06. November 2020 / 12:24 Uhr

„Traumfußball“: Was Arnd Zeigler an "seinem" Sport hasst und liebt

„Traumfußball“: Was Arnd Zeigler an "seinem" Sport hasst und liebt

Christian Ruf
Dresdner Neueste Nachrichten
Generationswechsel bei den WM-Maskottchen: World Cup Willie (1966), Juaonito (1970) und Gauchito (1978), Zakumi (2010), Fuleco (2014) und Zabivaca (2018).
Generationswechsel bei den WM-Maskottchen: World Cup Willie (1966), Juaonito (1970) und Gauchito (1978), Zakumi (2010), Fuleco (2014) und Zabivaca (2018). © A. Eylert
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Der bekennende Fußball-Fan Arnd Zeigler hat ein Buch verfasst, das eine Lanze für diese Sportart bricht, aber auch Verbesserungsbedarf sieht. Neben etlicher Kritikpunkte wird nicht an subtilem Witz gespart. Beim Anblick alter Sammelbilder und kurioser fußballkultureller Zeitdokumente wird so manchem das Fußball-Herz aufgehen.

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Dresden. Erinnert sich noch jemand an Goleo, das Maskottchen der WM von 2006? Nie hat dieser Löwe eine Hose getragen, bei Wahlen zum nervigsten Deutschen landete er in der Regel weit vorne irgendwo zwischen Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf und Verdi-Gewerkschafts-Funktionär Frank Bsirske, ja Goleo war vermutlich unter Fußball-Fans noch unbeliebter als einst Hilary Clinton im Bible-Belt der USA. Aber es ging dann noch viel schlimmer.

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Die Maskottchen der Weltmeisterschaften von 2010, 2014 und 2018 trugen die nach entzündungshemmenden Medikamenten klingenden Namen Zakumi, Fuleco und Zabivaca. Diese Maskottchen sahen aus, als seien sie in maximal einer Viertelstunde mit einer Smartphone-App erstellt worden, von einem Designer mit Drogenproblemen, dem halt irgendwas Buntes mit Augen und einem Fußball vorschwebte. Welcher Kontrast zu den WM-Maskottchen der 60er und 70er: World Cup Willi (1966), Juanito (1970) und Gauchito (1978) wurden noch von echten Zeichnern erdacht und besaßen Charme und Ausstrahlung.

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Die Sache mit den Maskottchen ist nicht das einzige, was Arnd Zeigler, seines Zeichens Kolumnist, Stadionsprecher (bei seinem Lieblingsverein Werder Bremen) und Moderator der wöchentlichen Fernseh- und Radioshow „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ im WDR, am Fußball nervt – und damit meint er nicht die Unmengen an Enttäuschungen, unerfüllten Erwartungen und Momente voller Fremdscham und Bitterkeit, die einem ein Leben als Fußball-Fan abverlangt (außer den Fans des Serienmeisters FC Bayern München). Also hat er ein Buch verfasst, das einerseits den Titel „Traumfußball“ trägt, andererseits mit dem Untertitel „Wie unser Lieblingsspiel uns allen noch mehr Spaß machen kann“ deutlich macht, dass Verbesserungsbedarf besteht.

Nun ist Zeigler eindeutig Fußball-Fan durch und durch, entsprechend fällt sein Blick auf diesen Sport und sein Umfeld auch nicht arrogant, abfällig oder zynisch aus, sondern ist vielmehr getragen von Herzenswärme und Empathie. Für ihn steht klipp und klar fest: „Wenn wir alles vergessen oder geringschätzen, was im Fußball mit Menschlichkeit, Fehlbarkeit, Schwächen und Schwankungen zu tun hat, ist unser Fußball ärmer.“ Zeigler bedauert zutiefst, dass viele vergessen haben, dass auch im Profifußball immer noch Menschen am Werk sind mit Höhen und Tiefen.

Vereinswechsel sind ein Stück Normalität im Fußball-Geschäft

Zeigler ist Fan, weiß, dass das Selbstwertgefühl durch die Liebe zu einem Verein auf eine harte Probe gestellt wird, vermisst aber mittlerweile den sportlichen Gedanken. Mit einer Bitterkeit moniert er, dass zu (allzu) viele „Fans“ sich offenbar nur noch darüber definieren, ihrer Wut freien Lauf zu lassen und in den einschlägigen (un-)sozialen Medien („sich echauffierende Choleriker sind die Helden dieser Plattformen“) zu geifern und zu hetzen. „Das Auspfeifen eigener Spieler wirkt ausschließlich beim Pfeifenden selbst leistungsfördernd.“

Ein ganzes Kapitel ist dem Thema Treue gewidmet. Nichts gegen Treue, aber Fans, auch die dogmatischen Ultras und bigotten Hools, würden besser damit fahren, Vereinswechsel als ein Stück Normalität des Fußball-Geschäfts zu akzeptieren. Den Zeigler-Satz „Wenn ich als Mittelklasseverein einen Spieler als Söldner empfinde, der sich zu einem größeren Verein davonmacht, dann war dieser Spieler bei Licht betrachtet auch schon ein Söldner, als er damals von einem Zweitligisten zu uns kam“ sollte sich so mancher Hardcore-Fan, gern auch die im Dresdner K-Block, hinters Ohr schreiben.

Gespür für skurrile Geschichten wie unbequeme Fakten

Ebenso wenig bringt es etwas, da ist sich Zeigler ebenfalls sicher, ständig den Trainer zu hinterfragen. „Nach jedem gescheiterten Trainer und dem damit verbundenen Trainerwechsel holt Dein Verein in nahezu allen Fällen einen Trainer, der anderswo bereits ebenfalls gescheitert ist. Oft sogar mehrmals“, bilanziert Zeigler, der in seinem Buch überhaupt mit allerlei „sehr unpopulären Fußwahrheiten“ aufwartet. „Neueinkäufe aus Brasilien spielen nicht automatisch besser als Neueinkäufe aus Lettland“ lässt er wissen. Er kann es nicht nachvollziehen, wenn in den Internetforen vorab maulend der Enttäuschung, wenn der eigene Verein keinen Brasilianer, sondern einen Billig-Bulgaren, einen Sonderangebots-Slowaken oder gar einen Umsonst-Usbeken geholt hat. Das sei nicht angebracht, denn schon so mancher mit Vorschusslorbeeren bedachte Hoffnungsträger aus Südamerika erwies sich nicht als Weltstar, weshalb sie zu Recht auch nicht bei ManU oder in Barcelona spielten, sondern in Wiesbaden und Paderborn.

Zeigler hat ein bemerkenswertes Gespür für skurrile Geschichten, traurige Helden, abwegige Entwicklungen und besondere Momente. Mal schildert er sehr persönliche Begebenheiten aus seinen Anfangsjahren als Fan (etwa wie er als Kind auf Autogrammjagd war), mal philosophiert er allgemein über den Fußball, mal legt er mit viel Verve den Finger in die Wunde was etwa heutiges DFB- oder Fifa-(Geschäfts-)Gebaren oder auch die zunehmend tendenziöse Berichterstattung im Fußball-Journalismus angeht.

Er rechnet gallig-bissig mit den Absurditäten des Video-Beweises ab, hadert mit schräger Werbung und taktischer Langeweile, aber auch mit dem Ticketing-System, das dafür sorgt, dass so mancher viel Geld für Eintrittskarten für ein Spiel Ukraine gegen Saudi Arabien zahlt, eine Partie also, das der „Konsument“ sich früher nicht mal im Fernsehen angeschaut hätte. Der Eventisierung des Fußballs inklusive Public Viewing (was im Englischen übrigens meistens für das Zurschaustellen eines Leichnams steht) und Küssen von Vereinswappen auf dem Trikot kann Zeigler überhaupt wenig abgewinnen, zum Glück hat sich wenigstens die Sache mit dem Golden Goal mittlerweile wieder erledigt. Es verhinderte, so Zeiglers nicht unberechtigte Sicht, eigentlich nur „geschichtsträchtige Fußball-Feste“. Wäre es etwa 1970 Usus gewesen, das Jahrhundertspiel Italien gegen Deutschland 1970 in Mexiko wäre 1:2 statt 4:3 ausgegangen.

Früher war mitnichten alles besser

Nun ist Zeigler nicht einer, der simpel verkündet, früher sei alles besser gewesen. Der Blick zurück zeigt nicht nur, dass es Zeiten gab, in denen Gesänge noch wirklich der Anfeuerung und nicht der Selbstinszenierung dienten, sondern auch, dass in den Anfangsjahren der Bundesliga von allen Vereinen ohne Ende getrickst wurde, um die als weltfremd empfundenen Gehaltsobergrenzen zu umgehen. Exkurs: Besonders qualifizierte Spieler durften per Sondergenehmigung mehr verdienen als „normale“ Spieler. Also stufte der FC Nürnberg gleich zwölf seiner Spieler als besonders wichtige Stars ein und zahlte ihnen mehr Geld. Der 1. FC Köln wiederum strich den Mittwoch als Trainingstag und absolvierte an diesen Tagen immer Testspiele gegen nicht allzu starke Gegner. Für Testspiele durften Einsatzprämien gezahlt werden, weshalb sich dann hübsche Bonuszahlungen für die Spieler ergaben. Dann wieder gab es Klubs, die einzelnen Spielern Tankstellen oder Kneipen als zusätzliche Verdienstmöglichkeit anboten.

Anekdoten bzw. Fakten wie diese zeigen, dass Zeigler durch den Fußball im Westen sozialisiert wurde, der Fußball der DDR-Oberliga kommt in seinem Buch nicht vor. Das geht in Ordnung, denn immer von den alten wiedergekäuten Schnurren und -Histörchen des Fußball-Ostens zu lesen, ist auf Dauer ähnlich ermüdend wie das öde Dauerabo, das der seine Heimspiele in der Arroganz-Arena austragende FC Bayern München auf die deutsche Meisterschaft mittlerweile hat. Was für Zeiglers Buch auch ungemein einnimmt: Der subtile Witz, der in vielen Zeilen aufblitzt, ob er nun zu einem Foto, auf dem Uli Borowka „ruppt“ (also foult), schreibt „Andy Buck verabschiedete sich in dieser Szene bereits im Geiste von seiner Familie. Eine Haftstrafe liegt in der Luft“, oder ob er Dostojewski nonchalant mal eben Spartak Moskau zuordnet.

Die launigen Betrachtungen über sein Lieblingsspiel dekoriert Zeigler mit lauter wunderbaren Dingen, die das Herz eigentlich jeden Fußballfans aufgehen lassen sollten: alte Sammelbilder, kuriose fußballkulturelle Zeitdokumente, merkwürdige Zeitungsausschnitte, alte Werbung und Poster. Sein kurzweiliges wie mahnendes Buch ist ein höchst sinnlicher Blick auf den Fußball – nicht von der Kanzel, sondern aus der Kurve, aber eben auch ohne rosarote Fanbrille auskommend.