26. Januar 2021 / 17:33 Uhr

"The Funtastic Twelve": Marcel Bürst hütet als Spätberufener das Tor des FC Eldagsen

"The Funtastic Twelve": Marcel Bürst hütet als Spätberufener das Tor des FC Eldagsen

Ole Rottmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Schlussmann Marcel Bürst lauert: Die Hereingabe von Tim van de Schepop (Werder II) sorgt für Unruhe
vor dem Eldagser Tor.
Schlussmann Marcel Bürst lauert: Die Hereingabe von Tim van de Schepop (Werder II) sorgt für Unruhe vor dem Eldagser Tor. © deisterpics/Stefan Zwing
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Geschichten gibt's, die gibt's nur im Fußball: In der Jugend ging Marcel Bürst beim FC Eldagsen mal zwischen die Pfosten, weil sich Torhüter André Gehrke verletzt hatte. Mittlerweile ist der Bürsts Torwarttrainer, der auch noch seinen Bruder im Kasten der Erstvertretung der Gelb-Schwarzen beerbt hat...

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Manchmal steckt das Leben voller Kapriolen. Als sich in einer Jugendmannschaft des FC Eldagsen vor etlichen Jahren ein Positionswechsel vollzog, war die Geschichte damit offenbar noch nicht zu Ende geschrieben. „André Gehrke stand im Tor, und ich habe im Feld gespielt“, erzählt Marcel Bürst. Als Gehrke sich verletzte, half Bürst als letzter Mann aus. Und bei dieser Konstellation blieb es lange.

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Auch als Kapitän Gehrke im Sommer 2019 seine aktive Karriere – im Feld – beendete, war Bürst der Eldagser Stammkeeper. Doch wie so viele altgediente Ex-Spieler blieb auch Gehrke seinem Verein erhalten – und leitet seitdem als Torwarttrainer mit Bürst unter anderem auch den Mann an, der ihn einst im Kasten ablöste. Als Mitglied des Mannschaftsrats trägt Bürst mitunter die von Gehrke abgelegte Kapitänsbinde.

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Bürsts Sprung in die erste Mannschaft der Gelb-Schwarzen war mitnichten eine normale Torwartrochade. Denn er folgte auf seinen eigenen Bruder. „Ich hatte keine Lust auf den Konkurrenzkampf mit Patti“, sagt Marcel Bürst. Sein älterer Bruder Patrick Bürst war vor Jahren beim FCE die Nummer eins; Marcel Bürst flog daher seinerzeit lieber zwischen den Pfosten der Reservemannschaft hin und her.

Die 1 lieber nicht übernommen

„Doch als Patrick gesagt hat, dass er aufhört, habe ich mich entschieden, den Schritt doch noch einmal zu machen“, berichtet Marcel. In vergleichs­weise fortgeschrittenem Fußballeralter hüpfte der heute 33-Jährige also vor sechseinhalb Jahren noch einmal in die Bezirks- und per Aufstieg sogar in die Landesliga. Bürst im Tor – das Ganze blieb also in der Familie.


Das Trikot mit der Nummer 1 übernahm er von seinem direkten Verwandten indes nicht. Aus pragmatischen Gründen. „Patti ist kräftiger und 1,96 Meter groß“, berichtet der kleine Bruder. „Ich bin ja eher der Hering – und hatte keine Lust, mit einem Schlafanzug rumzulaufen.“

Also wählte er das – kleinere – Hemd mit der Nummer 12. Das ja in vielen Klubs symbolisch für die treuen Fans reserviert ist – und daher nicht vergeben wird. Doch das Attribut „treu“ passt auch auf den Salesmanager einer Hamelner Marketingfirma. In Eldagsen aufgewachsen, sind er und seine Partnerin bis heute zwei von etwa 3300 Einwohnern des Springer Ortsteils. Die Hochzeit mit Romina ist bereits geplant, Corona sorgt jedoch für Fragezeichen. „Aber wir hoffen, dass es im Juli klappt“, sagt Bürst.

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Hozan Partawie (SG Letter 05): Im Auswärtsspiel beim SV Türkay Spor Garbsen hat der 35-jährige Torhüter drei Elfmeter binnen drei Minuten pariert. Dafür wurde er mit 29,4 Prozent der Stimmen der Held der Woche. ©

Zu zweit – damit hat er ohnehin gute Erfahrungen gemacht. Mit seinem Arbeitskollegen Christopher Wiese betreibt er als Duo „The Funtastic Two“ in den sozialen Netzwerken einen Kanal mit kuriosen Videos und Fotos. „Christopher hat einen hohen Wiedererkennungswert und ist absolut prädestiniert dafür“, sagt Bürst. Knapp 6000 Abonnenten sehen das ähnlich.

Der Junge vom Dorf bleibt nicht lang in Hannover

In der Jugend zog es den Ur-Eldagser, dessen zweiter Bruder Rafael ebenfalls lange (als Feldspieler!) an der Hindenburgallee seine Fußballschuhe geschnürt hat, kurz in die Landeshauptstadt. Trainer Stefan Mertesacker hatte ihn in die ­D-Ju­gend von Hannover 96 gelotst.

Doch so ganz glücklich wurde der ambitionierte Torhüter dort nicht. „Der Junge vom Dorf unter vielen Stadtkindern …“, erinnert sich Bürst. Auch fußballerisch betrat er eine neue Welt. „Als ich das erste Mal von meinen Kollegen angespielt wurde, habe ich den Ball in die Hand genommen, weil ich dachte, es wäre eine Spielpause“, sagt Bürst lachend, der mittlerweile nach eigener Aussage ein Verfechter davon ist, auch als Keeper am Spiel teilzunehmen.

Aus freien Stücken verließ Bürst Hannover 96 als C-Junior wieder. „Heute ärgert man sich manchmal darüber, dass man sich selbst eine Möglichkeit weggenommen hat“, sagt er. „Ich wüsste schon gern, wie weit es für mich gegangen wäre.“ Doch insgesamt ist die momentane Spielklasse in Ordnung. „Für mich ist Landesliga ein richtig gutes Niveau“, sagt er. „Und dass wir als FC Eldagsen so lange dort spielen, hätte früher wohl keiner gedacht.“

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Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. ©

Nach dem freiwilligen Rückzug in Hannover legte Bürst, der beim TV Springe auch Tennis spielt, eine Fußballpause ein. Erst ein Intermezzo beim SC Völksen („Da habe ich die ersten Spiele im Feld gespielt“), dann ging es zurück zum Heimatklub. Und über die zweite Mannschaft bis ins Tor der Erstvertretung.

Mit Trainer Holger Gehrmann – seit Sommer 2017 beim FCE – war es übrigens keine Liebe auf den ersten Blick. „Wir haben uns am Anfang gar nicht verstanden“, sagt Bürst. Doch Coach und Keeper rauften sich zusammen. „Mittlerweile lachen wir darüber“, berichtet Bürst, „telefonieren häufig und reden dann nicht nur über Fußball.“ Mehr noch: „Für mich ist es sehr wichtig, dass er bleibt“, sagt Bürst.

Es ist nicht der erste Kringel in Marcel Bürsts Fußballerlaufbahn.