11. Januar 2020 / 08:00 Uhr

Hoffenheim-Sportchef Alexander Rosen erklärt Transfer-Abläufe: Von Millionen-Summen bis Berater-Wahnsinn

Hoffenheim-Sportchef Alexander Rosen erklärt Transfer-Abläufe: Von Millionen-Summen bis Berater-Wahnsinn

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Hoffenheim-Sportchef Alexander Rosen hat im <b>SPORT</b>BUZZER-Interview unter anderem über den Transfer von Munas Dabbur gesprochen.
Hoffenheim-Sportchef Alexander Rosen hat im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den Transfer von Munas Dabbur gesprochen. © imago images / Jan Huebner
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Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen erklärt exemplarisch anhand des Rekord-Wechsels von Munas Dabbur, wie ein Bundesliga-Transfer abgewickelt wird. Er verrät wie er mit den Millionensummen umgeht, welch skurrile Berater-Mails ihn erreichen – und was das alles mit einer gestrichenen Küche in Norwegen zu tun hat. 


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Es ist sonnig, 18 Grad, keine Wolke am Himmel an diesem Januarmorgen in Marbella. Während die Profis der TSG Hoffenheim in ihrem Winter-Trainingslager schwitzen, rüstet sich zeitgleich auch Alexander Rosen für die Rückrunde. Etwas abseits des Platzes verfolgt der Sportdirektor das Training zwar; wichtiger aber ist, was sich am anderen Ende der Leitung abspielt. Fast die komplette Zeit der Einheit ist der 40-Jährige am Telefonieren. Das Ergebnis der Bemühungen vermeldet der Verein gegen Mittag: Munas Dabbur wird als neuer Rekord-Einkauf für 12 Millionen Euro vom FC Sevilla verpflichtet. Anschließend erklärt Rosen im SPORTBUZZER-Interview, wie der Deal abgelaufen ist – und gibt Einblicke in die Welt von Transfers, Beratern und Ablösesummen.

SPORTBUZZER: Herr Rosen, wie aufgeregt sind Sie, wenn Sie sich in der finalen Phase eines solchen Transfers befinden?
Alexander Rosen (40):
Aufgeregt ist wahrscheinlich das falsche Wort, aber trotzdem gilt es, alle Schritte konzentriert abzuarbeiten. Es war schon außergewöhnlich, dass es bei einem Wechsel dieser Größenordnung erst wenige Stunden vor dem Transferabschluss konkrete Gerüchte durch einen Radiosender in Sevilla gegeben hat. Dann entsteht noch mal eine gewisse Thermik.

Wie meinen Sie das?
Die Berichterstattung beginnt, es kommen Nachfragen rein, wir sind intern mit allen Abteilungen im Austausch. Es gilt, viele Dinge zu koordinieren: Reiseplanung, Medizincheck, Kommunikation und Vertragsunterschriften. Es gibt eine Vielzahl von Themen, die in der Abwicklung noch einmal anspruchsvoller sind, wenn man im Trainingslager ist.

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Wie lange dauert ein Transfer von der Kontaktaufnahme bis zur Vertragsunterschrift?
Das kann man pauschal überhaupt nicht beantworten. Munas Dabbur wurde in den vergangenen beiden Spielzeiten für RB Salzburg österreichischer Torschützenkönig – den kennt dann auch ohne Scouting eigentlich jeder. Unser großes Plus war, dass wir uns schon frühzeitig für ihn interessiert hatten. Als er vor einem Jahr auf den Markt kam, hatten wir aber keine Chance. Da waren ganz andere Kaliber an ihm dran, letztendlich entschied er sich für den FC Sevilla. Normalerweise ist diese Spielerkategorie ein Regal zu hoch für uns.

Warum hat es trotzdem geklappt?
Die Konstellation hatte sich verändert und wir haben Munas immer weiter verfolgt: Vor knapp einem Jahr war er für den Sommer 2019 von einer komplett anderen sportlichen Führung plus Trainer verpflichtet worden als die, die er dann tatsächlich bei seinem ersten Training vorfand. Die neuen Verantwortlichen setzten auf die von ihnen selbst verpflichteten Spieler. Wir hatten uns bereits im Sommer über die Situation informiert und hatten somit vielleicht einen kleinen Vorsprung gegenüber durchaus namhaften Konkurrenten aus dem Ausland. Selbst im Dezember gab es noch keine Verkaufsentscheidung von Sevilla – die Dynamik kam erst in den letzten Tage rein.

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Wie viele Anrufe gehen in der Transferperiode sonst von Beratern bei Ihnen ein?
Mittlerweile sind es ja nicht nur Anrufe, sondern überwiegend Whatsapp-Nachrichten und E-Mails. Es werden teilweise abenteuerliche Empfehlungen rausgeschickt – nicht nur an mich, sondern auch ans Scouting, den Trainer und sogar die Medienabteilung.

An vorgefertigte Verteiler also.
Ich habe schon Nachrichten erhalten wie „Lieber Herr Baumann, Spieler xy ist meiner Meinung nach perfekt für Werder Bremen.“ (lacht) Blödsinn sind auch die Nachfragen, ob wir Hilfe bei unserer Kaderplanung bräuchten. Klar, natürlich geht es nicht ohne Berater, aber leider gibt es auch eine Vielzahl dubioser Teilnehmer auf dem Markt. Die notwendige Gelassenheit habe ich mir jedoch schon vor Jahren angeeignet.

Rosen: „Der Blick raus aus der Blase tut mal gut“

Verspüren Sie durch die enorm gewachsenen Summen trotzdem ein größeres Verantwortungsbewusstsein?
Die Umsätze wachsen und damit die Transfersummen. Da tut man schon gut daran, immer mal wieder einen Blick zur Seite zu werfen. Raus aus der Blase, rein ins wirkliche Leben. Das fällt mir persönlich nicht schwer, ich bin Familienvater, habe zwei Kinder. Dass Gehälter und Transfersummen außergewöhnlich sind, darüber brauchen wir nicht zu reden.

Hoffenheim hat im Sommer rund 120 Millionen Euro durch Transfers erwirtschaftet. Fühlt sich das gut an?
In erster Linie begeistert mich der Sport an sich und der damit verbundene Erfolg. Es ist etwa eine große Freude, einen Spieler wie Niklas Süle aus unserer Akademie bis in die Nationalmannschaft zu begleiten. Aber ich weiß auch, was meine Aufgabe bei der TSG ist. Ich freue mich, Teil dieser Erfolgsgeschichte in den vergangenen Jahren zu sein, und ich verspüre eine große Portion Dankbarkeit, dass mir diese Aufgabe als damals 33-Jährigem anvertraut wurde.

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Nachdem Sie bereits als 26-Jähriger zu einem norwegischen Zweitligisten wechselten, wo Sie auch als Assistent des Geschäftsführers angestellt waren.
Ich hatte bis dahin zwar ein paar Bundesliga-Einsätze und U-Länderspiele, musste mir aber eingestehen, dass ich es als Aktiver nicht mehr auf das Topniveau schaffen würde. Da war diese Chance eine Art Fügung. Ich konnte in sämtliche Vereinsabläufe eintauchen, die zwar noch nichts mit dem klassischen Bundesliga-Management zu tun hatten, aber ich habe von der Pike auf lernen können, wie ein Klub funktioniert. Und wenn Not am Mann war, musste jeder anpacken: Als der ehrenamtliche Platzwart mal nicht konnte, habe ich zum Beispiel die Linien auf dem Rasen gezogen und sogar die Küche gestrichen. (lacht)

Wie wichtig ist es, auch eine theoretische Ausbildung zu haben?
Das ist wichtiger als vor 20 Jahren. Damals gab es oftmals nur einen starken Mann, häufig ein ehemaliger Profi. Das Fußballbusiness hat sich wie das Spiel an sich in den vergangenen Jahren unglaublich verändert, und die Aufgaben sind deutlich komplexer geworden. Es ist schlichtweg nicht mehr realistisch, mit dem Kicken aufzuhören und am nächsten Tag als Manager einzusteigen. Es hilft sicher, ein Gefühl für die Kabine und einen Blick für Spieler zu haben, aber das dahinterstehende Aufgabenfeld wird immer größer. Nur ein kleines Beispiel: Der Lizenzspieler-Standardvertrag der DFL hat heute circa 30 Seiten, früher waren es vielleicht sechs. Unabhängig davon hat jeder Klub seine eigene Struktur und die dafür notwendigen Spezialisten.

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Rosens Rat fürs Profi-Karriereende: „Nichts tun wird niemanden befriedigen“

Würden Sie sich wünschen, dass sich aktive Profis bereits darauf vorbereiten sollten, wenn sie einen ähnlichen Weg anstreben?
Ich würde es ihnen empfehlen, auch wenn ihre Auslastung im Vergleich zu früher deutlich höher ist: Individualtraining, athletische Einheiten, Spiel- und Trainingsanalysen – die Ausbildung der Jungs ist extrem umfangreich. Viele Menschen, die die Spieler nur am Wochenende sehen, können kaum beurteilen, was für ein riesiger Aufwand dahintersteckt. Dazu hat sich die Medien- und Kommunikationswelt in Höchstgeschwindigkeit verändert. Aber es ist nun einmal ein Fakt, dass für jeden irgendwann einmal der letzte Abpfiff kommt. Einfach nichts tun, wird keinen Menschen auf Dauer befriedigen.

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