11. Mai 2019 / 08:59 Uhr

Analyse zum Trainer-Beben in der Bundesliga: Hohe Erwartungen sind kaum zu erfüllen

Analyse zum Trainer-Beben in der Bundesliga: Hohe Erwartungen sind kaum zu erfüllen

Heiko Ostendorp, Patrick Strasser und Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Trainer Thomas Doll (Hannover 96), Pal Dardai (Hertha BSC) und Dieter Hecking (Borussia Mönchengladbach) stehen ab Sommer nicht mehr in der Bundesliga an der Seitenlinie.
Die Trainer Thomas Doll (Hannover 96), Pal Dardai (Hertha BSC) und Dieter Hecking (Borussia Mönchengladbach) stehen ab Sommer nicht mehr in der Bundesliga an der Seitenlinie. © dpa/Montage
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Während Fußballcoach Jürgen Klopp in Liverpool als fünfter Beatle verehrt wird, steht die Bundesliga vor einer außergewöhnlichen Rochade: Die Hälfte aller Trainer wird ihre Vereine am Saisonende verlassen. Ein Grund: Die hohen Erwartungen an die Trainerbank sind kaum zu erfüllen.

Es war die Woche des Jürgen Klopp. Der ehemalige Trainer des FSV Mainz 05 und von Borussia Dortmund wurde am Dienstagabend zu einer Art Magier erkoren. Sein Team, der FC Liverpool, machte in einem denkwürdigen Halbfinalrückspiel der Champions League einen 0:3-Rückstand gegen den großen FC Barcelona wett und zog ins Endspiel ein. Eine Sensation, die nicht etwa den Torschützen zugeschrieben wurde, sondern vor allem einem: dem Trainer.

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Der englische Daily Mirror schrieb: „Jürgen Klopp hat das Unmögliche möglich gemacht.“ Die spanische Mundo Deportivo huldigte: „Sensationeller Jürgen Klopp. Welch ein Mann. Welch eine Aura. Welch eine Ausstrahlung.“ Italiens Fußballbibel Gazzetta dello Sport titelte: „Der Champion ist er: Jürgen Klopp!“ Und L’Equipe huldigte dem Wundermacher von der Anfield Road gleich auf mehreren Seiten: „Dieses Comeback trägt die Handschrift von Jürgen Klopp. Wieder mal wusste der Deutsche, wie man seine Spieler dazu bringt, Grenzen zu überschreiten.“ In Liverpool selbst wird Klopp sogar schon als der fünfte Beatle bezeichnet. Mehr geht nicht.

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Liverpool hat es geschafft und viele Kritiker Lügen gestraft. Die Reds besiegen den FC Barcelona mit 4:0 und stehen zum zweiten Mal in Folge im Endspiel der Champions League. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Reaktionen der internationalen Medien. Zur Galerie
Liverpool hat es geschafft und viele Kritiker Lügen gestraft. Die "Reds" besiegen den FC Barcelona mit 4:0 und stehen zum zweiten Mal in Folge im Endspiel der Champions League. Der SPORTBUZZER zeigt die Reaktionen der internationalen Medien. ©

Der Trainer ist bei Misserfolg meistens das erste Opfer

Der Trainer als Held. Standen die Übungsleiter früher auch medial meistens eher am Spielfeldrand, sind sie heute oft die zentralen Figuren im Milliardengeschäft Profifußball. Fast könnte man meinen, die Spieler sind nahezu austauschbar, wenn der Mann am Spielfeldrand die richtigen Worte und Entscheidungen findet, das richtige Konzept hat, das richtige System spielen lässt. Trainer sind heute oft Gesicht, Herz und Gehirn der Mannschaft – oder werden zumindest so wahrgenommen. Daran haben sie auch selbst einen Anteil. Selbst wenn Klopp, immer für Überraschungen am Mikrofon gut, nach der Aufholjagd im britischen TV in eigentümlicher Weise auf die besondere Leistung der Spieler verwies, wirkte es doch zugleich wie Selbstlob, als er sagte: „Diese Jungs sind verdammte Mentalitätsgiganten, es ist unglaublich!“

Eine solche Überhöhung des Mannes auf der Trainerbank hat Folgen – und nicht immer geht es dabei um die Verfassung von Lobeshymnen. Denn für gewöhnlich ist der Übungsleiter auch das erste Opfer, wenn es mal nicht so läuft. Wenn dem Verein die Vision fehlt oder einfach der Erfolg. In der Bundesliga, in der sich an diesem Wochenende die Meisterschaft bereits entscheiden könnte, ist das momentan so gut zu beobachten wie lange nicht.

Vereinsbosse wollen Trainer-Philosophie

Die Hälfte aller 18 Erstligisten wird aller Voraussicht nach mit einem neuen Coach in die kommende Saison starten, mindestens. Das wäre die zweithöchste Zahl der Geschichte, der Allzeitrekord von zwölf neuen Coaches vor der Spielzeit 1978/79, ist in Reichweite. Fest steht die Demission von Dieter Hecking bei Borussia Mönchengladbach, trotz aktuell Platz sechs in der Bundesliga. Auch beim VfL Wolfsburg, der TSG 1899 Hoffenheim, RB Leipzig, Hertha BSC und dem FC Schalke 04 ist ein Trainerwechsel bereits ausgemacht. Hinzu kommen Wackelkandidaten wie die Trainer vom VfB Stuttgart und dem 1. FC Nürnberg sowie der Hannover-96-Trainer Thomas Doll, der selbst nicht mehr auf eine Weiterbeschäftigung wetten würde.

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Bei der Trainerfrage geht es für Vereine längst nicht mehr nur um Taktik, Training und Torerfolg. Wenn Experten und Vereinsführung über die Trainerfrage reden, hört man neuerdings sehr unfußballerische Worte. Oft genug klingt es, als ob Vereinsbosse viel Zeit in Selbstoptimierungsseminaren verbracht haben. Es soll um die richtige „Philosophie“ gehen. Um „Nachhaltigkeit“. Um neue „Konzepte“. Um „ganzheitliche“ Lösungen. Während Franz Beckenbauer früher für seine Taktikanweisung „Geht’s raus und spielt’s Fußball“ gefeiert wurde, ist der Coach heute im besten Fall Guru und Konzeptkünstler, der allein durch seine Idee vom Spiel einen Verein an die Spitze führen soll.


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Fred Schulz ist bis heute der älteste Bundesliga-Trainer. Er war bis zum 29. April 1978 bei Werder Bremen tätig und bei seinem letzten Bundesligaspiel 74 Jahre und 184 Tage alt. ©

Auch Bayern ist auf der Suche

Sogar die Verantwortlichen beim Branchenprimus FC Bayern München denken an einen Trainerwechsel zum Saisonende – obwohl Niko Kovac in seinem ersten Jahr bei den Bayern sogar noch die Meisterschaft und den DFB-Pokal einfahren kann. Gewinnt seine Mannschaft heute bei RB Leipzig, stünden die Münchner einen Spieltag vor Schluss als Meister fest. Das Wort Entlassung schwebt dennoch über dem Vereinsgelände an der Säbener Straße.

Zwar betonte Bayern Präsident Uli Hoeneß unlängst die „gute Arbeit“ von Kovac und gab ihm trotz des Ausscheidens in der Champions League gegen Liverpool im Viertelfinale die Note Eins minus. Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld, schon immer auf Linie seines Vertrauensmannes Hoeneß, meint: „Ich habe kein Verständnis, wenn Niko jetzt infrage gestellt wird.“ Kovacs Vertrag läuft bis 2021. Heißt aber nichts.

Während für Hoeneß die Titel für den Trophäenschrank zählen, hat Bayern-Vorstandschef und Hoeneß-Gegenspieler Karl-Heinz Rummenigge die spielerische Weiterentwicklung der Mannschaft im Auge – und gibt sich in Sachen Kovac und dessen Zukunft betont kühl und unklar. Eine Jobgarantie beim Double? Nicht mit Rummenigge. „Ich habe immer gesagt, dass man beim FC Bayern liefern muss. Das gilt für mich und für jeden anderen hier.“ Sprach’s und schwärmte vom ehemaligen Bayern-Mittelfeld-Strategen Xabi Alonso als Coach der Zukunft – obwohl der Spanier derzeit erst seine Trainerausbildung absolviert und in der Jugendabteilung von Real Madrid jobbt.

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Roque Santa Cruz, Bastian Schweinsteiger, Mario Götze: Was wurde aus den ehemaligen Spielern vom FC Bayern? Der SPORTBUZZER zeigt 50 Ex-Profis der Münchner – und was sie jetzt machen. ©

Lothar Matthäus: "*Man sollte sich zunächst als Verein mal ein Konzept überlegen"*

Bei den Profitrainern selbst ist die Tendenz zum schnellen Austausch längst ein ständiges Gesprächsthema – und der drohende Fall von Kovac ein Musterbeispiel für das, was im Umgang mit den Trainern falsch laufe. Felix Magath etwa, einst selbst nach zweimaligem Double in der dritten Saison bei Bayern entlassen, beklagt, dass Bundesliga-Trainer heutzutage zu schnell in die Kritik geraten. Sie würden immer häufiger „schwächer gemacht und öffentlich bloßgestellt“.

Einer, der sich mit öffentlicher Schmach im Fußball auskennt, ist Lothar Matthäus. Deutschlands Rekordnationalspieler hat es selbst trotz internationaler Trainerkarriere nie zu einem Bundesliga-Klub geschafft. Aber er beobachtet das Geschäft genau – früher als Trainer in Ländern wie Österreich, Israel, Serbien und Brasilien sowie als Nationalcoach von Ungarn und Bulgarien, heute als TV-Experte. Spricht man Matthäus auf die möglichen Gründe für das aktuelle Trainerbeben an, sieht er vor allem ein konzeptionelles Problem aufseiten der Vereine, nicht bei den Trainern: „Man hat einfach keine Geduld mehr und trifft häufig schon im Vorfeld die falschen Entscheidungen. Viele suchen die einfachste Lösung – jemanden mit Stallgeruch, einen, der mit jungen Spielern kann. Das ist vielleicht naheliegend und funktioniert kurzfristig, aber nachhaltig halt auch oft nicht“, sagt der 58-Jährige. Sein Rat an die Klubs: „Man sollte sich zunächst als Verein mal ein Konzept überlegen, bevor man einen Trainer und die entsprechenden Spieler holt. Ajax Amsterdam ist aktuell ein gutes Beispiel in Europa. Die haben eine klare Vereinsphilosophie, suchen danach auch die Spieler aus und einen Trainer, der diese Philosophie mitträgt.“

Braucht Fußball Philosophie?

Ist es also der Verein, der eine Philosophie braucht, nicht der Trainer? Nico Kovac sollte im vergangenen Jahr so ein Trainer sein, der die sogenannte Bayern-Philsophie in sich trägt, nun wackelt er trotzdem.

Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer ließ kürzlich aufhorchen, als er betonte, dass er Kovac den Triumph wünsche, „um denen die lange Nase zu zeigen, die nicht an ihn geglaubt haben“. Der Kaiser entlastet den intern und von vielen Fans kritisch gesehenen Kovac: „Es ist nicht leicht, die Mannschaft zu trainieren. Es ist eine verwöhnte Truppe.“ Die sich wohl trotzdem zum siebten Mal hintereinander die Meisterschaft sichert. Kovac, smart, größtenteils gelassen und erstaunlich zäh, sagt, er versuche die Debatten um seine Zukunft „auszublenden“. So gut es eben geht.

Drama pur: Die magischen Momente des Jürgen Klopp

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Jürgen Klopp hat in seiner Karriere bereits einige emotionale Szenarien erlebt. Der SPORTBUZZER zeigt die magischen Momente des Jürgen Klopp.  ©

Was bringen Trainerwechsel eigentlich?

Doch der kurzfristige Erfolg scheint eben nicht mehr auszureichen – und auch nicht mehr alleiniges Ziel der Klubverantwortlichen zu sein. Anfang Dezember 2018 war die aktuelle Saison sogar noch auf Rekordkurs in Sachen Stabilität: nur eine Trainerentlassung, Tiefstwert seit 20 Jahren. Aktuell pendelt sich die Spielzeit mit sieben Wechseln in der Saison auf unteres Mittelmaß ein. Im Vorjahr wurden neun Trainer vor die Tür gesetzt, in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 101, im Schnitt also zehn. Der Bundesliga-Rekord von 2003/04 mit 14 Demissionen im laufenden Betrieb bleibt wohl noch lange bestehen.

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Doch was bringen Trainerwechsel eigentlich? Die jüngste Studie der Universität Münster hierzu ergab 2016: eigentlich nichts.

Denn nach dem ersten Motivationsschub greifen wieder die Unwägbarkeiten des Spiels. Und was sprechen die Fakten dieser Saison? Von den sieben neuen Trainern hatten sogar drei einen schlechteren Punkteschnitt als ihre Vorgänger, lediglich drei (Peter Bosz in Leverkusen, Martin Schmidt in Augsburg und Boris Schommers in Nürnberg) haben den Tabellenplatz verbessert. Schommers wird heute wohl trotzdem absteigen – oder am nächsten Spieltag. Und sein Verein wird einen neuen Trainer suchen. Einen mit der richtigen Philosophie.