07. Mai 2020 / 08:15 Uhr

Turfwelt blickt auf die Neue Bult: Taugt der "Geisterrenntag" als Blaupause?

Turfwelt blickt auf die Neue Bult: Taugt der "Geisterrenntag" als Blaupause?

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Um 14 Uhr geht es am Donnerstag auf der Neuen Bult wieder los.
Um 14 Uhr geht es am Donnerstag auf der Neuen Bult wieder los. © Florian Petrow
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Zwölf Rennen stehen auf Donnerstag auf der Neuen Bult auf dem Programm - ohne Zuschauer. Die Trainer freuen sich, dass es wieder losgeht, wenn auch mit starken Einschränkungen. Die Turfwelt wird nach Hannover schauen, ob das Konzept aufgeht und als Blaupause für andere Renntage taugt.

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Sie alle waren zuletzt ungeduldig, bangten sogar zum Teil um ihre Existenz als Galopp-Trainer. Am Donnerstag hat das Warten ein Ende: Die Startboxen gehen endlich wieder auf. Der Hannoversche Rennverein hat die Genehmigung der Region Hannover, einen Renntag auf der Neuen Bult abzuhalten – wenn auch ohne Zuschauer. Es ist offiziell kein Sportevent, der Tag dient der Berufsausführung für Trainer und Jockeys sowie der Leistungsüberprüfung der Pferde – so wie es das Zuchtgesetz vorsieht.

Der Geisterrenntag umfasst zwölf Rennen, etwa 160 Vierbeiner sind am Start. Rund ein Viertel davon werden in Langenhagen trainiert und vorbereitet. Die vier Trainer-Kollegen von der Bult freuen sich allesamt, dass es wieder losgeht, einer aber ganz besonders: Bohumil Nedorostek.

Trainer Bohumil Nedorostek ist glücklich, dass es wieder losgeht. 
Trainer Bohumil Nedorostek ist glücklich, dass es wieder losgeht.  © Florian Petrow
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Die Karriere des gebürtigen Tschechen ging im vergangenen Jahr schon durch die Decke. Sein Stall explodierte förmlich und wächst stetig. Jetzt stoppte ihn Corona. Nedorostek hat zurzeit 43 Pferde in Betreuung, am Wochenende kommen sogar noch zwei dazu. 15 Galopper lässt er am Donnerstag starten. Persönlicher Rekord.

„Die Vorfreude ist sehr groß, auch wenn es ein Geisterrenntag ist und wir viele Maßnahmen und Regeln beachten und einhalten müssen“, sagt er. „Aber ich bin sehr glücklich, und auch alle Besitzer, dass es endlich wieder vorwärts geht.“ Auf ein Nedorostek-Pferd zu setzen, ist keine verkehrte Wahl. Er hat seine Tiere auf frühe Topform trainiert.

Dominik Moser sattelt am Donnerstag nicht weniger als 16 Pferde.
Dominik Moser sattelt am Donnerstag nicht weniger als 16 Pferde. © Tim Schaarschmidt

Ähnlich offensiv, zumindest quantitativ, geht auch Dominik Moser vor. Er sattelt sogar 16 Pferde. Ebenfalls persönlicher Rekord für einen einzigen Renntag. „Mehr geht nicht“, flachst Moser, der 45 Pferde im Stall hat. „Die Vorfreude ist riesig. Wenn auch durchmischt.“

42 Vollblüter stehen zurzeit bei Hans-Jürgen Gröschel in den Boxen. Doch der Altmeister lässt es gewohnt langsam angehen, er hat seine Pferde noch nicht auf Sieg oder Platz trainiert. „Sie sollen nur laufen.“ Er hat am Donnerstag lediglich fünf Starter gemeldet. Seine Zeit ist meist die zweite Saisonhälfte.

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Von einer normalen Saison kann 2020 jedoch keine Rede sein. Corona bringt alles durcheinander. „Man weiß nicht, wo man steht“, sagt Gröschel stellvertretend für alle.

Er selbst wird am Donnerstag nicht auf der Rennbahn auftauchen, aus reiner Vorsicht. „Ich gehöre ganz klar zur Risikogruppe“, sagt der 76-Jährige. Er sei fit und gesund, „aber schon ein wenig ängstlich und vorsichtig“. Seine Mitarbeiterin Janina Reese vertritt ihn heute. Gröschel verfolgt die Rennen live im Online-Stream. Der Dachverband Deutscher Galopp überträgt auf seiner Facebook-Seite.

Die notgedrungenen Begleitumstände des Geisterrenntages können allerdings wenig begeistern. Keine Zuschauer, keine Besitzer, keine Atmosphäre. „Besonders die Besitzer tun mir leid. Sie dürfen nicht in den Stall, ihre Pferde streicheln und jetzt nicht auf die Bahn“, sagt Gröschel.

Hans-Jürgen Gröschel bleibt dem Renntag mit seinen 76 Jahren aus reiner Vorsicht fern.
Hans-Jürgen Gröschel bleibt dem Renntag mit seinen 76 Jahren aus reiner Vorsicht fern. © Florian Petrow

Die Zugangskriterien sind streng geregelt. Für das 72 Hektar große Gelände ist die Personenzahl auf 130 bis 140 beschränkt, maximal 80 halten sich gleichzeitig auf der Rennbahn auf. Zugelassen sind lediglich Trainer, Pferdeführer, Jockeys (nur Profis, keine Amateurrennreiter), Rennleitung, Tierärzte, Hufschmiede und Helfer wie Klopfer und Stampfer. Auch die Wettschalter bleiben dicht. Zocker können ihre Wetten im Internet bei den gängigen Anbietern abgeben. Der Wettumsatz fließt an die Bahn.

Ähnlich durchmischt wie bei Gröschel ist die Vorfreude auf den Re-Start der Saison auch bei Bult-Kollege Christian Sprengel. „Ich glaube erst dran, dass der Renntag stattfindet, wenn die Startboxen öffnen“, sagt er. „Ich lasse das in Ruhe auf mich zukommen.“

Sprengel hat eine Handvoll Pferde in seinem kleinen Stall – alle erfahren, keine jungen. „Daher habe ich keinen Zeitdruck, ich bin sehr relaxt.“ Zwei seiner Pferde laufen dann aber doch, allerdings erst spät in den letzten Rennen am Abend.

Christian Sprengel lässt den Renntag in Ruhe auf sich zukommen.
Christian Sprengel lässt den Renntag in Ruhe auf sich zukommen. © Rebekka Neander

Erster Start ist um 14 Uhr. Moser ist in diesem Rennen doppelt vertreten. Er wünscht sich sehr, „dass alle an diesem Tag gesund bleiben. Pferde und Beteiligte.“ Die ganze Szene schaut am Donnerstag auf Hannover. „Wir wollen zeigen, dass so ein Renntag in der Art funktionieren kann“, sagt Moser. „Damit wir danach weitermachen können.“

Der Renntag in Köln ist mittlerweile gesichert, München am Wochenende ist abgesagt, Hoppegarten am Sonntag kann stattfinden. Der Geisterrenntag auf der Bult wird am Donnerstag zur Blaupause für alle anderen geplanten.