14. April 2020 / 11:05 Uhr

Trainerlegende Franz Genschick ist im Leben ohne Fußball angekommen

Trainerlegende Franz Genschick ist im Leben ohne Fußball angekommen

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Entspannung im Garten heißt es nun für Franz Genschick – nicht mehr Anspannung an der Seitenlinie des Platzes (kleines Bild rechts). Einst spielten Bernd Dierßen (kleines Bild, links) und Genschick zusammen in einem Team. Als Trainer des 1. FC Germania Egestorf/Langreder und TSV Barsinghausen standen sich die Freunde gegenüber.
Entspannung im Garten heißt es nun für Franz Genschick – nicht mehr Anspannung an der Seitenlinie des Platzes (kleines Bild rechts). Einst spielten Bernd Dierßen (kleines Bild, links) und Genschick zusammen in einem Team. Als Trainer des 1. FC Germania Egestorf/Langreder und TSV Barsinghausen standen sich die Freunde gegenüber. © Privat/Archiv
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In unserer neuen Serie „Was macht eigentlich ...?“ rücken wir ehemalige Lokalsportgrößen der Region wieder in den Fokus, lassen sie von früher erzählen und geben auch den Dingen Raum, mit denen sie heute ihre Zeit verbringen. Dieses Mal geht es um die Fußball-Trainerlegende Franz Genschick.

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Auf dem Rasen zu stehen und dabei beobachtet zu werden ist für Franz Genschick kein Problem. Als Profifußballer hat er in den Siebzigerjahren mit dem VfL Osnabrück vor 55 000 Zuschauern im Westfalenstadion gegen Borussia Dortmund gespielt. Ende der Dekade waren es 50 000 Menschen, vor denen der Offensivspieler im Niedersachsenstadion im Trikot von Arminia Hannover im Derby gegen Hannover 96 alles gegeben hat. Mittlerweile sind es seine Frau Barbara oder ein Nachbar, mit denen er auf dem saftigen Grün im Garten seines Hauses in Bad Münder ab und an auch über Fußball redet. Mit fast 71 Jahren braucht Genschick die gesteigerte Aufmerksamkeit nicht mehr. Er genießt das Rentnerdasein, fernab der Fußballplätze, auf denen er sich auch als Trainer einen Namen gemacht hat.

„Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Man muss loslassen können, denn alles hat seine Zeit“, sagt der zweifache Vater. Vergangenes Jahr ging er in den Ruhestand, nach seiner Profikarriere waren es mehr als 40 Jahre, die er als Anzeigenverkäufer für die Neue Deister-Zeitung in Springe tätig gewesen ist. Genau der richtige Job für die rheinische Frohnatur aus Düsseldorf, die jederzeit für einen guten Spruch zu haben ist. „Als Jungspund hätte ich gedacht: Bist du denn bescheuert, bis 70 zu arbeiten? Ich hatte aber immer schon Pfeffer im Hintern, brauchte den Kontakt zu den Leuten“, sagt Genschick.

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Muss auch mal sein: Koldingens Imad Saadun muntert Sehndes Daniel Neitzke mit einem Klaps auf. ©

Disziplin und Ordnung

Ein gutes Vertrauensverhältnis zu seinen beruflichen Partnern war ihm immer wichtig. Ehrlichkeit schätzt er sehr, auch als Coach. In seiner Zeit als Trainer beim 1. FC Germania Egestorf/Langreder, den er von Anfang 2007 bis September 2008 betreute, trat er mit sofortiger Wirkung zurück, nachdem sich ein Spieler geweigert hatte, sich für ein Fehlverhalten zu entschuldigen. „Disziplin und Ordnung sind wichtig. Ich bin da sehr konsequent“, erklärt der Fußballfachmann.

Genschick hatte den Egestorfer Akteur suspendiert, weil dieser sich nicht auf die Bank hatte setzen wollen. Als ihm der Spielerrat daraufhin die Pistole auf die Brust setzte, damit der Coach seine Entscheidung zurücknimmt, war ihm klar, dass er beim 1. FC Germania nicht mehr weiterarbeiten wollte. „Ich habe mich dort wohlgefühlt, es war zu der Zeit aber auch viel Vetternwirtschaft im Verein“, sagt der 70-Jährige.

Vom heutigen Egestorfer Trainer Paul Nieber hält Genschick eine Menge: „Das ist ein super Kerl, der echt Ahnung von seinem Job hat.“ Kurz darauf fügt er lachend hinzu: „Und Paul ist einer der wenigen, die sich jedes Jahr an meinen Geburtstag erinnern.“ Nieber war unter dem Trainerfuchs Spieler beim FC Springe gewesen. Von 2008 bis 2012 dauerte dort seine letzte Station als Übungsleiter.

Es war eine schwere Entscheidung, dem Sport den Rücken zu kehren, die Arthrose in den Knien zwang ihn jedoch zu diesem Schritt – Altlasten eines Fußballerlebens. „Ich hatte starke Schmerzen, und Rumhampeln wollte ich nicht. Was ist das für ein Trainer, der seinen Spielern nicht mal mehr die simpelsten Übungen vormachen kann?“, erklärt er das Ende seines Wirkens als Coach. 2019 unterzog sich Genschick der überfälligen Operation, jetzt freut er sich über ein komplett neues rechtes Knie. „Ich wollte meinen Job erst vernünftig zu Ende bringen und dann den Eingriff machen, der dich ja für lange Zeit bewegungsmäßig schachmatt setzt“, sagt er – das zweite Knie soll irgendwann folgen.

MSV Duisburg lockte mit der Bundesliga

Zu der Zeit, als die Gelenke noch einwandfrei funktionierten, hätte es Genschick, der beim VfL Benrath begonnen hatte, als Kicker noch weiter bringen können als in die 2. Bundesliga Nord, wie sie damals hieß. „Als ich in Osnabrück war, kam ein Anruf vom MSV Duisburg, der mich für die Bundesliga haben wollte“, erzählt der Düsseldorfer. Die Vereine kamen aber nicht zusammen – so wie später Mitte der Siebzigerjahre, als 96 anklopfte. „Meine Ablösesumme war denen zu hoch“, erinnert er sich.

Als Spieler von Arminia Hannover sollte es für ihn noch zu elektrisierenden Stadtduellen zwischen den Blauen und den Roten kommen. „Wenn ich Peter Hayduk sehe, begrüßt er mich immer noch so: ‚Na Genschick, weißt du noch damals, als ich euch vor 50 000 das 1:0 einschenkte?’“, sagt der Wahl-Münderaner, der dann ein „Ja, ja, du Großmaul, voll in den Winkel“ als Antwort bevorzugt.

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"Mensch Franz, Gott sein Dank, ich dachte, du bist tot"

Von den Arminen führte der Weg zum VfV 06 Hildesheim, wo Genschick im Verlauf der Achtzigerjahre zum Spielertrainer wurde und den Prozess zur Figur neben der Seitenlinie einleitete. Die Domstädter führte er bis in die Verbandsliga, damals die höchste Amateurklasse. Die VfV-Fans nannten ihm zu Ehren eine Straße in Franz-Genschick-Weg um – der Hildesheimer Bürgermeister drückte ein Auge zu und ließ das Schild 15 Jahre lang stehen. Das sorgte mitunter für kuriose Situationen. Ein Spieler aus Winsen/Luhe kam vor einem Duell auf ihn zu und sagte: „Mensch Franz, Gott sein Dank, ich dachte, du bist tot, weil die eine Straße nach dir benannt haben!“

Wenn Genschick die Anekdoten in seiner humorvollen und direkten Art zum Besten gibt, glaubt man gerne, dass er auch bei seinen anderen Trainerstationen beliebt war. Sei es bei Preußen Hameln oder dem TSV Barsinghausen, mit dem er zwischen 1998 und 2003 in die Landesliga aufstieg. Seine Karriere habe er 2012 zum richtigen Zeitpunkt beendet, sagt er. Der Fußball habe sich seitdem verändert, auch im Amateurbereich, und nicht zum Guten. „Was sich die Spieler teilweise rausnehmen ... Es ist schlimm, wie sie auf den Schiedsrichter zustürmen. Ich würde wieder die Zehn-Minuten-Zeitstrafe einführen. Wer dem Schiri näher als einen Meter kommt, fliegt!“, schlägt der Routinier vor.

Seine Freundschaft zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Frank Witter, führt ihn beizeiten zum VfL Wolfsburg, auch in Osnabrück guckt er ab und zu noch an der Bremer Brücke vorbei. Vom modernen Fußball hält er meistens aber Abstand.

Einkauf endet auf dem Parkplatz

Ansonsten heißt es nun Fahrrad fahren, den Garten in Schuss halten und sich an die Corona-Sicherheitsmaßnahmen halten. „Waldspaziergänge sind mal drin, wenn wir aber zum Einkaufen fahren, bleibe ich im Auto sitzen“, sagt der im Juni 71 Jahre alt werdende Pensionär. Seine Frau Barbara, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist, geht dann im Supermarkt in den Nahkampf – sicher ist sicher. Franz Genschick hat sich mit seinem neuen Leben arrangiert – mit ganz wenig Fußball, viel mehr Freizeit und einem wachen Auge auf die Corona-Epidemie.