17. September 2021 / 15:00 Uhr

Trotz Siegdrucks in Köln: Aktionismus bleibt bei RB Leipzig ein Fremdwort

Trotz Siegdrucks in Köln: Aktionismus bleibt bei RB Leipzig ein Fremdwort

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Leipzigs Trainerbank mit Co-Trainer Achim Beierlorzer, Co-Trainer Marco Kurth, Torwarttrainer Frederik Gössling, Mauricio Sanchez und Teammanager Babacar N'Diaye. Nicht im Bild: Chef Jesse Marsch.
Leipzigs Trainerbank mit Co-Trainer Achim Beierlorzer, Co-Trainer Marco Kurth, Torwarttrainer Frederik Gössling, Mauricio Sanchez und Teammanager Babacar N'Diaye. Nicht im Bild: Chef Jesse Marsch. © Imago/motivio
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Vor dem Spiel beim 1. FC Köln stehen die Profis von RB Leipzig und natürlich vor allem Coach Jesse Marsch gehörig unter Druck. Dass der US-Amerikaner und sein Team deshalb den eingeschlagenen Weg verlassen werden, ist jedoch auszuschließen. Dafür gibt es auch Rückendeckung von ganz oben. Änderungen wird es dennoch geben, eventuell sogar nicht nur personell.

Leipzig. Mit drei Niederlagen in vier Spielen ist RB Leipzig unter Jesse Marsch so schlecht in die Bundesliga gestartet wie nie zuvor. Wer nun aber vom US-Amerikaner und seinem Trainerteam hektisches Agieren, kurzfristige Richtungsänderungen oder ähnliches erwartet, der wird enttäuscht werden. "Trust the process" ist das Motto. Vertraue dem angefangenen Prozess, der einmal getroffenen Grundsatzentscheidung, der begonnenen Entwicklung.

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Jeder Gegner braucht seine Gegenspieler

Was genau heißt das für den am Samstag anstehenden Trip der Sachsen zum 1. FC Köln (Anpfiff 18.30 Uhr). Zunächst einmal: RB wird sicher nicht zum unter Julian Nagelsmann gepflegten Ballbesitzfußball zurückkehren. "Meine Idee ist: Ball gewinnen und umschalten", bestätigte der Coach am Freitag noch einmal. Und: Die Profis sollen auch weiterhin nicht mit taktischen Anweisungen überfrachtet werden. Um es in Marschs Muttersprache auszudrücken: Keep it simple, halte es einfach. "Wir brauchen im Moment Stabilität. Wir versuchen, Dinge simpel und klar zu machen, damit wir auf dem Platz alles umsetzen können." Heißt: Änderungen können das Gegenteil bewirken, wollen genau abgewogen sein.

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Ausgeschlossen sind sie deswegen natürlich nicht.. "In Salzburg hatten wir in den ersten fünf Monaten neun Grundordnungen auf dem Platz und fast alle haben funktioniert", erinnerte sich der Trainer, der in Leipzig bisher meist auf ein 4-2-3-1 mit André Silva als alleinigem Stürmer gesetzt hat. Eine Doppelspitze mit Yussuf Poulsen, dessen Mentalität und Power Marsch explizit lobte, ist denkbar. "Wir wollen mehr und mehr Rhythmus für Andre, mehr und mehr Rhythmus für Yussi – dazwischen müssen wir eine Balance finden. Wir können auch mit beiden spielen." Eine prinzipielle Entscheidung für oder gegen einen Doppeleinsatz wird der Coach allerdings nicht treffen. Das gilt allerdings nicht nur für diese Position. "Wir brauchen die Spieler, die für genau dieses Spiel, für genau diesen Gegner notwendig sind." Was für das Duell mit den Geißböcken aus seiner Sicht nötig ist, wollte er - natürlich - nicht verraten. "Lasst uns sehen," sagte er nur, als die bei der Spieltagspressekonferenz anwesenden Journalisten immer wieder hartnäckig fragten, ob er denn nicht auch im 4-2-3-1 vielleicht Poulsen den Vorzug vor Silva geben wolle.

Kampl-Rückkehr möglich

Gerade an der Personalie Silva entzünden sich aktuell reichlich Diskussionen. Der Portugiese wirkt oft alleingelassen, wartet vergeblich auf Zuarbeiten, scheint bisher nicht so recht ins System Marsch zu passen. Das mag nicht einmal der Trainer selbst wegdiskutieren. "André ist kein reiner Umschaltspieler", sagte er und nahm gleichzeitig den Rest des Teams in die Pflicht, für den Sommerneuzugang zu arbeiten. "Wir müssen André mehr finden, ein Auge für seine Bewegung haben, brauchen mehr Flanken." Zentral in diesem Zusammenhang ist aus Sicht von Marsch die Zehnerposition. Hier hat der 47-Jährige stets die Qual der Wahl: Mit Dominik Szoboszlai, Emil Forsberg, Dani Olmo und Christopher Nkunku ist RB an dieser Stelle besonders gut besetzt. "Alle vier haben verschiedene Qualitäten. Die Frage ist: Wie setzen wir diese Jungs ein? Welche Mischung ist richtig, damit wir gefährlicher sind?"

In Manchester hatte der Coach Szoboszlai zunächst draußen gelassen und auch auf Kevin Kampl verzichtet. Ein Fehler? "Ich habe hinterher darüber nachgedacht, dass er uns in der Mitte vielleicht gefehlt hat. So hätten wir dort mehr Bälle gehabt", so Marsch, der sich den Verweis darauf, dass man hinterher immer schlauer ist, sparte. "Ihn auf dem Feld zu haben, ist nie ein Nachteil. Wir müssen bei ihm aber manchmal körperlich ein bisschen aufpassen." Er habe am Donnerstag mit Kampl gesprochen, "dass er bereit sein muss für jede Situation". Gut möglich, dass der 30-Jährige in Köln ran darf.

"Wir befinden uns in einem Prozess"

Die Geißböcke werden RB anders fordern als ManCity oder der FC Bayern München. Personelle Änderungen im Vergleich zu diesen Partien sind also nicht nur wahrscheinlich, sondern laut Marsch zwingend. "Wir brauchen die Spieler, die für genau dieses Spiel, für genau diesen Gegner notwendig sind." Neuzugang Ilaix Moriba wird noch nicht dazugehören, könnte höchstens von der Bank kommen. Marcel Halstenberg ist wieder fit. Hugo Novoa fällt dagegen verletzt aus.


Wen und wie auch immer das Trainerteam am Ende aufstellt, gefragt ist bei den kämpferischen Kölnern vor allem Mentalität. "In schwierigen Momenten muss man ein bisschen mehr kämpfen, laufen und Duelle gewinnen. Ja, man kann immer etwas über die Taktik machen. Aber es ist immer auch etwas zu machen mit Wille", so Jesse Marsch und betonte: "Wir befinden uns in einem Prozess." Oder etwas anders formuliert in seiner Muttersprache: Trust the process.

Das tun im Übrigen auch Marschs Vorgesetzte. „Wir haben einen neuen Cheftrainer, auf den wir stolz sind und den wir sehr bewusst verpflichtet haben“, sagte Vorstandschef Oliver Mintzlaff. Man sei von dem Trainer überzeugt und gehe den Weg weiter, „wohlwissend, dass der Druck da ist, sich auch in dieser Saison für die Champions League zu qualifizieren“.