09. Februar 2019 / 09:36 Uhr

Torwart-Legende René Müller: „Ich muss mir nichts mehr beweisen“

Torwart-Legende René Müller: „Ich muss mir nichts mehr beweisen“

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Torwart Rene Müller bestritt für Dynamo Dresden 81 Partien in der Bundesliga. Zudem war er Kapitän der Schwarz-Gelben. 
Torwart Rene Müller bestritt für Dynamo Dresden 81 Partien in der Bundesliga. Zudem war er Kapitän der Schwarz-Gelben.  © imago/Kicker/Eissner
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Das sächsische Fußball-Idol René Müller hat in zwei politischen Systemen deutsche Fußballgeschichte mitgeschrieben. Am Montag feiert der Leipziger Europapokal-Held, der mit Dynamo in der Bundesliga spielte, seinen 60. Geburtstag.

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Dresden. Er war Auswahlspieler, DDR-Fußballer des Jahres, FDGB-Pokalsieger, Oberliga-Vizemeister, stand in einem Europacup-Finale und spielte nach der Wende in Dresden noch in der Bundesliga – der frühere Weltklasse-Torhüter René Müller ist einer der ganz Großen des Ostfußballs. Am Montag wird der Leipziger 60 Jahre alt. Gegenüber dem SPORTBUZZER spricht er über seine aktuelle Tätigkeit als Scout für Borussia Mönchengladbach und erklärt, was er Torwarttalenten wie Markus Schubert rät. Er erinnert sich auch an seine aktive Zeit: an das Cup-Finale von Athen und an Dynamo-Präsident Rolf-Jürgen Otto.

Frage: Haben Sie ein Problem mit dem Älterwerden und runden Geburtstagen?

René Müller: Nein, mit der 60 habe ich kein Problem. Das mit der 30 war schon schwieriger.

Wie geht es Ihnen? Man sieht Sie häufig im Dresdner Stadion...

Danke gut. Ich gehe jetzt bei den Gladbachern ins achte Jahr, bin beruflich zufrieden.

16.11.1985, Länderspiel gegen Bulgarien (2:1): Trainer Bernd Stange und Torwart Müller. 
16.11.1985, Länderspiel gegen Bulgarien (2:1): Trainer Bernd Stange und Torwart Müller.  © dpa
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Wann haben Sie das letzte Mal einen Ball in der Hand gehabt oder ihn weggekickt?

Mit Beendigung meines Jobs in Nürnberg 2011 habe ich den Ball weggelegt. Mein Kopf sagt zwar auch mit fast 60: Du kannst alles! Auf den ersten Blick geht das auch noch, wenn man einigermaßen sein Gewicht gehalten hat und beweglich ist – nur die Gelenke sind so kaputt, dass sich das böse rächen würde. Man müsste wenigstens zweimal pro Woche trainieren, um noch etwas spielen zu können. Jetzt beschränkt sich das bei mir auf Gymnastik oder schnelles Spazierengehen. Ich muss mir auch nichts mehr beweisen, habe mich auf der Wiese ausgetobt. Ich möchte nicht, dass mich meine Frau schiebt, will auch künstlichen Gelenken aus dem Wege gehen. Sollte mal ein Enkel kommen, werde ich mich aber so fit halten, dass ich mit ihm auf zehn Quadratmetern noch kicken kann.

Fühlen Sie sich als Scout auf der Tribüne wohl oder vermissen Sie den Trainerjob, den Sie in Nürnberg aufgegeben haben, schon etwas?

Ich war sehr gern Trainer, habe das wie meinen Job als Spieler mit Leib und Seele gemacht. Gerade junge Profis auf der letzten Stufe vor der Bundesliga auszubilden, war eine schöne Aufgabe. Es ging in Nürnberg, wo ich in einer damals starken, noch dreigleisigen Regionalliga mit den Teams aus Bayern, Hessen und Baden-Württemberg in einer Staffel tätig war, aber aus verschiedenen Gründen nicht weiter. Ich habe mich in Franken wohlgefühlt, doch das Arbeitsverhältnis bei diesem schwierigen Club, wo es oft hoch und runter geht, wurde abrupt beendet. Einige andere Sachen, die ich ausprobieren wollte, haben nicht geklappt. Einen Club wie Erfurt, der in Schwierigkeiten steckte, wollte ich nicht übernehmen. Nachdem ich mit ihm aufgestiegen war, ist kein Stein in die Hand genommen worden, die Bedingungen sind noch schlechter geworden. Da wollte ich nicht mehr hin, es wurde mir klar, dass ich im Osten nicht mehr arbeiten möchte.

22. April 1987: René Müller läuft im Dress von Lok Leipzig mit Uwe Zötzsche, Olaf Marschall, Matthias Lindner, Hans-Jörg Leitzke und anderen Kameraden vor geschätzten 100 000 Fans im Zentralstadion auf. Im Halbfinal-Rückspiel des Pokalsiegercups schalten die Leipziger am Ende Girondins Bordeaux im Elfmeterschießen aus. Müller hält zwei Elfmeter und verwandelt den entscheidenden zum 6:5 für Lok selbst. Leipzig steht im Finale gegen Ajax Amsterdam. 
22. April 1987: René Müller läuft im Dress von Lok Leipzig mit Uwe Zötzsche, Olaf Marschall, Matthias Lindner, Hans-Jörg Leitzke und anderen Kameraden vor geschätzten 100 000 Fans im Zentralstadion auf. Im Halbfinal-Rückspiel des Pokalsiegercups schalten die Leipziger am Ende Girondins Bordeaux im Elfmeterschießen aus. Müller hält zwei Elfmeter und verwandelt den entscheidenden zum 6:5 für Lok selbst. Leipzig steht im Finale gegen Ajax Amsterdam.  © imago sportfotodienst

Sie wohnen aber noch in Leipzig, oder?

Meine Wurzeln sind dort. Mein Sohn musste während meiner vier Jahre in Nürnberg Abitur machen, da hat meine Frau die Zelte in Leipzig belassen und ich bin allein nach Franken gefahren, durch die Gegend gezogen. Wenn ich nach Hause gekommen bin, dann ging es auch. Ich bin gern in der Region: Das Dreieck Leipzig, Dresden, Prag ist sensationell. Wir haben so viel Kultur hier, schöne Landschaften – man muss nicht weit fahren. Ich fühle mich in Sachsen wohl, habe auch gern für Dynamo gespielt. Warum sollte ich hier wegziehen?

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Nach zwei Siegen in der ersten Runde des UEFA-Pokals wartet in den 2. Runde der SSC Neapel auf den 1. FC Lok Leipzig. Am 26. Oktober 1988 sind die Italiener im Zentralstadion zu Gast. Zur Galerie
Nach zwei Siegen in der ersten Runde des UEFA-Pokals wartet in den 2. Runde der SSC Neapel auf den 1. FC Lok Leipzig. Am 26. Oktober 1988 sind die Italiener im Zentralstadion zu Gast. © Klaus-Dieter Gloger

Sind Sie oft in Prag, um Tschechiens Topteams zu beobachten?

Ich bin eher sporadisch in Tschechien, meist bei Europapokal-Spielen. Die Ligen in Tschechien und Polen sind am Boden, ausverkauft.

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Bei Dynamo sind Sie dagegen häufig zu Gast...

Wenn ich mir meine Termine so legen kann, dass Dynamo reinpasst, dann komme ich gern und decke so die 2. Liga mit ab. Von Leipzig aus ist es ja nicht weit. Neben Red Bull, Hertha, Aue fallen auch noch Wolfsburg und Hannover in mein Gebiet, daneben muss ich mich um die A- und B-Jugendmannschaften und um die internationalen Turniere kümmern. Da hat man alle Hände voll zu tun – gerade wenn die Wochen mit Europa League und Champions League kommen. Man ist auch nicht nur unterwegs, sondern muss viel am Computer machen. Ich bin bei den Gladbachern aber sehr zufrieden.

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20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) Zur Galerie
20. September 1967 - erstes Europapokalspiel der SG Dynamo Dresden gegen die Glasgow Rangers. Austragungsort war das Steyer-Stadion. (@ Archiv Dresdner Fußball-Museum) ©

Hat Sie Hans Meyer (Ex-Trainer und Aufsichtsrat bei der Borussia/d. Red.) überredet, den Job anzunehmen?

Nein, er hat mich nicht überredet, nur gefragt, ob mich das interessiert. In Nürnberg hat er das nicht, da war das Dieter Nüssing, aber dort haben wir uns näher kennen gelernt. Er hat meine Arbeit geschätzt und mich dann gefragt, ob das mit den Gladbachern für mich passen würde. Es passt: Gladbach ist für mich der erste Verein nach der Wende, wo es eine solide Grundordnung gibt, ein vernünftiges menschliches Miteinander. Das ist das, was ich an diesem Verein unwahrscheinlich schätze. Deswegen macht die Arbeit auch Spaß, ich bin gern für den Verein unterwegs.

Ihre Zeit bei Dynamo war da so ganz anders, was die Vereinsführung anbelangte. Es war eine sehr turbulente Zeit mit vielen Neuerungen...

Wir sind wie marode Betriebe ausgeschlachtet worden, das Kapital ist in den Westen gegangen und wir mussten uns mit minderwertigen Leuten aus dem Westen begnügen. Leute, die es drüben – aus was für Gründen auch immer – nicht geschafft haben, kamen hierher und haben den Fußball so gesehen, wie sie ihn sehen wollten und haben die Konkursmasse verwaltet. Nur in Rostock, wo Rostocker an der Macht geblieben sind, hat es einige Zeit besser funktioniert. Dynamo Dresden hat sich selbst zerlegt. Es wird ja alles Rolf-Jürgen Otto in die Schuhe geschoben, aber auch wenn er nicht mein Freund war, hat er dem Verein zwei Jahre die Bundesliga gerettet, weil das Kapital vorher zerstört worden ist. Otto hat einen kaputten Verein übernommen. Sein Betrug war nur, dass er das Geld von seinen Geschäften in Meißen bei Dynamo reingesteckt hat. Das war sein Verbrechen – und die Art und Weise seiner Personalführung. Die Vorbereitung mit Dynamo haben wir nicht in Portugal, in Spanien oder der Türkei absolviert, sondern auf dem Hartplatz. Das sagt alles, denn wir hatten kein Geld. Wir haben bei Minustemperaturen auf einem gefrorenen Hartplatz trainiert – oder auf Pfützenlandschaften. Es gab aber einen Kern von Spielern, die wussten, dass Dynamo ihr letzter Verein ist. Meine Wenigkeit, Pilz oder Schößler haben für Zusammenhalt gesorgt. Die Spieler, die besonders erfolgreich waren, mussten natürlich gehen, aber wir sind mit der verbliebenen Qualität zwei Jahre nicht abgestiegen. Dann wurde mal besser eingekauft – und wenn die vier Punkte Abzug nicht gewesen wären, wären wir vielleicht sogar ins europäische Geschäft gekommen. Otto hat dann sein Geld zurückholen müssen und das ganze Tafelsilber verkauft. Da war ich – Gott sei Dank! – nicht mehr dabei, und der Verein ist abgestiegen – letztlich bis in die Oberliga.

René Müller (v. 2. v. l.) 1984 bei der DDR-Elf. Mit dabei: die Dresdner Matthias Döschner (v. 2. v. r.), Ralf Minge (2. Reihe, 2. v. r.). 
René Müller (v. 2. v. l.) 1984 bei der DDR-Elf. Mit dabei: die Dresdner Matthias Döschner (v. 2. v. r.), Ralf Minge (2. Reihe, 2. v. r.).  © dpa

Was würden Sie als ehemaliger Keeper und mit der Erfahrung aus langjähriger Arbeit im Nachwuchs einem jungen Torwart wie Dynamos Markus Schubert raten: Wechsel jetzt oder Vertragsverlängerung in Dresden?

Er hat einmal zu Red Bull Leipzig gesagt: Für diesen Verein spiele ich nicht – ich bin Dynamo! Er hat einen Verein, der zeitig auf ihn gesetzt hat, besitzt den Rückhalt der Fans und wäre gut beraten, seine Qualität noch in der 2. Liga zu steigern, wo er durchgehend hält. Das ist besser, als in der Bundesliga auf der Bank zu sitzen und dann in der Regionalliga zu spielen. Ich würde ihm raten: Bleib in dem Verein, wo du gewachsen bist und mach dort noch mal ein Jahr weiter! Dann werden sich Türen öffnen, wo es auch Sinn macht.

Was läuft Ihrer Meinung nach bei Dynamo gerade schief?

Was heißt schief? Dynamo müsste mit dem Ist-Zustand zufrieden sein, damit, dass genügend Punkte da sind. Voriges Jahr ist alles schief gelaufen, da war es bis zum letzten Spieltag heikel. Momentan ist man nicht gefährdet, muss aber aufpassen, dass man nicht in Gefahr gerät. Auf dieser Saison muss man den nächsten Schritt planen, um dann stabiler nach vorn zu kommen. Dynamo hat ein unruhiges Umfeld, aber Zwischenschritte gehören dazu. Und: Es geht vorwärts, die Bedingungen heute sind viel besser als damals bei uns in der Ersten Liga.

DURCHKLICKEN: Marseille 1987 zu Gast in Leipzig

Olympique Marseille war am 16. September 1987 in der ersten Runde des Europapokals der Pokalsieger in Leipzig zu Gast. Hausherr 1. FC Lok und die französische Elf trennten sich torlos 0:0. Zur Galerie
Olympique Marseille war am 16. September 1987 in der ersten Runde des Europapokals der Pokalsieger in Leipzig zu Gast. Hausherr 1. FC Lok und die französische Elf trennten sich torlos 0:0. © Uwe Pullwitt
LESENSWERT

Sie haben Titel gewonnen, waren Nationalspieler. Sind Sie heute mit Ihrer Spielerkarriere zufrieden oder ärgert Sie das Tor von Marco van Basten in Athen immer noch?

Das Tor war klasse, er hat es ja sogar zweimal gegen mich gemacht: einmal im Zentralstadion (1986 beim 0:1 gegen die Niederlande/d. Red.), einmal im Endspiel. Es war zweimal eine Eingabe von halbrechts auf den kurzen Pfosten, Kopfball, Tor. Er war ein sensationeller Mittelstürmer, der den kurzen Pfosten sehr gut angelaufen ist. Was mich mehr geärgert hat, ist, dass wir vor dem Spiel Verletzungsprobleme im Sturm hatten: Hans Richter, Hans Leitzke, „Zwecke“ Kühn waren angeschlagen. Wir hatten nicht einen hundertprozentig fitten Stürmer für das Endspiel. Das war bitter. Aber am meisten ärgert mich, dass ich nicht bei einer EM oder WM war. Die Olympia-Qualifikation hatten wir geschafft, dann durften wir aber aus politischen Gründen nicht hin. Das ist alles lange her, ich denke nicht oft dran. Aber ich bin dankbar für das, was ich unter den bestehenden Möglichkeiten erleben durfte.

Wo feiern Sie Ihren Geburtstag?

Nicht groß, mit meiner Frau, mit meiner Mutter. Es gibt dieses Jahr einige Nullen in unserer Familie, ich hoffe, dass wir uns mal finden.

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