05. Oktober 2021 / 12:05 Uhr

100 Tage Trainer in Havelse: "Herr Ziehl, hat die Mannschaft das Zeug zum Klassenerhalt?"

100 Tage Trainer in Havelse: "Herr Ziehl, hat die Mannschaft das Zeug zum Klassenerhalt?"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Havelses Trainer Rüdiger Ziehl zieht 100-Tage-Bilanz.
Havelses Trainer Rüdiger Ziehl zieht 100-Tage-Bilanz. © IMAGO/Kirchner-Media
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Rüdiger Ziehl zieht nach 100 Tagen als Cheftrainer bei Drittliga-Aufsteiger TSV Havelse im SPORTBUZZER Bilanz. Es gab große Erfolge, wie das 4:3 bei Viktoria Berlin, und Tiefen wie zuletzt das 0:6 gegen Kaiserslautern. Der 43-Jährige erklärt, mit welcher Mischung er die Klasse mit dem Underdog halten will.

Rüdiger Ziehl, welcher Tag der 100 Tage war der spannendste?

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Der emotionalste Tag war der 4:3-Sieg in Berlin. Die Mannschaft hat eine tolle Moral gezeigt, Rückstände gedreht und eine klasse Leistung gebracht.

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Und die Erkenntnis des Trainers, dass Havelse die Liga halten kann?

Ja. Das habe ich der Mannschaft auch gesagt. Diese Erfolge, dieser Auswärtssieg bei einer Mannschaft, die oben steht, zeigt, dass wir in der Liga bestehen können, wenn wir alles investieren.

Zu Beginn hatten Sie angekündigt, nicht nur hinten drin zu stehen, nicht nur auf Konter zu lauern und eben nicht nur lange Bälle zu spielen, um die Klasse zu halten. Sie wollten es auch spielerisch lösen. Wir erfolgversprechend ist das?

Das ist die Königsdisziplin, über den Spielaufbau von hinten raus Tore zu erzielen. Das ist schwierig, besonders für uns als Aufsteiger. Aber das dritte Tor in Berlin war ein schönes Beispiel. Das Tor war herausgespielt, vom Torwart angefangen. Aber wir haben gemerkt, dass Gegner auch Ideen haben, uns den Ball abzunehmen.


Bilder vom Spiel der 3. Liga zwischen dem TSV Havelse und 1. FC Kaiserslautern

Havelses Florian Riedel (links) kämpft mit Kaiserslauterns Daniel Hanslik um den Ball. Zur Galerie
Havelses Florian Riedel (links) kämpft mit Kaiserslauterns Daniel Hanslik um den Ball. ©

Sollte man als Aufsteiger nicht versuchen, hinten erstmal dicht zu machen?

Wir haben es mal gemacht, gegen Türkgücü. Aber die Mannschaft hat sich nicht wohlgefühlt damit. Uns war danach klar: Wir müssen vorne draufballern, attackieren, die Mischung hinbekommen. Diese Mischung ist wichtig für den Rest der Saison.

Und was ist gegen Kaiserslautern schiefgelaufen?

Naja, nach einem klaren 0:6 wäre es komisch, etwas Positives zu sagen. Aber auch da war Positives dabei, gerade in der Anfangsphase.

War das 0:6 der schlimmste der 100 Tage als Havelse-Trainer?

Ja. Ein krasses Ergebnis in dieser Höhe. Das war niederschmetternd.

Hat die Mannschaft das Zeug zum Klassenerhalt?

Ja.

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Was macht Sie so zuversichtlich?

Das Spiel in Meppen zum Beispiel müssen wir gewinnen, Saarbrücken, Magdeburg, das waren Spiele, in den denen wir punkten konnten. Das sind keine Träumereien. Im Grunde müssten wir drei Punkte mehr haben.

Dann wären Sie dran an den Nichtabstiegsplätzen, aber noch nicht drin …

Meine Vorgabe war es immer: Bis zum zweitletzten Spieltag möchte ich den Klassenerhalt erreichen können. Wenn wir am 35. Spieltag drei Punkte Rückstand aufs rettende Ufer haben – das passt für mich. Platz zwölf oder 13 ist utopisch, das weiß jeder.

Das wäre ungefähr die Region von Kaiserslautern, oder?

Ich werde nicht müde, zu erwähnen, dass der Topverdiener bei Kaiserlautern genauso viel oder mehr verdient als unsere komplette Startelf. Das ist schon krass, wie unterschiedlich das Kräfteverhältnis in der 3. Liga ist.

Aber bei Ihnen wird man vielleicht mal sagen: Guck mal, der Ziehl, der macht in Havelse aus wenig viel?

Ich habe es auch in Wolfsburg anders herum erlebt (lacht). Das war auch ein schönes Arbeiten. Aber das ist jetzt ein Kontrastprogramm mit wenig Mitteln und Abstiegskampf. Aber es macht mir einfach Spaß.

Gibt es eine Ausstiegsklausel, wenn ein Zweitligaverein anklingelt?

Nein.

Und wie sieht Ihr Karriereplan langfristig aus?

Was Verrücktes mache ich nicht. China oder Dubai – da würde ich zu Hause Ärger kriegen. Aber ansonsten bin ich offen. Am Ende bin ich Trainer geworden, um als Trainer zu arbeiten. Und hey, wenn das so sein muss, dann würde ich auch weiter weggehen.

Bilder zum Spiel der 3. Liga zwischen dem FC Viktoria 1889 Berlin und dem TSV Havelse

Havelses Julius Düker (rechts) ist vor dem Berliner Christoph Menz am Ball.  Zur Galerie
Havelses Julius Düker (rechts) ist vor dem Berliner Christoph Menz am Ball.  ©

Wie viel Jan Zimmermann steckt noch in dieser Mannschaft?

Es ist ein bisschen anders, aber die Hälfte der Havelser Aufstiegsspieler steht in der Startelf. Insofern steckt ein Stück weit Zimbo noch in der Mannschaft. Er hat einen Anteil an der Kaderstruktur, und der Charakter der Mannschaft ist einfach richtig gut. Aber es hat sich mit neuen Spielerprofilen schon etwas verändert. Havelse hat mit Zimbo viele Standardtore gemacht, das geht uns ein bisschen verloren. Dafür haben wir spielerische Elemente dazubekommen mit Oliver Daedlow und Kianz Froese.

Muss man die Spieler daran erinnern, dass die 3. Liga auch ein Hauptjob sein sollte?

Nein. Aber ich muss schon Kompromisse eingehen. Ein Beispiel: Niklas Tasky fragte, ob wir das Abschlusstraining am Freitag vor der Reise nach Würzburg statt um 10.30 Uhr um 12.30 machen könnten, damit er sich nur einen halben Tag Urlaub nehmen muss. Das ist nicht dramatisch, aber solche Kompromisse gehe ich ein. Ein weiteres Beispiel ist der freie Tag. Ich gestalte den Trainingsplan etwas flexibler, gebe den Sonntag frei, weil ich weiß: Dann hat auch jeder frei. Und zwar komplett.

Wann hat der Trainer mal frei?

Gute Frage. Die Mannschaft hatte jetzt zwei Tage frei. Ich habe mir unser Spiel gegen Lautern nochmal angeguckt, dann den nächsten Gegner Verl, nachher kommt mein Co-Trainer. Freie Tage gibt es eigentlich nicht. Aber wenn ich mit der Familie um 13 Uhr etwas unternehme, dann bin ich auch nicht erreichbar.

Was tun Sie für den persönlichen Ausgleich neben der Familie?

Zum Sport komme ich noch: Ich laufe nicht mehr dreimal die Woche so wie früher. Heute morgen war ich 16 Kilometer laufen.

Welcher Schnitt pro Kilometer?

Fünfer-Schnitt. Ich könnte noch schneller, aber das war heute perfekt, und ich habe mich gefreut.

Wie läuft ist der Austausch mit Manager Matthias Limbach?

Sehr vertrauensvoll, sehr korrekt. Ich komme mit einem Anliegen und es wird sich darum gekümmert. Es sei denn, es geht um etwas Finanzielles. Aber wir können auch nicht nach Geld graben, wo es keines gibt.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 100 Tage?

Dass wir den Abstand zu den Nichtabstiegsplätzen halten. Das ist Perspektive für die nächsten 100 Tage bis in den April hinein.