18. Mai 2020 / 15:11 Uhr

Torwart-Legende Stephan Sibilitz macht Schluss: "Ich habe selbst meinen Beruf dem Fußball untergeordnet"

Torwart-Legende Stephan Sibilitz macht Schluss: "Ich habe selbst meinen Beruf dem Fußball untergeordnet"

Kevin Päplow
Märkische Allgemeine Zeitung
Stephan Sibilitz
Immer volle Power: Torwart Stephan Sibilitz © Oliver Schwandt
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Fußballkreis Dahme/Fläming: Mit 38 Jahren ist für einen der besten Keeper des Fußballkreises Schluss im Männerbereich.

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Ein Karriereende im Zuge unserer Reihe „Legenden im Fußballkreis Dahme-Fläming“ zu verkünden, ist für den SPORTBUZZER Brandenburg auch Neuland. Torwart Stephan Sibilitz spricht über das Ende seiner Laufbahn im Männerbereich, warum er einmal seine Frau am Flughafen stehen ließ und warum selbst der große Druck im Fußball das Amateurlager erreichen kann.

„Dass es für mich keinen Fußball mehr im Männerbereich gibt, tut mir mehr weh als das Thema Corona. Klar ist das eine Ausnahmesituation für das Land, aber persönlich habe ich damit zu kämpfen, dass Ende meiner Laufbahn zu akzeptieren“, wirkt Stephan Sibilitz zerknirscht. Im Alter von sieben Jahren sollte der ehrgeizige Torwart seinem ersten Trainer Frank Eggert einen Brief schreiben. „Ich wollte damals bei Blau-Weiß Ragow immer ins Tor. In einem Testspiel bekam ich dann die Chance und mein Coach bereute die Entscheidung nicht“, erinnert sich Sibilitz.

Stephan Sibilitz
Stephan Sibilitz (r.) als Jungspund bei der SG Blau-Weiß Ragow. © Privat
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Dass Stephan Sibilitz mehr machte und wollte, sahen in Ragow die Verantwortlichen sofort. Mit 16 Jahren hütete er so Dank eines Attests vom Arzt schon als Jugendlicher den Kasten der Kreisligamannschaft vom damaligen Trainer Hansi Jahnke. Sibilitz begann schon in frühen Jahren zu denken wie ein Profi. „Ich habe selbst meinen Beruf dem Fußball untergeordnet. Ich wollte nie Metallbauer werden. Man besorgte mir diese Ausbildung, aber mit der Aussicht immer trainieren und am Sonntag spielen zu können“, stellt der Torwart klar. Selbst Ex-Bundesligakeeper Georg Koch verzeichnete dem jungen Mann aus Brusendorf große Fähigkeiten, als dieser das Torwartcamp des ehemaligen Schlussmanns vom 1. FC Kaiserslautern in Frankfurt am Main besuchte. So war es also nicht verwunderlich, dass der Bayern-Fan nach einem Intermezzo in Berlin bei der SG Südstern Senzig auf dem Zettel stand.

Stephan Sibilitz
Letzter Test des Balles vor dem Auswärtsspiel der Senziger in Zossen. © Privat

„Lutz Mecklenburg hatte eine Truppe zusammen, die eigentlich aufsteigen hätte müssen. Alle Versuche waren aber umsonst, auch weil die pfeifende Zunft in den wichtigen Duellen oft komische Entscheidungen fällte“, badet sich der Vater einer Tochter in Zynismus. Die ambitionierten Südsterne schafften trotz großer finanzieller Mittel nie den Sprung in die Landesklasse. Stephan Sibilitz machte sich hingegen auf in die Landesliga.

Mehr Legenden im Fußballkreis Dahme-Fläming

Der FSV Eintracht Königs Wusterhausen, zu der Zeit das Aushängeschild im Fußballkreis, verpflichtete 2004 den jungen Torwart für das Abenteuer in der Landesliga. Die Eintracht stieg aber sofort wieder ab und in Sibilitz manifestierte sich eine prägende Begegnung beim Relegations-Hinspiel in Oranienburg ins Gedächtnis ein. „Wir verloren beim OFC mit 2:4. Plötzlich stand ein kleiner Junge mit seinem Vater nach dem Spiel vor mir und wollte ein Autogramm. Ich verschenkte so meine Handschuhe an den kleinen Burschen. Beim 0:0 im Rückspiel waren beide in Zeesen auch vor Ort. Und auch da bekam der kleine Mann mein Arbeitswerkzeug“, war der selbstständige Metallbauer spendabel. Das Verschenken der Handschuhe an Kinder, sollte sein soziales Markenzeichen werden.

Grab Lars Voigt
Eine letzte große Ehre: Stephan Sibilitz trauert auf seine Weise um seinen Torwartkollegen Lars Voigt vom FSV Admira 2016. © Privat

In den Folgejahren versuchte KW unter Jörg Nachtigall, Lutz Mecklenburg oder Roman Scholz noch einmal den Sprung in die Landesliga zu schaffen, doch die Konkurrenz war im Laufe der Jahre besser bestückt. Sibilitz hielt der Eintracht dennoch die Treue und ackerte wie ein Besessener. Wo andere Leute noch eine Stunde im Bett lagen, sprang er vor der Arbeit noch über Hürden und ließ sich von seinem Trainer Lutz Mecklenburg, der nebenbei noch als Platzwart fungierte, die Bälle um die Ohren schießen. „Mecki bin ich für die Extraschichten sehr dankbar und auch Roman Scholz, der vom taktischen Verständnis wohl einer meiner besten Trainer war“, blickt der jetzt 38-Jährige zurück.

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Sportlich ging die Talfahrt in Königs Wusterhausen derweil weiter. Eigentlich wollte der 2016 frisch gebackene Vater nun der Jugend ein Sprungbrett geben und trainierte so seine möglichen Nachfolger. Als der Versuch aber misslang, eine Nummer 1 zu finden, die kontinuierlich gute Leistungen brachte und verletzungsfrei blieb, war der nun erfahrene Schlussmann zurück im Eintracht-Tor und packte noch einmal eine Schippe drauf. Er ließ sogar seine Frau in Schönefeld für ein Spiel am Flughafen stehen. „Das war so abgesprochen. Wir flogen nur in den Urlaub, wenn wir Samstag vor dem Spiel in Großziethen wieder landeten. Ich bin sofort vom Flughafen los und meine Frau war mit dem Gepäck alleine“, weiß der Mann, dessen Vorbild Oliver Kahn ist, genau.

Stephan Sibilitz
Die großen Stürmer scheiterten oft an Stephan Sibilitz (r.). Hier hatte Jan Mummhardt (l.) das Vergnügen. © Privat

„Tatsächlich sehe ich Parallelen zwischen uns. Ich wollte wie Kahn immer der beste Torwart sein, mich konnte auch kaum ein Gegner leiden und wenn die Zuschauer ihren Frust gegen mich entluden, wurde ich immer besser“, erklärt er. Das aber selbst im Amateurfußball Druck eine Triebfeder ist, erfuhr der Torwart in der Saison 2017/18. Eintracht KW spielte in der Landesklasse Ost gegen den Abstieg und am letzten Spieltag der Hinserie gewann man wichtige drei Zähler gegen Markendorf. „Alle sprangen vor Freude herum und ich weinte. Ich wusste einfach was da dranhängt. KW gehört ins Land und wir waren dabei, diesen Status zu gefährden. Da war der Abpfiff wie ein Stein, der vom Herzen fiel“, erklärt Sibilitz.

Das der langjährige Keeper dann im Winter noch einmal eine neue Herausforderung suchen wollte, wusste man in Königs Wusterhausen vor dem Saisonstart schon. „Klar ist ein Wechsel im Winter immer blöd, aber der Verein wusste bescheid und ich denke, ich habe immer alles für KW gegeben. Schade, wie einige Leute auf meinen Wechsel zur SG Niederlehme reagierten“, schaut das Torwartunikum zurück.

Sibilitz trainierte nun unter seinem Kumpel Stephan Rosenberg, der schon zu Landesligazeiten in Königs Wusterhausen sein Co-Trainer war. Leider kam nach den ersten Einsätzen im Dress der Mannschaft vom Luch eine Schleimbeutelentzündung dazwischen und der so ambitionierte Torwart musste verletzungsbedingt einen Schlussstrich unter das Kapitel Niederlehme ziehen.

Stephan Sibilitz
Trotz einiger Verletzungen weiterhin für die Ü35 der Eintracht aktiv: Stephan Sibilitz © Oliver Schwandt

Bei den Alten Herren des FSV Eintracht Königs Wusterhausen spielt Sibilitz aber weiterhin, auch wenn er seinen Körper oftmals auf eine harte Probe stellt. „Es gab schon Spiele, da bin ich unter Schmerzen aufgelaufen, aber wenn du Fußballer bist, willst du deiner Mannschaft immer helfen. Diese Tugenden bekam ich gelehrt und vertrete diese noch immer. Zumal es ja bei der Ü35 etwas entspannter zugeht“, zwinkert Sibilitz und verrät, dass er sich auch bald wieder weiteren Aufgaben im Fußball widmen will - ein Mann, der ohne den Ball eben nicht leben kann.