05. März 2021 / 22:40 Uhr

Trainer, Ordner, Fans und Co.: So erlebten sie ein Jahr Leere in der Wolfsburger VW-Arena

Trainer, Ordner, Fans und Co.: So erlebten sie ein Jahr Leere in der Wolfsburger VW-Arena

Andreas Pahlmann, Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Ziehen ihre Bilanz: Yannick Gerhardt, Henry Eichberg, Oliver Glasner, Georg Poetzsch, Marcel Westermann, Pascal Sempf, Andreas Wochnik (o. v. l.)
Ziehen ihre Bilanz: Yannick Gerhardt, Henry Eichberg, Oliver Glasner, Georg Poetzsch, Marcel Westermann, Pascal Sempf, Andreas Wochnik (o. v. l.) © Imago Images / Hübner
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An diesem Wochenende ist es genau ein Jahr her, dass Bundesliga-Spiele in vollen Stadien stattfanden. Wir haben rund um den VfL Wolfsburg nachgefragt: Wie war dieses Jahr?

Am 7. März 2020 waren 27.200 Menschen in der Volkswagen-Arena, um ein Spiel der Fußball-Bundesliga zu sehen. 27.200 Menschen, die nicht ahnten, dass es die vorerst letzte Partie Wolfsburg war, die unter normalen Bedingungen stattfand. In den Tagen danach ging alles rasend schnell. Corona, keine Menschenmengen mehr erlaubt, Geisterspiele und schließlich erst einmal gar keine Spiele mehr.

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Mithilfe eines Hygienekonzepts rollte der Berufsfußball irgendwann wieder, zwischenzeitlich durften auch ein paar Fans ins Stadion. Aber dass wir „normale“ Spiele erlebt haben, ist jetzt ein Jahr her. Die Gewöhnung, die keiner will, ist längst ein stückweit da: Bundesliga-Fußball ist ein TV-Ereignis, die Abwesenheit emotionaler Erlebnisse auf den Rängen ein Stück Alltag.

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Noch immer, das gibt auch Jörg Schmadtke zu, „ist es jedes Mal ein komisches, befremdliches Gefühl, wenn man im Stadion sitzt“. Der Manager des VfL Wolfsburg meint aber auch: „Die Darbietungen, die ich sehe, lenken mich ein Stück weit ab. Denn ich finde, das Niveau der Spiele ist hoch.“ Was nicht nur für den aktuell so erfolgreichen VfL gilt.

Die Mehrheit der Deutschen ist einer Umfrage zufolge für Geisterspiele bis Saisonende. Angesichts der aktuellen Corona-Lage wollen 61 Prozent der Bundesbürger laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov nicht, dass bis Mai wieder Zuschauer zugelassen werden. Und wenn das Ergebnis anders ausgefallen wäre, würde es wohl nichts ändern. Denn die Frage „Können Fans in dieser Saison noch mal ins Stadion?“, beantwortet auch Schmadtke mit: „Höchstwahrscheinlich nicht.“

Der VfL-Manager macht sich stattdessen weiter Sorgen darum, ob die Saison überhaupt weitergehen kann: „Ich glaube, wir müssen das Augenmerk darauf richten, dass wir den Spielbetrieb zu Ende bekommen.“ Die Absagen eines DFB-Pokalspiels in dieser Woche wegen mehrerer Corona-Fälle beim Zweitligisten Regensburg habe „gezeigt, dass es ganz, ganz schnell gehen kann durch die Mutationen, die die gesamte Geschichte noch mal deutlich komplizierter machen. Es wird noch mal eine größere Herausforderung für alle. Es geht jetzt darum, sich für den Rest der Saison noch mal zu disziplinieren.“

Der Spieler

Yannick Gerhardt (26, seit 2016 Profi des VfL Wolfsburg): „Leider gibt es jetzt schon fast ein Jahr lang Spiele vor leeren Rängen. Und ich muss sagen, dass ich mich noch immer nicht daran gewöhnt habe. Ich vermisse nach wie vor die Fans und die tolle Stimmung in den Stadien. Gleichzeitig sind wir Spieler natürlich sehr glücklich darüber, unseren Beruf in der aktuellen Situation weiter ausüben zu dürfen. Aktuell können wir uns dafür besser auf dem Platz verständigen. Es ist einfacher, mit seinen Mitspielern zu kommunizieren und auch die Anweisungen des Trainers sind deutlicher zu hören. Nichtsdestotrotz fühle ich mich als Spieler von der Stimmung auf den Rängen auch angetrieben und gerade in so erfolgreichen Phasen wie aktuell wünscht man sich, die Erfolge mit den Fans teilen zu können. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem das wieder möglich ist und wir zusammen Siege feiern können.“


Der Nordkurven-Fan

Henry Eichberg (40, seit 25 Jahren Dauerkarten-Inhaber): „Der Fußball in der Arena fehlt. Gerade in dieser geilen Phase! Im vergangenen Herbst gehörte ich zu den Glücklichen, die beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen im Stadion sein durften. Zwar nicht wie gewohnt in der Nordkurve, aber wenigstens einmal wieder direkt bei einem Spiel zu sein, war besser als nichts. Und wenn es wieder die Möglichkeit geben sollte, eine Partie in der VW-Arena mit stark eingeschränkter Zuschauerzahl zu verfolgen, würde ich das sofort wieder machen – auch wenn das mit einem normalen Spieltag wenig gemein hat. Meine Lust auf den VfL hat durch die Geisterspiele nicht gelitten, ich schaue jedes Spiel im TV. Die Lust auf Fußball generell ist aber schon ein wenig kleiner geworden. Wenn ich sehe, dass Gladbach gegen Manchester City in Budapest gespielt wird oder die Bayern in Katar antreten, fehlt mir da in Anbetracht von Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Geschäften und Schulen ein wenig das Verständnis dafür.

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Der Trainer

Oliver Glasner (46, seit 2019 Chefcoach des VfL Wolfsburg): „Es ist schon verrückt, dass wir seit nunmehr fast einem Jahr ohne Zuschauer spielen, abgesehen natürlich von den Ausnahmen, als zumindest ein paar Tausend Fans in die Arena durften. Egal wie lange wir noch ohne Fans unsere Spiele absolvieren müssen, ich werde mich daran nie gewöhnen. Die Anhänger sind das Salz in der Suppe, sie machen die Atmosphäre in den Stadien aus, auf die wir jetzt schon so lange verzichten müssen. Dieser Pandemie kann und werde ich nichts Positives abgewinnen – in keiner Hinsicht. Natürlich bin ich froh, dass die Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen konnte und wir Tag für Tag, Woche für Woche unserem Beruf nachgehen und vielen Menschen damit auch ein bisschen Abwechslung schenken können. Aber auch den Fußball hat Corona vor große Herausforderungen gestellt, wir müssen viele Kompromisse eingehen – und ein sehr großer Aspekt dabei sind die Spiele vor leeren Rängen. Die Stille in den Stadien sorgt sicher dafür, dass die Kommunikation untereinander auf dem Platz deutlicher ist und auch Kommandos von mir an die Spieler besser zu verstehen sind, aber meine Arbeit an der Seitenlinie hat das nicht verändert.“

Der Reporter

Marcel Westermann (31, berichtet seit 2016 als Sportredakteur über den VfL Wolfsburg): „Während ich mich am Fernseher längst an Fußball-Spiele ohne Zuschauer gewöhnt habe, ist es bei einem Stadionbesuch als Sportreporter doch noch mal etwas ganz anderes. Dass ich in der Arena anders als zu Hause vor, während und nach dem Spiel mit der Maske auf meinem Platz sitzen muss, ist für mich kein Problem. Den Mund-Nasen-Schutz kenne ich ja aus dem Alltag. Einen Gesundheits-Fragebogen auszufüllen, meine Hände zu desinfizieren und Abstand zu anderen einzuhalten – das alles ist auch längst zur Normalität geworden. Woran ich mich aber nach einem Jahr noch immer nicht gewöhnt habe – und auch nicht gewöhnen möchte -, ist, dass keine Zuschauer im Stadion sind. Das fühlt sich nach wie vor total merkwürdig an. Bei jedem Spiel brauche ich erst mal knapp 20 Minuten, um das zu realisieren. Es fühlt sich an wie ein Trainingsspiel. Das macht es extrem schwer, sich auf die Partie zu konzentrieren und es als Bundesliga-Spiel wahrzunehmen. Natürlich ist es auch mal spannend zu hören, was die Trainer und Spieler sagen. Aber die Atmosphäre von den Rängen fehlt mir enorm. Denn ohne Emotionen ist der Fußball nicht der Fußball, den wir lieben.“

Der Stadionsprecher

Georg Poetzsch (46, seit 1999 Stadionsprecher beim VfL Wolfsburg): „Mit fehlen die Fans so wie sie allen fehlen – und mir fehlen sie auch als Resonanzkörper für das, was auf dem Feld passiert. Man dreht sich ja in einem Spiel auch mal ’ne Sekunde weg, um vielleicht was nachzuschauen - aber an der Reaktion des Publikums merkt man sofort, wann man wieder aufs Feld gucken muss. Anders gesagt: In einem vollen Stadion muss ich den Ball nicht sehen, um zu wissen, wo er ist. Seit einem Jahr haben wir nun Spiele, in denen Tore fallen und ich den Unterschied zu einem Schuss, der daneben geht, akustisch gar nicht wahrnehme. Das ist schon krass. Damit wächst auch das Risiko, dass du mal was verpasst. Das Vorlesen der Aufstellung, das wir ja sonst zusammen mit den Fans machen, fällt natürlich weg. Aber es gibt ein paar Dinge, die sind noch wie vor Corona: Wir Sprecher moderieren das Auflaufen, begrüßen die Schiedsrichter, den Gegner, unsere Jungs. Während des Spiels sind Ansagen sowieso wie immer – und ich moderiere auch am Ende wieder ab. Das Wichtigste für mich dabei: Ich sehe 99 Prozent meiner Aufgabe darin, Dienstleiter für Wout, Renato, Max und die anderen zu sein. Und als solcher will ich meinen Teil dazu beitragen, dass eine Art von Kulisse entsteht, mit der man das Ganze als das empfinden kann, was es trotz allem ist: ein Heimspiel und ein richtiges Bundesliga-Spiel.“

Der Ordner

Pascal Sempf (33, seit 2011 bei VfL-Heimspielen als Ordner im Einsatz): „Parkscheine kontrollieren, den Zuschauern den Weg zeigen, Fragen beantworten - das waren für mich und meine Kollegen in und vor der Arena die Aufgaben vor Corona. Jetzt ist alles anders, die Parkplätze sind leer, das fühlt sich manchmal richtig gespenstisch an. Wir sind auch bei den Geisterspielen im Einsatz, natürlich mit weniger Leuten - und wir haben auch andere Aufgaben. In meinem Fall heißt das: Statt wie sonst das für den Verkehr rund ums Stadion zuständige Team zu leiten, bin ich als Springer überall im Einsatz. Unsere Aufgabe ist es nun, unter anderem darauf zu achten, dass die wenigen Menschen, die im Stadion sind, sich auch an alle Vorgaben halten. Dazu gehört nicht nur das Tragen von Masken, sondern auch die Einhaltung der vorgegebenen Zonen - denn nicht jeder darf überall hin. Bei den Spielen ganz ohne Zuschauer und bei den Partien zu Saisonbeginn mit wenigen Fans habe ich jeweils die gleiche Erfahrung gemacht: In Wolfsburg sind die Leute extrem diszipliniert, halten sich an alle Regeln und es gibt auch keine Ansammlungen rund ums Stadion. Was außerdem gut ist: Der VfL sorgt dafür, dass alle Ordner beschäftigt sind, sich reihum mit den Einsätzen abwechseln und keiner wegen Corona völlig leer ausgeht.“

Der Sitzplatz-Fan

Andreas Wochnik (53, seit 21 Jahren Dauerkarten-Inhaber und verfolgt die VfL-Spiele im Südkurven-Block 38): „Es ist schon Wahnsinn, dass das jetzt schon ein Jahr her ist, in dem ich kein einziges Mal mehr auf meinem Platz im Oberrang der Südkurve im Block 38 sitzen durfte. Ein Jahr nicht mehr da sitzen und die Mannschaft nicht von dort aus spielen sehen zu können, ist mir sehr schwergefallen, denn der VfL ist mein Herzensverein, den ich seit 45 Jahren begleite. Ich hab’ mich jedoch gefreut, dass die Liga nach einer kurzen Corona-Pause weiterspielen durfte – so konnte ich meine Mannschaft wenigstens vorm Fernseher verfolgen. Ich bin da genauso aufgeregt und fiebere da genauso mit wie im Stadion, weil man ja möchte, dass die eigene Mannschaft gewinnt. Gleichwohl ärgert man sich schon, die eigenen Emotionen nicht mit den anderen Fans im Stadion teilen zu können. Vor kurzem war ich zufällig vor einem Heimspiel in der Nähe der Arena spazieren. Als ich die Einlaufmusik gehört habe, war das schon ziemlich schön. Danach hab’ ich angefangen, das regelmäßig zu machen. Vielleicht bringt es der Mannschaft, die in dieser Saison ja einen begeisternden und sehr erfolgreichen Fußball spielt, ja ein kleines bisschen Glück...“