24. März 2020 / 07:57 Uhr

Letzter Torschütze vor der Zwangspause: Jan Bieber würde auf diesen Titel gern verzichten

Letzter Torschütze vor der Zwangspause: Jan Bieber würde auf diesen Titel gern verzichten

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Barsinghausens Jan Bieber hat das letzte Tor in einem Fußballspiel in der Region Hannover vor der Corona-Zwangspause erzielt.
Barsinghausens Jan Bieber hat das letzte Tor in einem Fußballspiel in der Region Hannover vor der Corona-Zwangspause erzielt. © deisterpics/Stefan Zwing
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Wenige Stunden bevor der Spielbetrieb ausgesetzt wurde, absolvierten der TSV Barsinghausen II und die SG Hachmühlen/Altenhagen noch ein Testspiel. Beim deutlich 8:1 erzielte Jan Bieber den letzten Treffer. Der 22-Jährige ist der letzte Torschütze der Region Hannover vor der Corona-Zwangspause.

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Als sich die Mannschaften des TSV Barsinghausen II und der SG Hachmühlen/Altenhagen am vorletzten Donnerstag gegen 20.50 Uhr nach ihrem Testspiel abklatschten, hätten sie sicherlich nicht gedacht, dass sie bis auf Weiteres nicht mehr auf einen Fußballplatz zurückkehren würden.

Traurige Ehre für Bieber

Das Duell zweier Teams aus der 1. Kreisklasse, das 8:1 für die Reserve des TSV ausging, ist nach Informationen vom SPORTBUZZER die letzte Partie gewesen, an der ein Team aus dem hannoverschen Bezirk oder Kreis teilgenommen hat, bevor der Niedersächsische Fußballverband den Spielbetrieb gut 14 Stunden später aufgrund der Coronakrise aussetzte.

Damit hat Barsinghausens Jan Bieber, der in der 84. Minute den Endstand besorgte, das wahrscheinlich für lange Zeit letzte Tor in und um Hannover erzielt – auf diesen Ruhm hätte er gerne verzichtet. „Alle haben Lust, endlich wieder Fußball spielen zu können. So schnell wird das aber wohl nicht passieren“, sagt der 22-Jährige.

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Kirchdorfs Jan-Erik Berkenkamp köpft ein zum zwischenzeitlichen 3:1, SV Wilkenburgs Keeper Burhan Öztürk ist chancenlos, trifft mit dem Fuß nur die Nase des Kirchdorfers. Zur Galerie
Kirchdorfs Jan-Erik Berkenkamp köpft ein zum zwischenzeitlichen 3:1, SV Wilkenburgs Keeper Burhan Öztürk ist chancenlos, trifft mit dem Fuß nur die Nase des Kirchdorfers. ©

Anschaulich beschreibt Bieber, wie dieses 8:1 auf dem Kunstrasenplatz am Deister gefallen ist – selten passte der Ausdruck „sich gerne zurückerinnern“ so gut. „Das war echt schön aus der Abwehr herausgespielt. Torben Schäfer lief die rechte Seite runter, ich kam von links und bot mich in der Mitte an. Dann kam der Pass von Torben, und ich hab das Ding aus fünf Metern reingeschoben.“

Obwohl er zuletzt zum rechten Verteidiger umfunktioniert wurde, ist der Barsinghäuser fast sein ganzes Fußballerleben lang Stürmer gewesen – daher weiß er ganz genau, wo das Tor steht. Und im Stile eines Profikickers merkt Bieber an, dass auch dieser Treffer nur als Ergebnis einer guten Mannschaftsleistung fallen konnte – so spricht ein echter Teamplayer.

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Am Deister fühlt sich Bieber so richtig zu Hause, obwohl er eigentlich aus einer ganz anderen Ecke der Welt kommt. Im mexikanischen Cancún wurde der Amateurfußballer 1997 geboren. Sein Vater war in dem beliebten Urlaubsziel in einem Hotel tätig, lernte dort seine spätere mexikanische Frau kennen. 2002 zog es die kleine Familie nach Barsinghausen, der vierjährige Bie­ber war nun komplett im Kulturkreis seines Vaters angekommen.

Ein Heimatbesuch ist in noch weiterer Ferne

Vom nächsten Besuch bei der Familie in Mittelamerika kann momentan nur geträumt werden – die weißen Sandstrände und das türkisfarbene Meer seiner Geburtsstadt sind erst einmal nicht nur in puncto Kilometer in weite Ferne gerückt. „Das ist alles sehr schade. Aber wer hätte schon gedacht, dass sich alles so schnell in diese Richtung entwickeln würde?“, spricht der 22-Jährige das aus, was momentan nahezu allen Menschen zur Coronaepidemie in den Sinn kommt.

Und das Virus ist bei Jan Bieber nicht nur im Privaten das allgegenwärtige Thema. Er absolviert ein Praktikum als Pfleger im Barsinghäuser Altenzentrum Brigittenstift. Tagtäglich gibt der Calenberger alles, was in seiner Macht steht, um die gefährdetsten Mitglieder unserer Gesellschaft vor einer Infizierung zu schützen.

„Die meisten älteren Menschen in meinem Arbeitsbereich leiden an Demenz. Sie können die Gefahr von außen gar nicht richtig fassen, das macht uns natürlich große Sorge“, sagt der Betreuer. Den unsichtbaren Feind noch nicht einmal wahrnehmen zu können, potenziert die Schwierigkeit der Herausforderung um ein Vielfaches.

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23 Tore ©

Umso wichtiger ist es, dass sich Bieber so gut es geht selbst schützt. „Ich passe sehr auf mich auf, reduziere den Aufenthalt außerhalb meines Heims auf ein Minimum“, sagt er. Der zehnminütige Fototermin für diesen Artikel war eine ganz seltene Ausnahme, die unter höchstmöglichen Sicherheitsvorkehrungen stattfand. Selbst fühle sich der Deutsch-Mexikaner gar nicht unmittelbar bedroht, es gehe ihm hauptsächlich um das Wohlergehen der Menschen, mit denen er in seinem Beruf zu tun hat.

"Ich habe meinen Verein und meine Freunde vermisst"

Werte sind dem vorerst letzten Torschützen des Fußballs in Hannover generell sehr wichtig. Nach seiner fußballerischen Ausbildung bei Basche United wechselte er zum JFV Calenberger Land, wo er nicht glücklich wurde. „Ich habe meinen Verein und meine Freunde vermisst. Für mich ist der TSV Barsinghausen wie eine Familie“, sagt Bieber, der zum Klub aus der Kernstadt zurückkehrte.

Als seine Jugendzeit endete, war er für die Barsinghäuser Erstvertretung vorgesehen. Doch Verletzungen und zeitliche Einschnitte durch die Ausbildung ließen ihm „nur“ die Möglichkeit, in der Drittvertretung zu kicken. Nach der Auflösung der TSV-Reserve zum Ende der Vorsaison wurde die Dritte zur Zweiten, und trotz seiner Schichtarbeit versucht der Abwehrspieler so viele Trainingseinheiten wie möglich mitzumachen.

Wann geht es weiter? Barsinghausens Jan Bieber hofft, dass sich bloß keiner lange an seinen Treffer aus dem Testspiel erinnern muss.
Wann geht es weiter? Barsinghausens Jan Bieber hofft, dass sich bloß keiner lange an seinen Treffer aus dem Testspiel erinnern muss. © deisterpics/Stefan Zwing
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Sein Trainer Oliver Niemann freut sich jedes Mal, wenn Bieber es zeitlich zu den Übungsabenden schafft. Auch für ihn hat der Rückblick auf die Vorbereitungspartie gegen Hachmühlen/Altenhagen etwas Surreales. „Uns wurde erst am nächsten Tag bewusst, dass es das letzte Spiel für eine ganz lange Zeit werden könnte“, sagt er.

"Haben uns noch ganz normal die Hand gegeben"

Die Dynamik des Ganzen nahm erst in den späten Abendstunden am besagten 12. März ihren Lauf. „Wir haben uns alle nach der Partie ja noch ganz normal die Hand gegeben, da war noch nicht viel Angst zu verspüren“, sagt Niemann. Auch das gegenseitige Abklatschen in der Öffentlichkeit ist nun passé – und Jan Bieber wird nicht der Einzige sein, der hofft, dass sich bloß keiner lange an seinen Treffer aus dem Testspiel erinnern muss.

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