19. Juli 2021 / 15:30 Uhr

Kontrolle überall: Der schwierige Weg in die Olympia-Blase von Tokio

Kontrolle überall: Der schwierige Weg in die Olympia-Blase von Tokio

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Die Corona-Bestimmungen bei den Olympischen Spielen von Tokio sind streng.
Die Corona-Bestimmungen bei den Olympischen Spielen von Tokio sind streng. © IMAGO/ITAR-TASS (Montage)
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Bei den ersten Olympischen Spielen ohne Zuschauer herrschen strenge Corona-Bestimmungen. Journalisten werden seit Wochen von den Organisatoren kontrolliert. SPORTBUZZER-Reporter Jens Kürbis berichtet über seinen Weg in die Olympia-Blase.

Gefühlt bin ich seit Wochen auf dem Weg nach Tokio. Akkreditierung, Reisestecker Typ A und B – alles ist gepackt. Das olympische Kribbeln kam spät, jetzt ist es da. Denn statt Gänsehautvorfreude war bisher Nackenhaarpanik angesagt. Nicht, weil ich von meinen vierten Sommerspielen als Reporter täglich für Millionen Leser aus ganz Deutschland aus Tokio berichte. Es sind die vielen Fragezeichen, die mit im Flugzeug sitzen werden.

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Denn es werden außergewöhnliche Spiele, die ersten Geisterspiele überhaupt, mehrheitlich von der Bevölkerung abgelehnt. Ob Sportler oder Journalist – diesmal wird niemand vom Gastgeberland mit offenen Armen empfangen. Verständlich. Das japanische Volk ist angespannt, wenn 80.000 Menschen in Tokio einfliegen.

Um der Bevölkerung ein gutes Gefühl zu geben, werden allen Akkreditierten harte Bandagen angelegt. Konkret: Seit Mai gibt es eine Flut von Mails mit Anweisungen und Registrierungen auf verschiedenen Internetplattformen. Mehrere Versionen eines 60-seitiges "Playbooks", einer Art Regelbuch für Olympiareisende, und sechs PDF-Dateien, die die Rolle als Berichterstatter präzise beschreiben, gibt es gratis dazu. Da wird wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier das schon vor zwei Jahren gebuchte Hotel gestrichen, weil den Organisatoren plötzlich nicht mehr genehm. Da muss auf einer von jetzt drei Internetplattformen ein detaillierter Aktivitätenplan hochgeladen werden. Ankunft, Abflug, Hotel, Wettkampfstätten, die man besuchen möchte – alles wollen die Japaner wissen. Vier Wochen vor Abflug. Nur das Go der Regierung gewährt Einlass. Spontanbesuche, wenn ein deutscher Athlet oder eine deutsche Athletin unerwartet nach einer Medaille greift – unmöglich. Und weiter geht’s im Registrierungswahnsinn. Das Handy wird auch vollgepackt. Cocoa, eine japanische Corona-Warn-App, und Ocha, ein Gesundheitsreport, müssen heruntergeladen werden.

Fehlende Antworten auf viele Fragen

Alles in Einbahnstraßenkommunikation. Antworten auf Hilferufe gibt es aus Tokio nicht. Wenn, dann in der Whatsapp-Selbsthilfegruppe unter deutschen Kollegen. Doch auch die sind oft ratlos. Ein Novum: ein Krisengipfel von mehr als 70 Journalisten und Journalistinnen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Doch selbst der tappt im Dunkeln. So soll es täglich um 14 Uhr eine DOSB-Pressekonferenz in Tokio geben. "Eigentlich", sagt Sprecher Michael Schirp, "wir wissen nur nicht, wo."

Restaurant, Supermarkt, öffentliche Verkehrsmittel – alles ist tabu. Bewegen ist nur auf vorgefertigten Routen möglich. Masken dürfen nur zum Essen, Trinken und Schlafen abgenommen werden. Lokale Medien haben eine Art Sport entwickelt, um Ausländer bei Fehltritten zu ertappen.

Seit gut einer Woche bin ich – noch in Deutschland – bereits unter japanischer Beobachtung, muss täglich Fieber messen, Fragen zu meinem Gesundheitszustand beantworten. Wird das vergessen, gibt es knackige Erinnerungen per Mail. Zwei PCR-Tests – 96 und 72 Stunden vor dem Abflug – sind auch Pflicht. Aber nur von Japan genehmen Instituten. Oder doch nicht? Interessiert keinen, heißt es von denen, die bereits angekommen sind. Hauptsache, das japanisch-englische Zertifikat hat einen Stempel. Geimpft? Interessiert auch keinen. Einmal angekommen, gibt’s den nächsten PCR-Test – und nach einem mehrstündigen Einreisecheck am Flughafen (Rekord aktuell: neun Stunden) eine digitale Fußfessel. Kontakttracking, Meldung aller Aktivitäten und Aufenthaltsorte – es ist totale Olympiaüberwachung.


Trotzdem sind viele Fragen vor dem Abflug an diesem Montag unbeantwortet: Warum ist mein Aktivitätenplan nicht genehmigt? Muss ich drei Tage in Quarantäne? Komme ich nach den Wettkämpfen in die Mixed-Zone? Die beim Handball hat nur 23 Plätze. Komme ich überhaupt hinein? Denn die Akkreditierung als Einlass reicht diesmal nicht. Für jeden Wettkampf müssen Extratickets beantragt werden Nur wie? Die Plattform ist nicht erreichbar.

Meine Olympiareise, noch kommt sie mir wie eine riesengroße Fukubukuro vor, eine Wundertüte. In Japan sind die sehr beliebt.