03. November 2021 / 07:30 Uhr

Training und Spiele als private Zusammenkünfte? Vorwarnstufe ist "Todesstoß" und "Katastrophe"

Training und Spiele als private Zusammenkünfte? Vorwarnstufe ist "Todesstoß" und "Katastrophe"

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
Die Sonne geht unter, Wolken ziehen auf – ein symbolisches Foto für den Amateursport?
Die Sonne geht unter, Wolken ziehen auf – ein symbolisches Foto für den Amateursport? © opokupix/imago images
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Die Vorwarnstufe der Corona-Schutz-Verordnung könnte ab Samstag den Breitensport im gesamten Freistaat auf den Kopf stellen. „Soweit der Sportwettkampf beziehungsweise das Training nicht im Rahmen der Berufsausübung erfolgt, sind dies private Zusammenkünfte", sagt das zuständige Sozialministerium. Dann würde eine Beschränkung auf zehn nicht geimpfte oder genesene Personen gelten. Ein regulärer Spielbetrieb ist damit im Grunde nicht umsetzbar.

Leipzig. Die Situation ist ernst, das untermauert die Bettenauslastung in den Kliniken des Freistaats in diesen Tagen eindeutig. 878 Menschen lagen am Dienstag laut dem Sozialministerium Sachsen (SMS) mit einer Corona-Infektion auf den Normalstationen. Die Grenze der sogenannten Vorwarnstufe von 650 Betten ist seit dem 30. Oktober deutlich gerissen, am Mittwoch wird es der fünfte Tag in Folge sein. Die daraus resultierenden Regeln gelten ab diesem Wochenende. Damit steht der Breitensport in Sachsen vor der nächsten Zwangspause. Nach der Gesetzesauffassung des Sozialministeriums gilt Mannschaftssport im Amateurbereich als private Zusammenkunft und wird von den anstehenden Kontaktbeschränkungen im vollen Umfang betroffen sein – Wettbewerbe oder ein Ligabetrieb dürften damit in den wenigsten Sportarten noch realisierbar sein.

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Völlig unabhängig von der neuen Corona-Schutz-Verordnung, die ab Montag in Sachsen gelten soll, greift ab Samstag die Vorwarnstufe der aktuellen Verordnung. Auf Nachfrage von LVZ und SPORTBUZZER stellt das Sozialministerium Sachsen klar: „Soweit der Sportwettkampf beziehungsweise das Training nicht im Rahmen der Berufsausübung erfolgt, sind dies private Zusammenkünfte.“ Für solche gilt ab Samstag eine Beschränkung auf zehn Personen, ausgenommen sind jedoch Geimpfte, Genesene und Kinder unter 14 Jahren.

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Das Problem für den Mannschaftssport in Sachsen wird mit einem Blick auf die Impfquote schnell deutlich. Weniger als 60 Prozent der Menschen können eine doppelte Impfung nachweisen. Im Falle eines Fußballspiels, inklusive Ersatzspieler und Schiedsrichter, befinden sich oft über 30 Personen auf einem Sportplatz, von denen maximal zehn ungeimpft sein dürfen. Völlig unklar bleibt, inwiefern dieses Kontingent auf die Mannschaften beziehungsweise die Unparteiischen verteilt werden könnte.

Lok und Chemie könnten von Vorwarnstufe betroffen sein

Oliver Gebhardt, Vizepräsident des Fußballverbandes der Stadt Leipzig, wird deutlich: „Ich fordere das Sozialministerium auf, seine Rechtsauffassung zu hinterfragen und zu prüfen, ob Einschränkungen dieser Art wirklich sinnvoll sind und im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Ansteckungsorten stehen.“ Es sei schlichtweg nicht vorstellbar, einen fairen Mannschaftsspielbetrieb mit einer derartigen Regelung weiterhin aufrecht zu erhalten. „Der Impfstatus würde dann beispielsweise über Aufstellungen oder Auswechslungen entscheiden. Was passiert beispielswiese, wenn der elfte Ungeimpfte eingewechselt wird?“ hinterfragt Gebhardt die unklare Situation und kritisiert: „Den Heimvereinen wird hier der Schwarze Peter zugeschoben, denn sie sind zumindest hier in Leipzig in der Pflicht, das zu prüfen. Diese Regelung wäre zum jetzigen Zeitpunkt der Todesstoß für den Amateurfußball in Sachsen.“

Davon könnten auch die Regionalligisten des 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie betroffen sein. Hier wurde der Spielbetrieb in der vergangenen Saison aufgrund der Pandemie abgebrochen, da diese als Amateure gewertet wurden. Sollte diese Auslegung fortbestehen, wären die Vereine ebenfalls betroffen.

Die Auffassung des SMS, wie die Corona-Schutz-Verordnung im Breitensport angewendet werden soll, teilen längst nicht alle Betroffenen. „Nach unserer Einschätzung ist organisierter Spielbetrieb nicht als private Zusammenkunft im Sinne der Corona-Schutz-Verordnung anzusehen“, sagt Volkmar Beier, Vorstandsmitglied des Sächsischen Fußballverbandes. „Alles andere wäre den Spielern auch schwer vermittelbar, denn Fußball gehört sicher nicht zu den Pandemietreibern.“


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Auch andere Sportarten könnten von der Regelung betroffen sein, sollten zu viele Athletinnen und Athleten zusammenkommen. Ronald Meier, Geschäftsführer des Handball-Verbandes Sachsen, sagt: „Training und Wettkämpfe im Sport mit Privattreffen gleichzusetzen, würde der gesellschaftlichen Rolle des Sports nicht gerecht werden. Wenn sich diese Meinung durchsetzt, wäre das eine Katastrophe für den Amateursport. Wir gehen davon aus, dass diese Regelung letztendlich für den Sport nicht zutrifft und hoffen, dass für den Sport eine Lösung gefunden wird.“ Neben Handball, Hockey und Co. könnten auch Laufveranstaltungen wie das Event am Fockeberg am Samstag betroffen sein.

Landessportbund und Sozialministerium nicht einig

Aus einer E-Mail des Landessportbundes (LSB) an die Verbände, die LVZ und SPORTBUZZER vorliegt, geht hervor, dass auch hier der entsprechende Paragraf der Corona-Schutz-Verordnung anders interpretiert wird. „Aus unserer Sicht tangieren […] die beim Erreichen der Vorwarnstufe eintretenden Kontaktbeschränkungen nach §8/1 Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung nicht den Sportbetrieb in unseren Vereinen. Anders lautende Aussagen beziehungsweise Veröffentlichungen wurden uns vom zuständigen Sozialministerium nicht bestätigt.“ Eine offizielle Aussage des Sozialministeriums gegenüber dem LSB zu diesem Punkt gab es nach LVZ-Informationen aber bis Dienstag gar nicht.

Karsten Günther, Sprecher der Initiative Team-Sport Sachsen und Manager der Handballer des SC DHfK Leipzig, hofft auf eine schnelle Lösung: „Wir brauchen in allen Bereichen, egal ob im Leistungs- oder Amateursport und ganz besonders für Kinder und Jugendliche, eine Garantie, dass im Rahmen des 3G-Modells weiterhin trainiert und der Spielbetrieb fortgesetzt werden kann.“ Dafür müsse die gesetzliche Grundlage nun geschaffen werden, am besten bereits für dieses Wochenende.

Mit: Antje Henselin-Rudolph, Frank Schober, Johannes David