17. Juli 2020 / 08:00 Uhr

US-Anti-Doping-Chef Travis Tygart fordert: "Die WADA muss sich reformieren"

US-Anti-Doping-Chef Travis Tygart fordert: "Die WADA muss sich reformieren"

Tom Mustroph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im SPORTBUZZER-Interview fordert USADA-CEO Travis Tygart Reformen von der WADA.
Im SPORTBUZZER-Interview fordert USADA-CEO Travis Tygart Reformen von der WADA. © Getty Images/imago images/Ernst Wukits (Montage)
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Die amerikanische Regierung droht aktuell, die Zuwendungen an die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) einzufrieren, sollte es bei den Doping-Hütern nicht zu Reformen kommen. Im SPORTBUZZER-Interview erklärt Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, worum es der USADA geht.

SPORTBUZZER: Travis Tygart, Washington droht, die 2,7 Millionen Dollar Zuschüsse für die internationale Anti-Doping-Agentur WADA einzufrieren. Sie sind Chef der USADA, der Anti-Doping-Agentur der USA, die selbst wiederum der WADA angeschlossen ist. Was ist da los?

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Travis Tygart (49): Niemand will, dass das Geld reduziert wird. Auch wir wollen mehr Geld. Aber wir wollen es nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Die WADA muss sich reformieren.

Um welche Reformen geht es?

Der Reformprozess zieht sich seit 2016 hin. Damals trafen sich Nationale Anti-Doping-Agenturen und forderten mehr Transparenz, größere Unabhängigkeit und stärkere Beteiligung der Athleten in den WADA-Gremien. Es gab weitere Treffen. Aber auf die Reformen warten wir immer noch. Deshalb hat das Repräsentantenhaus das ONDCP (Office of National Drug Control Policy; d. Red.) ermächtigt, die finanziellen Zuwendungen an die WADA zu kürzen oder komplett einzustellen, sollten die Reformen nicht erfolgen.

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Ein weiterer Konfliktpunkt ist das neue Anti-Doping-Gesetz, das in Washington vorbereitet wird. Die WADA kritisiert, dass es US-Fahnder ermächtigt, außerhalb der Landesgrenzen zu ermitteln. Wollen die USA der globale Anti-Doping-Polizist werden?

Nein, darum geht es nicht. Ich will Ihnen die Notwendigkeit des Rodchenkov Act anhand des aktuellen Falls beim Gewichtheberverband IWF erläutern.

Da ging es um den Präsidenten des Gewichtheberverbandes Tamas Ajan, der Dopingfälle vertuschte und sich persönlich offenbar bereicherte.

Genau. Laut dem Bericht der McLaren-Kommission unterschlug er 10 Millionen Dollar und vertuschte 40 Dopingfälle. Da sind noch nicht einmal die Dopingermittlungen enthalten, die er verzögerte, so dass Athleten, die mit Steroiden überführt wurden, weiter Wettkämpfe bestreiten und Ruhm für ihre nationalen Verbände ernten konnten.

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Er musste zurücktreten. Gut, oder?

Das reicht nicht. Er konnte den Ruhestand antreten, ohne jede Konsequenz. Korrupte Sportfunktionäre befinden sich in einer Art Niemandsland, in dem sie den Sport korrumpieren, saubere Athleten betrügen können und nicht fürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Tamas Ajan stand nicht nur mehr als vier Jahrzehnte an der Spitze des Gewichtheberverbands. Er war Mitglied des IOC, er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der WADA und saß von 1999 bis 2017 im Stiftungsrat. Er war also in der Zeit ein Führungsmitglied der WADA, die der McLaren-Report als das „düsterste Kapitel in der Geschichte des Gewichthebens“ bezeichnet. Um Funktionäre wie Tamas Ajan zur Verantwortung zu ziehen, brauchen wir den Rodchenkov Act.


Aber die WADA ist dagegen.

Ich glaube, niemand kann gegen das Gesetz sein. Es richtet sich nicht gegen Athleten, sondern gegen Hintermänner und Dopingnetzwerke. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft und eine Million Dollar Geldstrafe. Ermittelt werden kann nur, wenn Geld aus den USA im Wettkampf involviert ist, vom Staat oder von Sponsoren. Das Gesetz ähnelt dem, das die Ermittlungsverfahren gegen die FIFA ermöglichte. Da ging es darum, dass das US-Bankensystem bei den Bestechungsversuchen benutzt wurde. Und jetzt geht es darum, dass ein US-Sponsor den Gegenwert erhält, der vereinbart war. Schauen Sie auf die Olympischen Spiele in Sotschi. Sie waren, das wissen wir jetzt, die dreckigsten Spiele überhaupt. NBC hat viel Geld in die Übertragungsrechte investiert, aber nicht bekommen, was erwartet wurde, sondern nur ein durch Doping entwertetes Produkt.

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Trotzdem argumentiert die WADA dagegen. Warum?

Was ich erfahren habe, ist, dass sie unter Druck des IOC steht, um das Gesetz zu verhindern. Schon im November letzten Jahres hat das IOC sich geweigert, Spitzenfunktionäre unter die Rechtsprechung der WADA zu stellen. Es will, dass Spitzenfunktionäre nicht zur Verantwortung gezogen werden können.

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