15. Oktober 2021 / 21:03 Uhr

Trainingsabgang ohne Adieu: RB Leipzigs Coach Marsch verzeiht Nkunku

Trainingsabgang ohne Adieu: RB Leipzigs Coach Marsch verzeiht Nkunku

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Vergeben: Christopher Nkunku (li.) und Trainer Jesse Marsch (re.) verstehen sich wieder.
Vergeben: Christopher Nkunku (li.) und Trainer Jesse Marsch (re.) verstehen sich wieder. © Witters
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Am Mittwoch krachte es ein bisschen zwischen Trainer Marsch und Spieler Nkunku. Schwamm drüber: Der RB-Star läuft trotz trotzigem Kabinen-Gang in Freiburg auf - eine richtungsweisende Partie im neuen Europa-Park-Stadion.

Leipzig. Neu-Bayern-Coach Julian Nagelsmann ist in vielerlei Hinsicht ein Trendsetter. Klamottentechnisch, in der Freizeit, taktisch, automobil, kosmetisch. Die jüngste Eingebung des jüngsten Bundesliga-Trainers, 34, handelt von einer Audio-Verbindung zwischen Trainer und Fußballern. Knopf im Ohr während des Spiels. Wie beim American Football. Würde insbesondere in hundsgemein lauten Hexenkesseln die Kommunikation erleichtern. Man muss sich das mit Blick auf das sonntägliche Bayern-Spiel in Leverkusen ungefähr so vorstellen: Niklas Süle verliert ein Laufduell gegen Bayer-Blitz Moussa Diaby. Nagelsmann funkt Süle an. „Was iss loos, Nik?“ Süle an Nagelsmann: „Der Diaby ist halt schneller als ich.“ Nagelsmann: „Na und? Ich sag´ nur: Hase und Igel von den Gebrüdern Grimm.“ Süle: „Wo spielen die?“

„Oui, Coach, ich bin gleich wieder da“

Möglicherweise wird der Knopf im Ohr irgendwann kommen, vorher im Training auf Herz, Nieren und Einsetzbarkeit geprüft. Wenn sie bei den Roten Bullen schon derart ausgerüstet wären, hätte sich eine Begebenheit beim Mittwoch-Üben eventuell anders entwickelt. Die involvierten Personen: Christopher Nkunku, 23, der mit Abstand beste Spieler der bisher suboptimal verlaufenen RB-Saison. Und: Jesse Marsch, 47, der vorm Spiel in Freiburg (Sonnabend, 15.30 Uhr) nach Konstanz und der dafür sorgenden Elf sucht. Nkunku ist sauer, wähnt sich beim Trainingsspiel ungerecht behandelt, stakst leicht humpelnd gen Kabine. Ohne sich abzumelden. Marsch insistiert vergebens. Muss laut gewesen sein am Cottaweg, vielleicht flog gerade ein Jet drüber. Ein Audio-Verbindung und warme Worte hätten da gute Dienste getan.

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Marsch an Nkunku: „Christo, komm´ bitte zurück, so geht das nicht. Wie soll ich das den anderen Spielern und der Presse erklären?“ Nkunku: „Oui, Coach, ich bin gleich wieder da. Ich dachte für einen Moment, dass ich ohne Training noch besser spiele. Wie der Netzer damals in Gladbach. Hast Du schon den Deschamps angerufen? Wann nominiert der mich?“

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„Der Respekt vor Freiburg ist sehr, sehr hoch“

Zwei Tage später versuchte Marsch im Presseraum die von der Bild-Zeitung zuerst publizierte Nummer zu erklären. „Nkunku war böse auf die Mannschaft, weil er das Trainingsspiel verloren hat. Dazu hatte er eine kleine Verletzung und war ein bisschen unzufrieden.“ Und: „Ich freue mich, dass er so eine Form derzeit hat. Er ist bereit für Freiburg.“ Sagen wir es so: Wenn Monsieur Nkunku nicht so gut und unersetzbar wäre, würde er sich die Partie Freiburg (15 Punkte) gegen RB (zehn) im Fernsehen anschauen und bei der kommenden Gehaltsabrechnung unter „Abzüge, diverse“ einen nennenswerten Betrag finden. Für den Delinquenten spricht sein bisher tadelloses Auftreten seit Dienstbeginn im Sommer 2019. Wie auch seine Leistungen, die unter Marsch steil nach oben zeigen. Nkunku hat alles, was Weltklasse-Spieler haben muss. Technik, Dynamik, Selbstvertrauen, einen stabilen Körper. Wenn der 23-Jährige in ähnlichem Stil weiter macht, ist er für RB unhaltbar wie ein Elfmeter von Johan Neeskens. Schon jetzt sind diverse Großclubs hellhörig geworden, bereiten Angebote vor. Nur mal so: Auf Disziplinlosigkeiten haben sie in Manchester, Liverpool oder Barcelona keine Lust.

Neues Stadion, altes Glück? Freiburg könnte mit einem Sieg gegen Leipzig im Europa-Park-Stadion die Tabellenführung übernehmen. RB will via Dreier einen Achter aus dem Radl drücken. Jesse Marsch weiß um den richtungsweisenden Charakter der Partie: „Der Respekt vor Freiburg ist sehr, sehr hoch. Wir brauchen diesen Sieg, und wir brauchen dazu die beste Leistung der Saison.“ Freiburgs Kult-Coach Christian Streich, 56: „Wir wünschen uns, dass wir hören, dass wir ein Heimspiel haben. Es ist die gleiche Mannschaft, der gleiche Verein, es ist nur ein anderes Gebäude.“ Das 10000 mehr Menschen als das Dreisamstadion fasst und perspektivisch mehr Beinfreiheit beim Kampf um Fußballspieler und Punkte bringen soll.