16. Mai 2020 / 11:54 Uhr

"Platini ließ den Pokal nicht los": Vor 10 Jahren gewinnt Turbine Potsdam die Champions League (mit Galerie)

"Platini ließ den Pokal nicht los": Vor 10 Jahren gewinnt Turbine Potsdam die Champions League (mit Galerie)

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
v.l.: Anja Mittag, Babett Peter, Theo Zwanziger, Jennifer Zietz, Michel Platini, Corina Schröder, Yuki Nagasato,  (Potsdam) mit Pokal, Jubel, Olympique Lyon - 1. FFC Turbine Potsdam, Frauenfußball, Champions League der Frauen, Finale in Getafe, Saison 2009/2010, 20.05.2010;   Foto: Jan Kuppert;
v.l.: Anja Mittag, Babett Peter, Theo Zwanziger, Jennifer Zietz, Michel Platini, Corina Schröder, Yuki Nagasato, (Potsdam) mit Pokal, Jubel, Olympique Lyon - 1. FFC Turbine Potsdam, Frauenfußball, Champions League der Frauen, Finale in Getafe, Saison 2009/2010, 20.05.2010; Foto: Jan Kuppert; © Jan Kuppert
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Frauen-Bundesliga: Am 20. Mai 2010 triumphiert Turbine Potsdam im Finale der Champions League gegen Olympique Lyon, es ist eine der Sternstunden in der Historie der Brandenburger Fußballerinnen.

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Im Moment des größten Triumphs handelte Jennifer Zietz gedankenschnell. „Als klar war, dass wir gewonnen haben, sind alle losgelaufen und haben gejubelt. Ich habe aber dem Ball hinterhergeschaut und habe ihn mir geholt“, erinnert sich die 36-Jährige an das Champions-League-Finale in Getafe/Spanien vor zehn Jahren. Nach einem dramatischen Elfmeterschießen hatte Turbine Potsdam mit 7:6 gegen Olympique Lyon gewonnen, es war einer der größten Erfolge in der Turbine-Geschichte. Den Ball schenkte die damalige Kapitänin später ihren Großeltern, dort liegt er heute noch in einem Regal. „Es ist schon cool, da erinnert man sich immer an das Spiel“, sagt die damalige Kapitänin.

2005 gewann Turbine den Uefa-Cup

Ein paar Minuten nach dem Elfmeterschießen überreichte ihr Uefa-Präsident Michel Platini am 20. Mai 2010 den Siegerpokal. „Der war echt schwer. Und Platini wollte ihn gar nicht loslassen“, erinnert sich die Mittelfeldspielerin, die 2015 ihre Karriere beendet hat. Der Pokal war nagelneu, schließlich hatte die Uefa erstmals die Frauen-Champions-League ausgespielt, die zuvor Uefa Womens-Cup hieß. Den hatte Turbine am 21. Mai 2005 erstmals gewonnen. Doch der Champions-League-Triumph habe noch einmal einen höheren Stellenwert, sagt der damalige Trainer Bernd Schröder. „Für mich war das der größte Sieg, mit dem Schwung haben wir noch einmal zwei Meistertitel geholt“, erinnert sich der 77-Jährige.

In Bildern: Am 20. Mai 2010 gewinnt Turbine Potsdam die Champions-League.

Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. Zur Galerie
Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. © Jan Kuppert und Detlev Scheerbarth/MAZ

Schon die Tage vor dem Finale im Vorort von Madrid waren etwas Besonderes für Mannschaft und Verein. „Wir wollten nicht die ganze Zeit im Hotel sitzen. Wir sind dann zusammen raus, haben auf einem Bolzplatz gekickt oder Basketball gespielt, ganz ohne Zwang, ohne vorgegebenes Training und haben so eine gewisse Lockerheit gekriegt, weil die Anspannung schon riesig war“, erinnert sich Jennifer Zietz. „Wir hatten eine ganz junge Mannschaft, Jenny Zietz, Anja Mittag und Viola Odebrecht waren mit Mitte 20 die ältesten“, sagt Schröder.

Sarholz wird zur Matchwinnerin

Die Jüngste stand dabei im Tor, Anna Felicitas Sarholz war damals gerade 17 Jahre alt. Schon im Halbfinale gegen Bundesliga-Rivale FCR 2001 Duisburg hielt sie drei Elfmeter und hatte damit entscheidenden Anteil am Einzug ins Finale. Dort traf Turbine mit Lyon auf einen Gegner, gegen den die Potsdamerinnen zuvor noch nie gespielt hatten. „Wir haben sie natürlich beobachtet und wussten, wie sie spielen, aber sie waren stärker, als wir es uns vorgestellt hatten“, erinnert sich Schröder. „Die Französinnen sind eh keine Kinder von Traurigkeit, die haben Lira Bajramaj ganz schön bearbeitet. Wir waren mehr damit beschäftigt, uns zu wehren, als Fußball zu spielen“, sagt Jennifer Zietz. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger, der ebenfalls im Stadion war, habe damals in der Halbzeitpause gesagt: „Das wird nichts“, erinnert sich Schröder.

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Nach der Pause agierten die Potsdamerinnen offensiver, doch ein Tor gelang beiden Mannschaften nicht. „Es war ein unwahrscheinlich anstrengendes Spiel. Wir wollten auf keinen Fall in die Verlängerung, aber dann mussten wir und das hat unheimlich viel Substanz gekostet. Es fiel mir schwer, mich auf meinen Elfmeter zu konzentrieren. Der Elfmeter war dann auch nicht gut geschossen“, erzählt Jennifer Zietz. Und so verschoss die Kapitänin, auch Anja Mittag scheiterte später. Beim Stand von 3:2 hätte Amandine Henry den Triumph für Lyon perfekt machen können, doch Sarholz hielt anschließend gleich zwei Elfmeter und ihre Mannschaft im Spiel.

Schröder will Gegner schon gratulieren

„Ich war schon in der Bewegung zum Lyon-Trainer und wollte gratulieren. Wenn die besten Leute verschießen, dann hat man das Ding schon abgeschrieben. Und dann hält sie den Elfmeter. Ich hab mich dann umgedreht und so getan, als wäre nichts gewesen“, erzählt Bernd Schröder. Nach den ersten fünf Schützinnen stand es 3:3, danach berieten die Spielerinnen im Mittelkreis, wer als nächstes ran muss. „Yuki (Nagasato, d.Red.) meinte gleich ,Ich mach’ und ist losgelaufen, so war ihre Art“, berichtet Jennifer Zietz. Nagasato traf, später sogar Sarholz als Torhüterin. Elodie Thomis scheiterte schließlich an der Latte – und Turbine hatte gewonnen. Die Märkische Allgemeine Zeitung schrieb damals von der „Sternstunde in Getafe“.

In Bildern: 50 ehemalige Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam – und was aus ihnen wurde

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. ©

Danach ging es zum Feiern in ein angemietetes Lokal, „das war eine Riesenfeier, so etwas hat es noch nie gegeben“, erinnert sich Schröder. Zwei Tage später durften die Turbinen als Gäste zum Männerfinale im Bernabéu-Stadion zwischen Bayern München und Inter Mailand (0:2). Und auf dem Potsdamer Luisenplatz bereiteten tausende Fans den Turbinen schließlich einen triumphalen Empfang.

Der Weg ins Finale:

Runde der letzten 32

FC Honka (Finnland) – Turbine Potsdam 1:8

Turbine Potsdam – FC Honka 8:0

Achtelfinale

Turbine Potsdam – Brøndby IF (Dänemark) 1:0

Brøndby IF – Turbine Potsdam 0:4

Viertelfinale

Turbine Potsdam – Røa IL (Norwegen) 5:0

Røa IL – Turbine Potsdam 0:5

Halbfinale

FCR 2001 Duisburg – Turbine Potsdam 1:0

Turbine Potsdam – FCR 2001 Duisburg 1:0 n.V.

Turbine gewinnt 3:1 nach Elfmeterschießen.

Finale

Datum: 20. Mai 2010

Stadion: Coliseum Alfonso Pérez in Getafe/Spanien

Zuschauer: 10.372

Schiedsrichterin: Kirsi Heikkinen (Finnland)

Olympique Lyon: Sarah Bouhaddi – Amelie Rybeck, Wendie Renard, Laura Georges, Corine Franco – Ingvild Stensland (70. Aurélie Kaci), Louisa Nécib (89. Isabell Herlovsen), Shirley Cruz Traña (105. Simone Gomes Jatobá), Lara Dickenmann, Amandine Henry – Élodie Thomis. Trainer: Farid Benstiti.

Turbine Potsdam: Anna Felicitas Sarholz – Babett Peter, Josephine Henning, Bianca Schmidt – Tabea Kemme (106. Corina Schröder), Nadine Keßler (66. Isabel Kerschowski), Jennifer Zietz, Viola Odebrecht – Anja Mittag, Fatmire Bajramaj, Jessica Wich (66. Yuki Nagasato). Trainer: Bernd Schröder.

Ergebnis: 6:7 (0:0, 0:0, 0:0) nach Elfmeterschießen

0:0 Jennifer Zietz (gehalten)

1:0 Corine Franco

1:1 Babett Peter

2:1 Lara Dickenmann

2:2 Viola Odebrecht

3:2 Aurélie Kaci

3:2 Anja Mittag (gehalten)

3:2 Amandine Henry (gehalten)

3:3 Isabel Kerschowski

3:3 Isabell Herlovsen (gehalten)

3:4 Yūki Nagasato

4:4 Wendie Renard

4:5 Fatmire Bajramaj

5:5 Simone Gomes Jatobá

5:6 Anna Felicitas Sarholz

6:6 Sarah Bouhaddi

6:7 Bianca Schmidt

6:7 Élodie Thomis (Latte)