04. Dezember 2020 / 17:23 Uhr

Top-Spiele in 100 Jahren Alfred-Kunze-Sportpark: 1990/91 FC Sachsen besiegt Dynamo Dresden

Top-Spiele in 100 Jahren Alfred-Kunze-Sportpark: 1990/91 FC Sachsen besiegt Dynamo Dresden

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Packende Zweikämpfe, wie hier zwischen Leitzke (r.) und Schößler, prägten die Partie der Leipziger Sachsen gegen Dynamo Dresden.
Packende Zweikämpfe, wie hier zwischen Leitzke (r.) und Schößler, prägten die Partie der Leipziger Sachsen gegen Dynamo Dresden. © Klaus-Dieter Gloger
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In diesem Jahr feiert eine der traditionsreichsten Spielstätten des Leipziger Fußballs ihren 100. Geburtstag – der Alfred-Kunze-Sportpark. Unzählige Fußballspiele fanden seither dort statt und zogen die Massen in ihren Bann - erst die TuRa, dann Chemie, später der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie. Wir stellen in einer zehnteiligen Reihe die spannendsten und denkwürdigsten Spiele vor.

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Die letzte Saison der DDR-Oberliga: Schicksalsserie für die DDR-Vereine. Es lockte die große Bundesliga, es drohte aber auch Amateurgekicke auf den Dörfern. Nur die beiden Erstplatzierten stiegen in die Bundesliga auf, der Dritte bis Sechste in Liga zwei. Für die Chemiker, die sich 1990 in FC Sachsen umbenannt hatten, begann die Serie großartig; nach Spieltag fünf belegte man Tabellenrang zwei. Es folgte der Spielabbruch samt 0:2-Wertung gegen Jena und der tiefe Sturz. Der tote Berliner Hooligan beim Spiel gegen den FC Berlin, Führungschaos, Trainerentlassung: Es stand zwischendurch nicht gut um die Leutzscher. Dann kam Frank Engel – direkt aus Südkorea.

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Der frühere Nachwuchstrainer bei Chemie hatte zuvor viele Jahre erfolgreich Nachwuchs-Auswahlteams der DDR betreut und avancierte 1988 sogar für ein halbes Jahr zum Nationaltrainer der DDR. Kurz nach der Wende war er als erster deutscher Trainer nach Südkorea gegangen, und folgte im November 1990 dem Ruf aus seiner Leutzscher Heimat. Er schaffte es, wieder Ruhe und Verstand in den taumelnden Verein zu bringen und legte mit dem Team eine respektable zweite Halbserie hin. Höhepunkt war das Spiel gegen Dynamo Dresden. Der Vorjahresmeister und aktuelle Tabellenzweite kam unter Siegzwang in den damaligen Georg-Schwarz-Sportpark.

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Obwohl der FC Sachsen die Preise gesenkt hatte, kamen nur 5.000 Fans nach Leutzsch. Diese jedoch sorgten für ohrenbetäubenden Lärm, um ihre Lieblinge zu motivieren. „Wir haben denen richtig auf die Socken gehauen“, gibt der eisenharte Uwe Lüdtke, damals Verteidiger der Sachsen, in der Rückschau zu. „Lü“ kannte seinen Gegenspieler Jörg Stübner (†) aus der Juniorenauswahl, wo sie beide unter Trainer Frank Engel spielten: „Ich hab Stübs etwas härter angefasst und ihm gesagt: du kennst mich doch, außerdem sind wir hier in Leutzsch“. Erwähnter Frank Engel hatte keinen Grund, seine Heißsporne zu zügeln: „Wir hatten nicht viel zu verlieren, deshalb musste ich das Team nicht besonders motivieren“. Einen Spieler schon erst recht nicht: Andreas Diebitz.

Der Manndecker war nach 61 Oberligaspielen für Dynamo ausgemustert und für 10.000 Mark Gebühr an den FC Sachsen ausgeliehen worden. „Es hieß, ich sei zu schwach für die Bundesliga“, erinnert sich „Diebe“. Wie es im Leben und besonders im Fußball eben so spielt, rückte ausgerechnet der Verschmähte in den Mittelpunkt, als er mit einem Frustschuss aus 25 m ins Dresdner Tor traf und somit den Überraschungssieg über den späteren Bundesligaaufsteiger perfekt machte. „Natürlich wollte ich beweisen, dass ich zu Unrecht nicht in der Mannschaft Dynamos stehe“, gab der Torschütze zu, machte aber keinen Hehl daraus, dass er jederzeit auch zu Dynamo zurückkehren würde.


Angebot von Lok Leipzig abgelehnt

Der FC Sachsen schnupperte nach dem Sieg gegen Dynamo noch einmal Morgenluft, trotzte dem späteren Meister und Bundesligaaufsteiger Hansa Rostock ein 1:1 ab und gelangte in die Relegation. Dort allerdings sah man keinen Stich und stieg ab. „Normalerweise hatten wir mit dem 12. Platz und sechs Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz die Klasse gehalten. Man hätte mich und meinen Co-Trainer Achim Steffens wahrscheinlich in einer Doppelschubkarre durch Leipzig kutschiert“, vermutet Engel in seiner soeben erschienenen Biografie „Ein Engel zwischen Himmel und Hölle“. Stattdessen Ernüchterung und Amateuroberliga. Somit bleibt Engel der letzte Erstligatrainer, den Chemie jemals hatte.

Und Torschütze Andreas Diebitz? Der blieb noch ein Jahr beim FC Sachsen und ging, als Ede Geyer Trainer in Leutzsch wurde – der Grund war ein kurioser. Weil Geyer das Auftakt-Training zwei Tage vorverlegte und Diebitz sich in einem Auslands-Urlaub befand und nicht eher zurückkommen wollte, meinte Geyer lapidar: „Dann hör doch auf“. Und Diebitz hörte auf. Ein Angebot von Lok hatte er übrigens nach der missglückten Relegation abgelehnt: „Wer einmal bei Chemie war, kann dann nicht zu Lok gehen. Ich bin nun mal noch so erzogen. Vielleicht war das blöd, ich hätte zweite Bundesliga spielen können. Aber das war eben so“