28. Oktober 2020 / 18:37 Uhr

"Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben": Andreas Luthe über seine Karriere und das Torwart-Duell gegen Loris Karius

"Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben": Andreas Luthe über seine Karriere und das Torwart-Duell gegen Loris Karius

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
 Die Nummer Eins und ihr Schattenmann: Die Union-Torhüter Andreas Luthe (l.) und Loris Karius (im Hintergrund).
Die Nummer Eins und ihr Schattenmann: Die Union-Torhüter Andreas Luthe (l.) und Loris Karius (im Hintergrund). © Matthias Koch/Imago
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Torwart Andreas Luthe von Fußball-Bundesligist Union Berlin gibt sich ganz gelassen. Im Duell mit Loris Karius spricht nur noch wenig dafür, dass Trainer Urs Fischer einen Tausch vornimmt.

Ein bisschen Halligalli gehört zum Fußballgeschäft dazu, das weiß der Berliner Bundesliga-Torhüter Andreas Luthe natürlich ganz genau. Aber offenbar denkt er nicht in dieser Kategorie. „Ich bin jetzt 13 Jahre Fußballprofi, ich habe in meinem Leben viele Spiele gemacht“, sagt der 33-Jährige in einer kleinen Presserunde am Mittwoch – und erklärt so, warum es ihm herzlichst egal ist, welchen Status Spieler in der Öffentlichkeit genießen. Es gehe „um die Leistung, die man unten zeigen muss“, sagt Luthe.

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Entspannt wirkt der Torhüter, aufgeräumt, die Sätze, die er spricht, sind klar und bestimmt. Mit unten meint er: auf dem Platz. Und dort hielt Luthe in den bisherigen fünf Bundesliga-Spielen für den 1. FC Union, was zu halten war, kommandierte, wenn es etwas zu sagen gab. Und doch wurde diskutiert, unter Fans, Medien, Beobachtern: Kann dieser Luthe, der in den vergangenen vier Jahren meist nur auf der Bank beim FC Augsburg saß, Unions Nummer eins bleiben? Oder muss es nicht ein anderer richten? Ein leidiges Thema. „Relaxed bin ich sowieso immer, das war ich auch vorher“, erklärt Luthe dazu.

Union Berlin in Noten: Die Einzelkritik zum 1:1 gegen den SC Freiburg.

Union Berlin in Noten: Die Einzelkritik zum 1:1 gegen den SC Freiburg Zur Galerie
Union Berlin in Noten: Die Einzelkritik zum 1:1 gegen den SC Freiburg ©

Vorher, das meint jene Zeit bevor Union den bekannten Torwart Loris Karius vom mindestens so bekannten FC Liverpool auslieh. Nicht wenige Beobachter glaubten, Luthe müsse trotz tadelloser Auftritte an den ersten drei Spieltagen dem neuen Widersacher weichen. Warum einen Champions-League-Torwart holen, um ihn auf die Bank zu setzen? Das war der Tenor.

Trainer Urs Fischer aber hielt an Luthe fest, und wer den 1,95 Meter großen Mann sprechen hört, ahnt warum. Der Torwart, der beim VfL Bochum zum Profi ausgebildet wurde, strahlt bislang nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz eine extreme Gelassenheit aus. „Es ist die Aufgabe eines Torhüters, dem Team Souveränität, Ruhe und Vertrauen zu geben“, sagt Luthe, so souverän, ruhig und vertrauensvoll wie ein erfolgreicher Autoverkäufer.

Laut allgemeingültiger Torhüterlehre im Torhüterland Deutschland ist die Sache mit der Ruhe eine positive. Selbige sollen Torhüter ihrer eigenen Elf vermitteln und bestenfalls mitgeben – weshalb es derzeit wenig Anlass gibt, den Ruhespender Luthe aus dem Tor zu nehmen. Zumal Karius sich vor dem Freiburg-Spiel (1:1) ohnehin verletzt abmeldete.

"Ich habe einfach einen anderen Weg eingeschlagen als die meisten Fußballer"

„Ich glaube, das ist Erziehungssache. Das würde ich jetzt eher auf meine Eltern schieben“, erklärt Luthe seine Entspanntheit. Er habe schon immer lieber den mittleren Weg gewählt, „nie in den Extremen zu sein, ist für mich im Leben wichtig gewesen. So bin ich im Privaten und so bin ich auf dem Feld“, sagt Luthe.


Im Privatleben hat er Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie studiert und im vergangenen Jahr mit dem Master abgeschlossen. Luthe unterstützt soziale Projekte, sitzt im Spielerrat der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV) und vertritt seine Profi-Kollegen in der Task Force Profifußball.

„Ich habe einfach einen anderen Weg eingeschlagen als die meisten Fußballer“, erzählt Luthe. Nach dem Abi besuchte er die Uni und spielte parallel für die zweite Mannschaft des VfL Bochum. „Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass das noch mal was wird“, sagt Luthe rückblickend – „und dann ist es doch was geworden“. Er meint den Profifußball. Mit nun 33 Jahren wirkt er so sicher wie nie in seiner Karriere. Er habe vielleicht ein bisschen mehr Erfahrung, meint Luthe dazu nur. Hat man ihn in der T-Frage zuletzt unterschätzt? Luthes Antwort: „Ich bin ja lieber unterschätzt als überschätzt.“

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Das sind neue Töne auf der Torhüterposition der Berliner, wo in der Vorsaison mit Rafal Gikiewicz ein Typ beheimatet war, der nach deutschen Maßstäben maximal extrovertiert wirkte. Flapsige Sprüche, eine energische, zupackende Art und Türsteher-Qualitäten (gezeigt im Heim-Derby gegen Hertha BSC) zeichneten Gikiewicz aus.

Luthe ist eher ein Typ, der neben seiner Leistung auch mit seiner Art bei Trainer Fischer punkten dürfte. „Ich schaue nicht darauf, was drumherum so gesprochen und philosophiert wird. Das tangiert mich weniger“, sagt Luthe. Sein Trainer hätte es kaum besser formulieren können.