22. Dezember 2021 / 08:31 Uhr

Torjäger Emrullah Kaya ist monatelang krank – und weiß nicht, was er hat

Torjäger Emrullah Kaya ist monatelang krank – und weiß nicht, was er hat

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Emrullah Kaya (links) springt zum Kopfball hoch. Mit seiner Treffsicherheit war er beim VfB Peine ein Torgarant.
Emrullah Kaya (links) springt zum Kopfball hoch. Mit seiner Treffsicherheit war er beim VfB Peine ein Torgarant. © Isabell Massel
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Emrullah Kaya fehlt dem VfB Peine. Aber was Kaya fehlt, wissen auch die Ärzte nicht. Nachdem er einen Ball an den Kopf bekommen hatte, war es erstmal mit dem Fußballspielen vorbei. Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwäche setzten ihn außer Gefecht.

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Gut gespielt, trotzdem verloren: Das haben die Bezirksliga-Fußballer des VfB Peine diese Saison schon einige Male erlebt. Dass die Grün-Roten in der Abstiegsrunde gelandet sind, liegt in hohem Maß an ihrer mangelnden Chancenverwertung.

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Vor nicht all zu langer Zeit waren sie in Sachen Treffsicherheit besser aufgestellt, hatten mit Emrullah Kaya einen Torjäger, der dank seiner Treffsicherheit für Erfolge beim VfB sorgte. Doch Kaya ist seit Mitte Juli außer Gefecht, da er die Folgen eines in einem Freundschaftsspiel erlittenen Torschusses gegen den Kopf bis heute nicht überwunden hat.

„Die Ärzte stehen vor einem Rätsel, haben keinen Namen für die Krankheit, die ich habe. Eine Gehirnerschütterung ist es jedenfalls nicht. Und sie sagten mir, gegen was oder für was sollen wir Sie operieren“, erläutert Kaya, der vor allem in den ersten zehn Tagen nach dem Unglücksschuss, mit dem ihn sein Mannschaftskamerad Kerrim Driesen beim Testspiel gegen Plockhorst traf, unter höllischen Kopfschmerzen litt.


Darauf deutete anfangs nicht das Geringste hin. „Klar, tat mein Kopf etwas weh, aber ich spielte nach einer kurzen Eisbehandlung weiter, hatte auch abends keine Beschwerden. Erst Montag bei der Arbeit begannen die Kopfschmerzen. Ich fuhr nach Hause, musste mich hinlegen. Und die Schmerzen wurden von Tag zu Tag schlimmer. Hinzu kam Übelkeit, ich konnte kaum noch etwas essen und trinken“, berichtet Kaya. Gründe dafür wurden trotz Blutuntersuchung, Magnetresonanz-Tomographie (MRT) beziehungsweise Computer-Tomographie (CT) in der Medizinischen Hochschule Hannover keine gefunden.

„Dann plötzlich besserten sich meine Beschwerden, Schmerzen und Übelkeit ließen nach. Aber ich konnte fast nur zu Hause im Bett liegen. Kleinere Spaziergänge – so etwas lag erst Ende August wieder drin“, erläutert der Einzelhandels-Kaufmann, der kurze Zeit später wieder ins Berufsleben einstieg. Dieser Schritt erwies sich als Fehler. Denn es war zu anstrengend, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, die Schmerzen kamen zurück. Daher musste sich der 35-Jährige erneut krankschreiben lassen. Anfang Dezember dann ein Neustart. „Seitdem läuft meine Wiedereingliederung. Ich arbeite bis auf weiteres nur zwölf Stunden die Woche.“

In der Freizeit lockere Dauerläufe, leichtes Krafttraining sowie kurze Rad- beziehungsweise Schwimmstrecken absolvieren – all das bewältigt er mittlerweile. „Aber an Fußball spielen ist nicht zu denken. Meine Hausärztin Katherine Knabe empfahl mir halb im Scherz, einen Schutzhelm aufzusetzen, wenn ich wieder anfangen sollte. Doch Fußball ist nicht alles. Mein Ziel ist es, völlig gesund zu werden. Der Rest ergibt sich von allein“, betont der verheiratete, vierfache Familienvater.

Ob seiner Leidensgeschichte niedergeschlagen oder betrübt ist der aus der Türkei stammende Kurde, der seit 2006 in Peine lebt, nicht. „Wenn man solch eine schlimme Sache erlebt und fast überstanden hat, muss man zufrieden sein. Meine Einstellung zum Leben ist nun eine andere. Ich bin ruhiger, innerlich gelöster als früher, mache mir keinen Stress und rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf. Und ich weiß – mein Gehirn braucht Zeit, um vollständig zu heilen. Es ist das komplexeste Organ des Körpers.“

Zu seiner Freude haben VfB-Trainer Bünyamin Tosun und einige Mitspieler sich immer wieder einmal nach seinem Befinden erkundigt. Aktiv nahm Kaya den Kontakt zur Mannschaft nicht auf. „Ich war nur über Whatsapp dabei, bekam Ergebnisse, Aufstellungen und über den Live-Ticker vieles mit. Aber selbst etwas in die Gruppe hineingestellt habe ich nicht. Und bei Heimspielen zugucken – das wäre mir einfach zu anstrengend gewesen. Doch in der Rückrunde will ich mich öfter blicken lassen.“

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Und schaffen seine Mannschaftskameraden den Klassenerhalt? „Es hat mich gewundert, dass sie die Meisterrunde verpasst haben. Denn die Qualität dafür ist vorhanden, es gibt bei uns viele gute Kicker. Deswegen bin ich überzeugt, dass meine Mannschaft auch nächste Saison zur Bezirksliga gehört.“

Wie Emrullah Kaya nach Peine kam

Die türkische Provinz Mardin war die Heimat der kurdischen Familie Kaya, ehe sie 1996 aus politischen Gründen nach Deutschland zog. Emrullah Kaya landete mit seinen Eltern und Geschwistern in Ilsenburg, wo er beim örtlichen FSV das Fußball spielen lernte. 2004 wurden die Verantwortlichen von Regionalligist Germania Halberstadt auf den talentierten Kicker aufmerksam und überredeten den C-Jugendlichen zum Wechsel. Bereits im A-Junioren-Alter schaffte er den Sprung in die 1. Herren, gehörte auch in der darauffolgenden Serie zum Regionalliga-Aufgebot.

Ein Trauerfall in seiner Familie führte dazu, dass Kaya 2006 nach Peine übersiedelte. Hier spielte er jeweils ein halbes Jahr für Bosporus Peine beziehungsweise den VfB Peine, dann folgte eine Saison bei Eintracht Braunschweig II (damals 4. Liga). Anschließend war Oberligist BSV Ölper beziehungsweise Kreisligist PSG Peine seine sportliche Heimat. Seit 2013 steht er wieder in den Reihen des VfB Peine.

Von Jürgen Hansen