05. November 2020 / 08:16 Uhr

Torwart Michael Esser im Interview: Bei Hannover 96 "ist immer was los"

Torwart Michael Esser im Interview: Bei Hannover 96 "ist immer was los"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Besorgte Blicke: Michael 
Esser kassierte in Fürth vier Treffer, verhinderte aber eine viel höhere Pleite. 
Besorgte Blicke: Michael Esser kassierte in Fürth vier Treffer, verhinderte aber eine viel höhere Pleite.  © imago images/Zink
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Beim Auswärtsspiel in Fürth war Torwart Michael Esser trotz der 1:4-Pleite der beste Mann bei Hannover 96. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 32-Jährige über die Auswärtsschwäche, den Kampf um den Aufstieg und seine Achterbahnfahrt bei dem Verein, "bei dem immer was los ist".

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Michael Esser, die 96-Legende Jörg Sievers hat Sie trainiert und gesagt, Sie seien auf jeden Fall der beste Torwart der 2. Liga. Akzeptieren Sie diese Anrede?

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Erst mal danke für das Kompliment, Jörg ist ein Supertyp. Aber davon kann ich mir jetzt auch nichts kaufen. Wir müssen schauen, dass wir die Spiele bestmöglich bestreiten. Dann kann man am Ende einen Strich darunter ziehen und gucken, wer gute Leistungen gebracht hat. Vorher zu sagen, ich bin der Beste, das ist nicht mein Ding.

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Beim VfL Bochum gelang Esser der Durchbruch im Profifußball. Allerdings kam er zu Beginn seiner Bochum-Zeit zunächst bei der zweiten Mannschaft zum Einsatz. Zur Galerie
Beim VfL Bochum gelang Esser der Durchbruch im Profifußball. Allerdings kam er zu Beginn seiner Bochum-Zeit zunächst bei der zweiten Mannschaft zum Einsatz. ©

Die beste Mannschaft der 2. Liga ist 96 definitiv noch nicht. Was fehlt?

Ich glaube, es ist ganz normal, dass nach dem großen Umbruch mit vielen neuen Spielern noch nicht alles ganz so läuft, wie man sich das gedacht hat. Bis vor dem Spiel in Fürth sind wir ja auch ordentlich gestartet. Nach dem einen Spiel zu sagen, alles ist katastrophal, ist auch nicht richtig. Umso länger sich das einspielt und das eine oder andere behoben wird, umso mehr kommen wir dahin, eine gute Rolle mitspielen zu können. Wir dürfen nicht immer diese Schwankungen haben zwischen super und ganz schlechten Spielen.

Nach dem 1:4 zuletzt in Fürth war’s wie in der Abstiegssaison mit 96. Esser bester Mann, vor Ihnen war nicht viel. Haben Sie sich auch daran erinnert?

Die Spiele haben sich schon geähnelt, es lief relativ viel auf unser Tor zu. Aber ich will das nicht an dem einen Spiel festmachen. Wir haben in dieser Saison auch schon sehr gute Leistungen gezeigt, da musste ich fast gar nicht eingreifen. Darauf lässt sich aufbauen.

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Mit Verlaub – wir greifen mal auf Ihre Ausbildung als Klempner zurück. Wo klemmt es denn am meisten bei 96?

Wir spielen das eine Spiel super, die Abstände stimmen, das Pressing stimmt. Im nächsten Spiel sind wir fast gar nicht auf dem Platz, bestreiten wenige oder gar keine Zweikämpfe. Die Mischung zu finden, dass man in jedem Spiel einen Mindeststandard auf den Platz bringt, wenn die und die Spieler spielen. Das fehlt uns. Eine wichtige Basis sind immer die Zweikämpfe. Man muss halt richtig hingehen, dann, glaube ich, kriegen wir es ganz gut hin.

Erstaunlicherweise ist die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen riesig. Die Zweikampfmentalität fehlt in der Fremde. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

In Fürth sind wir auch auf eine richtig gute Mannschaft getroffen, natürlich darf man da trotzdem nicht 1:4 verlieren. Wir müssen zusehen, dass wir die kommenden Spiele gegen Aue, und dann vor allem auch in Würzburg, gewinnen. Dazu muss alles andere ausgeblendet werden. Dann bin ich auch guten Mutes, dass wir das schaffen.

Wir sind leider in der Kabine nicht dabei. Ist die Stimmung oder Herangehensweise vor den Spielen auswärts anders als zu Hause?

Von der Stimmung her nicht. Auswärts hatte ich auch meist ein gutes Gefühl, wir haben ja auch schon mal im Pokal in Würzburg gewonnen. Ich glaube, dass wir diese Negativgeschichte schnellstmöglich hinter uns lassen werden.

Ist die Stimmung nach der deftigen Fürth-Pleite getrübt?

Bei mir ist es so, dass ich immer noch am Tag danach darüber nachdenke. Das Spiel wird ja auch noch mal aufgearbeitet und analysiert. Da ist es schon mal so, scheiße, wir haben ordentlich verloren. Aber am Tag danach geht der Blick aufs nächste Spiel. Dann ist das verlorene Spiel vorher auch egal – man kann ja nichts mehr am Ergebnis ändern.

Sie sind 2017 als eingeplante Nummer eins aus Darmstadt gekommen, mussten sich aber überraschend hinter Philipp Tschauner einsortieren. Im nächsten Jahr wurden Sie die Nummer eins, bis plötzlich Ron-Robert Zieler zurückkam und Sie wieder auf der Bank saßen. Dann flüchteten Sie für ein halbes Jahr nach Hoffenheim, um jetzt wieder die Nummer eins zu sein. Welche Überschrift geben Sie Ihrer 96-Geschichte?

Ja, so gesehen ist es schon „Die Achterbahnfahrt“. Aber es macht 96 ein Stück weit auch aus, dass hier immer was los ist, dass es hier immer hoch und runter geht. Leider, wenn man nur den Abstieg sieht. Ich habe es ja auch in Hoffenheim erlebt, da ist es extrem ruhig. Aber das ist das Schöne an 96, die Fans haben immer was, um sich zu ärgern oder zu freuen. Da sind Emotionen drin, die machen den Fußball doch aus.

Der Abschied von Zieler war öffentlich nicht unumstritten. War es für Sie klar, dass Sie nur als Nummer eins zurückkommen zu 96?

Ja, das ist mir von Trainer Kenan Kocak so gesagt und vermittelt worden, dass er eine neue Nummer eins sucht. Da habe ich gesagt, okay, können wir machen, ich bin dabei.

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Jürgen Rynio: 1979 bis 1986 (204 Spiele) Zur Galerie
Jürgen Rynio: 1979 bis 1986 (204 Spiele) ©

Was hat Ihnen das halbe Jahr in Hoffenheim gebracht?

Da trainiert man noch mal auf einer anderen Ebene. Das Trainingsgelände ist noch mal besser als hier. Hier ist es auch gut, aber in Hoffenheim steckt noch mehr Manpower drin, es ist extrem vielseitig. Hier ist im Umfeld mehr los, das macht ja auch was aus.

Ein bisschen FC Hollywood halt.

Genau.

Werden Sie mit 96 noch mal in der Bundesliga spielen?

Das ist der Traum von allen. Wir haben auch noch was gerade zu rücken durch den Abstieg. Ich hoffe, dass wir das packen.

Ist es auch realistisch?

Jetzt schon alles abzuschenken, wäre völlig falsch. Ich bin eher angriffslustig und hoffe, dass wir auf jeden Fall den VfL Bochum vom zweiten Platz verdrängen werden.

Sie werden in gut zwei Wochen 33. Wollen Sie den Buffon machen und mit 40 noch spielen?

Mal schauen. So lange mich die Beine vernünftig tragen und die Leistung stimmt, will ich schon noch das eine oder andere Jahre spielen.

Was können Sie der 96-Mannschaft mit Ihrer Erfahrung jetzt geben?

Ruhe. Es bringt nichts, wenn man nach dem sechsten Spieltag und so einer Niederlage direkt alles hinterfragt. Damit gewinnt man gar nichts. Man sollte uns und der Mannschaft vertrauen, dass wir eine gute Rolle spielen werden. Ich will Ruhe vermitteln und Sicherheit ausstrahlen. Tore schießen müssen die anderen.