05. Mai 2021 / 19:30 Uhr

Torwart mit nur einem Arm: Andreas Lehmann spielt künftig für TeBe

Torwart mit nur einem Arm: Andreas Lehmann spielt künftig für TeBe

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Stemmt sein Leben: Andreas Lehmann arbeitete lange in einem Berliner Fitnessstudio.
Stemmt sein Leben: Andreas Lehmann arbeitete lange in einem Berliner Fitnessstudio. © Privat
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Der Hohenbrücker Andreas Lehmann verlor mit 18 Jahren einen Arm und fast sein Leben – im Sport fand er sein Glück und nun die nächste Chance: als Torwart beim Amputiertenfußball.

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Der Mast, auf dem Andreas Lehmann fast gestorben wäre, steht nicht mehr. Irgendwann haben sie ihn in Schlepzig (Dahme-Spreewald) abmontiert. Vielleicht weil er zu brüchig war, zu alt oder sogar beides; so genau weiß Andreas Lehmann das nicht. Was der 42-Jährige aus Hohenbrück genau weiß: dass der Mast, auf dem er im Mai 1997 als 18-Jähriger in zwölf Metern Höhe saß, viel Strom transportiert hat. Seither fehlt ihm der linke Arm. „Ich lag vier Wochen im Koma. Als ich aufgewacht bin, wusste ich davon nichts mehr.“ Vieles musste Andreas Lehmann neu entdecken, auch sich selbst, psychisch wie motorisch. „Man entwickelt ein anderes Feingefühl“, sagt er.

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Mit seinem rechten Arm stemmt der sportlich verrückte Lehmann längst mehr als nur sein Leben. Auf der Hantelbank drückt er 60 Kilogramm, den Speer schleudert er über 40 Meter weit. 2018 gewinnt er bei den Para-Europameisterschaften in Berlin die Bronzemedaille.

Vier Wochen kämpft er um sein Leben

Ab Mai steht die nächste Herausforderung an: Lehmann wird Torwart der neu gegründeten Amputierten-Fußballmannschaft von Tennis Borussia Berlin. Zusammen mit der ebenfalls frischen Abteilung des Hamburger SV und den Sportfreunden Braunschweig entsteht die SG Nord. Eigene Teams können der HSV und TeBe mangels Masse noch nicht stellen.

Der Sport ist noch recht jung in Deutschland, funktioniert aber wie Fußball, nur ein bisschen anders eben. Die jeweils sechs Feldspieler pro Mannschaft sprinten, dribbeln und schießen mit einem Bein, ihre wichtigste Stütze sind die beiden Krücken, die Prothesen müssen die Kicker während des Spiels in der Kabine lassen. Abseits gibt es nicht und ein Spiel dauert 50 Minuten. Die Torhüter wie Andreas Lehmann spielen zwar mit beiden Beinen und ohne Krücken, dürfen aber den Strafraum nicht verlassen und die Bälle nur mit einem Arm halten. In Lehmanns Fall ist es der rechte.

Über die Geschichte zum linken Arm, der fehlt, spricht Lehmann ganz offen. „Wir waren auf Party und auf dem Nachhauseweg musste ich austreten. Die haben angehalten, ich bin ausgestiegen“, erzählt Lehmann. Alles, was danach kommt, kennt er nur aus Erzählungen. Statt wieder ins Auto zu steigen, rennt er quer über die Wiese, „wieso, weshalb, warum weiß keiner, ich weiß es auch nicht“.

Auf der Wiese steht der Starkstrommast, der inzwischen Geschichte ist. „Ich bin die Kreuzstreben aus Eisen hochgeklettert und saß dann oben auf dem Querträger.“ Danach gibt es zwei Versionen: „Entweder soll ich die Leitung angefasst haben oder der Funke ist durch die Feuchtigkeit – weil es relativ nass war – übergesprungen.“ Über den weiteren Fortgang existiert nur eine Version: Der Strom schießt über Lehmanns Arm in den Körper und durch die Kniekehlen wieder hinaus, „dann ging’s die zwölf Meter wieder runter, der Arm war verbrannt und musste deshalb abgenommen werden“.

Andreas Lehmann über Zweifel und Ängste: Du hast ja schon im Kopf: Wer will dich so? Wer will denn jemanden mit einem Arm?
Andreas Lehmann über Zweifel und Ängste: "Du hast ja schon im Kopf: Wer will dich so? Wer will denn jemanden mit einem Arm?" © David Joram

In Lübben versuchen die Ärzte so viel wie möglich zu retten, aber der Arm muss ab, zu groß ist die Gefahr, dass Lehmann am Wundbrandfieber stirbt. Er wird nach Dresden verlegt auf eine Verbrennungsstation, Haut- und Muskelgewebe wird transplantiert, um die offenen Stellen zu schließen. Familie und Freunde bangen um ihren Andreas, der vier Wochen lang um sein Leben kämpft – und überlebt.

Dann beginnt der Verarbeitungsprozess, der eigentlich keiner ist. „Die ersten Jahre habe ich immer gesagt, damit komme ich alleine klar. Ich mach mein Ding und fertig.“ Aber er ist oft fertig, stellt sich Fragen. Weniger über die handwerklichen Dinge, die lernt er schnell. „Brot schmieren, Trecker fahren, Auto fahren, das ging bald wieder gut.“ Aber abends, wenn die Freunde mit der Discokugel um die Wette tanzen, steht er im Eck und schaut dem Treiben zu. „Das Thema Frauen ist viel im Kopf herum geschwirrt.“ Gehemmt sei er gewesen in den ersten Jahren nach dem Unfall, zurückhaltender. „Du hast ja schon im Kopf: Wer will dich so? Wer will denn jemanden mit einem Arm?“

Fünf, sechs, vielleicht sieben Jahre nach seinem Unfall, so genau weiß Andreas Lehmann das nicht mehr, trifft er bei einem Dorffest in Schlepzig den zuständigen Leiter für die Stromversorgung in der Region. Der erzählt ihm, dass er in der Unglücksnacht im Mai 1997 großes Glück gehabt habe. Der Stromkreislauf sei in der Nacht wegen eines defekten Kabels unterbrochen worden, die Spannung geringer gewesen – sonst hätte Lehmann, so wird ihm erklärt, keine Überlebenschance gehabt. „Als ich vom Dorffest auf dem Weg nach Hause war, habe ich mich unter den Strommast gesetzt und eine Runde geheult“, erzählt er.

2006 geht die Verarbeitung in Berlin weiter, wo Lehmann zunächst einen Bürojob bekommt. Rund drei Jahre später beansprucht er einen Psychologen, auch weil eine Bein- und Beckenthrombose („die hat mir meine Familie vererbt“) ihn zusätzlich belastet. „Mit dem Arm klar zu kommen war ja schon schwer, ich habe immer viel überspielt.“ Ein Jahr arbeitet er mit dem Psychologen, „da ist viel mit dem Kopf passiert“, berichtet Lehmann. „Ich glaube, früher hatte ich mehr Skepsis als alle anderen. Bis ich dann gemerkt habe, das funktioniert alles. Ich hab’ mir jahrelang umsonst einen Kopf gemacht.“

In Berlin fürchten sie seine weiten Einwürfe

Er macht neue Bekanntschaften und legt auch beruflich einen steilen Aufstieg hin. Statt ins Büro („Sitzen war wegen der Thrombose nicht so gut“) geht er ab 2012 ins Fitnessstudio, wird Personal Trainer und Studioleiter einer Kette. „Irgendwann war mir klar, was ich kann, ich muss mich nicht verstecken.“

Das gilt auch auf dem Fußballplatz. In Berlin ackert er als rechter Verteidiger für Kreisligist Medizin Friedrichshain. Wenn er mit einer Hand den Ball nimmt, um Einwürfe zu machen, pöbeln die Zuschauer. Darf der das? Lehmann antwortet: „Die haben geschrien: Das geht nicht, der darf das nicht machen. Aber ich werfe den Ball ganz normal über den Kopf.“ Weil er so viel Kraft im rechten Arm hat, wirft er den Ball zuverlässig bis zum Elfmeterpunkt, „das kommt vom Speerwerfen“, erklärt Lehmann. „Wenn ich richtig Druck auf den Ball kriege, ist das scharf wie eine Flanke. Wir haben dadurch schon viele Tore erzielt. Und dann regen die gegnerischen Fans sich natürlich schon auf.“

Lehmann findet das in Ordnung. „Ich bin keiner, der Mitleid will oder beim Fußball zurückzieht.“ Eher das Gegenteil ist der Fall: „Ich bin jemand, der mit dem kompletten Körper reingeht und grätscht.“

Körperbetont, agil, robust, so haben sie ihn bei Medizin Friedrichshain in Erinnerung. Ende 2014 ist dort Schluss, als Lehmann im letzten bedeutungslosen Saisonspiel mit ansehen muss, wie der gegnerische Torwart seinem besten Kumpel Schien- und Wadenbein bricht.

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In Schlepzig nennen sie ihn "Klinsi"

Im August 2020 beendet er auch das Kapitel Berlin. Nach 14 Jahren zieht er zurück aufs Land. Die Enge der Stadt, gerade in Corona-Zeiten, findet er ätzend. In Hohenbrück arbeitet er nun bei seinem Vater, der seit 1990 Kühe züchtet. „Wir machen Mutterkuh-Haltung und Fleckviehhaltung“, erzählt Andreas Lehmann über den Öko-Betrieb; die Kühe werden also besamt und dann weiterverkauft. Die Arbeit ist kraft- und zeitraubend. Morgens um halb acht steht Lehmann auf, füttert Kühe und Kälber, bestellt die Felder mit seinem Traktor und kümmert sich um die Organisation. „Landwirtschaft muss man mögen und wollen“, sagt er.

Nebenher baut er mit seinem Vater gerade noch sein Haus in Eigenregie. „Vieles kriege ich noch hin, meine erste Ausbildung war die zum Maurer.“ Fußball spielt er auch wieder, jetzt bei Grün Weiß Schlepzig, wo sie ihn „Klinsi“ nennen, weil er die verrücktesten Tore schießt, nur die leichten nicht.

Im Amputiertenfußball fehlen ihm die Erfahrungen noch. Nur einmal, 2017, war er bei einem Turnier in Braunschweig dabei. Ein befreundeter Amputierten-Fußballer nahm ihn damals zu einem Turnier der lokalen Sportfreunde mit. Lehmann hütete das Tor der Braunschweiger, doch der Einsatz blieb vorerst einmalig. „Zwei Stunden nach Braunschweig fahren und wieder zurück für ein Training – das war mir einfach zu viel. Ich habe dann gesagt: Wenn ihr mal was in Berlin macht, bin ich sofort dabei.“

Nun also macht TeBe Ernst und in der eng vernetzten Szene sind Lehmanns Worte hängen geblieben. Schnell war der Kontakt hergestellt und Lehmann hält Wort. Noch ruht das Projekt coronabedingt, die Pläne aber sind gemacht. Am Samstag fand ein erstes Meeting per Zoom statt, wo sich Hamburger, Braunschweiger und Berliner erstmals austauschten. Auf den Trainingsplatz wollen die Kicker der SG Nord erstmals am 8. Mai, allerdings wird dieser Termin angesichts der Pandemie-Lage kaum zu halten sein.

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„Fußball sollte für alle möglich sein – sowohl auf den Rängen als auch auf dem Platz“, sagt TeBe-Vorstandsmitglied Tobias Schulze, man freue sich, künftig einen Beitrag zum Amputierten-Fußball leisten zu können „und wir werden alles geben, um das Projekt auch langfristig stemmen zu können“.

Kurzfristig werden sich die TeBe-Spieler um Andreas Lehmann auf einen harten Konkurrenzkampf einstellen dürfen. Etwa 18 Spieler – Erwachsene wie Jugendliche – umfasst der Kader der SG Nord, Mädchen und Frauen dürfen auch mitspielen. „Das ist ein großer Haufen für eine Spielgemeinschaft“, sagt Torwart Lehmann. Umso motivierter sei er, einen Stammplatz wolle er auf jeden Fall. „Ich liebe den Wettkampf und will immer gewinnen“, sagt Andreas Lehmann mit dem Selbstvertrauen eines Menschen, der weiß, dass er das wichtigste Spiel schon lange gewonnen hat: Das gegen das eigene Schicksal.