das Verlassen des Sets. Die Bratwurst gab es natürlich trotzdem.“ Ein besonderes Verhältnis hat Michelis zu Lothar Matthäus. Der gratulierte ihm im vergangenen Jahr sogar per Videobotschaft zum 40. Geburtstag. Viele Profis seien eben „echt locker“.

„Man sieht sich sicher wieder, sobald die Saison mit Geisterspielen fortgesetzt werden kann.“ Konkrete Infos dazu hat auch Michelis noch nicht. „Es heißt abwarten. Wie in der Sommerpause.“ Wohnhaft direkt an der Döberitzer Heide will Michelis die gewonnene Freizeit solange für Ausflüge mit der Familie nutzen. „Dann ist die Welt in Ordnung und man denkt nicht mehr an Corona.“