30. Juni 2021 / 10:17 Uhr

Carlos Ortega verabschiedet sich von den Recken: "Musste diese Chance einfach wahrnehmen" 

Carlos Ortega verabschiedet sich von den Recken: "Musste diese Chance einfach wahrnehmen" 

Simon Lange, Stefan Dinse und David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sein Weg führt ihn nach Barcelona: Carlos Ortega, hier zum Fototermin auf der Herrenhäuser Allee, kann sich aber eine Rückkehr vorstellen. „Hasta luego“ bedeutet „Auf Wiedersehen“.
Sein Weg führt ihn nach Barcelona: Carlos Ortega, hier zum Fototermin auf der Herrenhäuser Allee, kann sich aber eine Rückkehr vorstellen. „Hasta luego“ bedeutet „Auf Wiedersehen“. © Florian Petrow
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Recken-Trainer Carlos Ortega verlässt die TSV Hannover-Burgdorf und wechselt zum FC Barcelona. Mit uns hat der Spanier im XXL-Abschiedsinterview über seine schöne Zeit in Hannover, den größten Fehler seiner Trainerkarriere und über seinen Nachfolger Christian Prokop gesprochen. 

Das ist ein denkwürdiger Abschied gewesen, den Chefcoach Carlos Ortega da bei der TSV Hannover-Burgdorf erlebt hat. Fans und Spieler der Recken haben ihn gefeiert, am liebsten hätten sie ihn behalten – den einzigen Star, den die Mannschaft noch hat.

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Der Spanier war gerührt, es flossen Tränen. Zum Interview am Tag danach an den Herrenhäuser Gärten erscheint der 49-Jährige lächelnd. Und er trägt schon die Farben seines neues Vereins FC Barcelona, ein rot-blaues Poloshirt.

Bilder vom letzten Spiel von Recken-Trainer Carlos Ortega gegen den SC DHfK Leipzig

Bilder vom Abschiedsspiel von Recken-Trainer Carlos Ortega gegen den SC DHfK Leipzig Zur Galerie
Bilder vom Abschiedsspiel von Recken-Trainer Carlos Ortega gegen den SC DHfK Leipzig ©

Señor Carlos Ortega, haben Sie die Flugeinlage von Sonntag, als Sie die Spieler haben hochleben lassen, gut überstanden?

Ja, kein Problem. Bis auf dass meine Trainingshose runtergerutscht ist und meine Unterhose zu sehen war (lacht).

Es waren schwierige Wochen für Sie wegen des überraschenden Transfers. Wie geht es ihnen jetzt?

Besser, nachdem der Wechsel offiziell geworden ist. Aber es ist immer noch nicht einfach. Meine Familie hat sich einfach sehr, sehr wohl gefühlt hier. In der Schule, in der Stadt, ich auch. Wir haben hier alles offiziell geregelt, aber wir haben noch gar nichts in Barcelona. Für meine Frau ist es wirklich hart, sie hat viele Freunde hier, hat sich so wohl gefühlt. Ich hoffe, wenn wir ein Haus finden und die passende Schule, geht es meiner Frau besser. Aber: Ich musste diese Chance, zum FC Barcelona zurückzukehren, einfach wahrnehmen.


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Wie hat sich das Wechsel-Drama auf Sie persönlich ausgewirkt?

Für meinen Kopf war das nicht gut. In einigen Spielen habe ich es nicht gut gemacht. Gegen Minden habe ich einen großen Fehler gemacht.

Sie meinen Ihren zu riskanten Spielzug in den letzten Sekunden, der den Recken einen Punkt gekostet hat?

Genau. Der größte Fehler in meinem Leben als Trainer.

In Ihrer zweiten Saison gab es eine lange Niederlagenserie. Sie wirkten emotional sehr angeschlagen...

Das war wirklich hart, ich war nicht glücklich. Trainer leben nun mal von Siegen. Als wir fünf, sechs, sieben Spiele in Folge verloren haben, habe ich mich auch gefragt, ob ich alles gut und richtig mache. Wir Trainer sind auch nur Menschen. Was sehr wichtig war: Ich habe hier immer großes Vertrauen von den Verantwortlichen und den Sponsoren gehabt.

Wird es in Barcelona nicht langweilig? In der Liga gibt es keine Konkurrenz. Barcelona ist seit 2011 durchgängig Meister geworden.

Tatsächlich ist das Niveau der spanischen Liga nicht so gut. Klar wird der Gewinn der Meisterschaft und des Pokals als selbstverständlich betrachtet. Aber so können wir uns sehr auf die Champions League fokussieren. Das ist das große Ziel. Mir ist bewusst: Die Champions League gewinnen zu müssen, ist ein großer Druck für mich. Du hast alles in diesem Verein, dir wird alles abgenommen. Am Ende muss ich nur dafür sorgen, dass der Ball im Tor landet.

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Müssen Sie auf der Straße in Barcelona Autogramme schreiben? Erkennt man Sie?

Jetzt nicht mehr. Früher ja, in der Zeit des Dream-Teams. Wir haben damals fünfmal hintereinander die Champions League gewonnen. Handball hat geboomt.

Kennen Sie Lionel Messi eigentlich persönlich?

Man hat sich zum Beispiel bei Basketballspielen vom FC Barcelona mal gesehen. Ich kenne Puyol, Xavi, Iñiesta – das sind die Leute aus meiner Ära.

Vier Jahre her: Carlos Ortega und Co-Trainer Iker Romero werden in Hannover vorgestellt.
Vier Jahre her: Carlos Ortega und Co-Trainer Iker Romero werden in Hannover vorgestellt. © Oliver Vosshage

Welcher aktuelle Spieler der Recken könnte beim FC Barcelona bestehen?

Ivan Martinovic hat eine große Zukunft. Aber auf seiner Position sind wir sehr gut besetzt. Ich finde, Vincent Büchner hat einen sehr großen Schritt in dieser Saison gemacht. Wenn er sich weiter so entwickelt, kann er bei einem großen Verein spielen.

Wie hat das Recken-Team Ihre Entscheidung aufgenommen?

Sehr verständnisvoll. Es war ja nicht einfach. Als Ivan Martinovic vorzeitig aus seinem Vertrag wollte, um jetzt schon nach Melsungen zu wechseln, habe ich gesagt, dass das nicht geht. Jetzt stand ich plötzlich vor derselben Situation. Aber Ivan hat sehr gut reagiert. Er konnte mich sehr gut verstehen.

Sie konnten sich nicht mit einem Titel verabschieden.

Leider nein. Der Pokalsieg war mein großes Ziel. Das wäre ein Traum zum Abschied gewesen.

Auf Sie wartet die Metropole Barcelona, die Sie in- und auswendig kennen. Was werden Sie am meisten vermissen an Hannover?

Als ich jung war, war Barcelona eine super Stadt für mich. Natürlich besser als Hannover. Jetzt bin ich aber fast 50 mit einer großen Familie. Da verschieben sich die Ansichten und Bedürfnisse. Hannover ist sicher, sehr sauber. Sehr grün. Das kann ich alles nicht finden in Barcelona. Ich werde auch die vielen Freundschaften, die hier entstanden sind, sehr vermissen. Das ist unser Leben. Wir ziehen jetzt das vierte Mal um.

Was war Ihr Lieblingsort in Hannover?

Wir haben es geliebt, in den Herrenhäuser Gärten und dahinter am Kanal spazieren zu gehen. Meine Frau und ich haben uns oft mit der spanischen Gemeinde getroffen im Biergarten und haben uns über alles ausgetauscht. Auch das werden wir sehr vermissen.

Was sagen Sie zu Ihrem Nachfolger Christian Prokop?

Wir haben schon ein paar SMS hin- und hergeschickt. Ich habe ihm angeboten, dass er mit mir über alles reden kann, über die Spieler, wenn er mag. Ich finde, er ist ein sehr guter Trainer. Er hat in Leipzig hervorragende Arbeit geleistet. Es ist ein Unterschied, einen Verein zu trainieren oder die Nationalmannschaft. Als Nationaltrainer musst du mit den Spielern arbeiten, die dir zur Verfügung stehen. Du hast kaum Zeit, deine Spielidee umzusetzen, weil es so wenig Trainingsmaßnahmen gibt. Ihm fehlte das Glück. Ich bin sicher: In Hannover sieht das anders aus.

Geht auch mit Bart: „Meine Frau findet es okay“, sagt Carlos Ortega. 
Geht auch mit Bart: „Meine Frau findet es okay“, sagt Carlos Ortega.  © Florian Petrow

Können Sie sich vorstellen, einmal eine Nationalmannschaft zu trainieren, vielleicht sogar die deutsche?

Klar wäre das ein Superjob. Mit viel Potenzial. Ich bin Profi. Ich bin immer offen für alles. Aber jetzt bin ich in zwei Wochen erst mal Trainer in Barcelona.

Sie haben Hannover Ihre Hilfe angeboten. Ist eine Rückkehr denkbar?

Warum nicht? Alles ist möglich. Ich war sehr glücklich hier.

Wir führen das Interview auf Deutsch. Sie haben sich zuletzt noch einmal verbessert...

Mein bester deutscher Freund in Hannover ist der Hotel-Besitzer Kurt Lühmann. Er bringt mir Deutsch bei, ich ihm Spanisch. Ich habe mir vorgenommen, in Barcelona weiter Deutsch zu lernen. Als Hobby neben meinem Handball-Job. Und das Rückschlagspiel Pádel. Das konnte ich in Hannover leider nicht spielen.

Erwartet der FC Barcelona, dass Sie Ihre erste Ansprache auf katalanisch halten?

Natürlich! Das kann ich ja. Aber am Ende muss ich nur den Satz sagen: ,Ich bin sehr glücklich, wieder bei meinem Verein zu sein.’ Dann sind alle happy (lacht).