20. November 2018 / 10:53 Uhr

TuSG Ritterhude: Warum Julian Geils zurückgetreten ist

TuSG Ritterhude: Warum Julian Geils zurückgetreten ist

Tobias Dohr
Weser-Kurier
Eine Mannschaft muss sich irgendwann auch selbst erziehen. Julian Geils ist bei der TuSG Ritterhude zurückgetreten.
"Eine Mannschaft muss sich irgendwann auch selbst erziehen." Julian Geils ist bei der TuSG Ritterhude zurückgetreten. © Christian Kosak
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Am Ende seiner Kräfte - nach vier erfolgreichen Jahren nimmt der Trainer seinen Hut

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Am Ende war es mal wieder jener kleine Tropfen, der die Situation endgültig unumkehrbar machte. Das Fass von Julian Geils war schon lange randvoll. Doch als dann diese Whatsapp-Nachricht auf seinem Handy eintrudelte, schwappte die Gefühlswelt des am Sonntag zurückgetretenen Trainers von Fußball-Landesligisten TuSG Ritterhude vollständig über.

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„Ich saß im Auto in der Einfahrt meines Hauses und hab am ganzen Körper gezittert“, sagt Geils. Eigentlich war es nur eine weitere Trainingsabsage eines Spielers für die Einheit am Donnerstagabend gewesen. Und dennoch war Geils in diesem Moment klar: Jetzt ist Schluss. Es war eine Mischung aus Enttäuschung, Wut, Frust und Hilflosigkeit, die Geils in diesem Moment übermannte. Am selben Morgen hatte er noch mit 20 Spielern beim Training gerechnet, am Abend waren es gerade noch einmal elf. Die finale Absage, die laut Geils eine schier abenteuerliche Begründung hatte und zu alledem auch noch über seinen Co-Trainer Bastian Haskamp bei ihm ankam, war dann schlichtweg zu viel.

„Wir haben hier in Ritterhude immer von unserer Einstellung und Mentalität gelebt“, sagt Geils am Tag nach seinem Rücktritt. Genau jene Eigenschaften habe er aber schon seit längerer Zeit bei einigen seiner Spieler vermisst. „Ich habe seit dem ersten Training im Sommer versucht, vor allem den neuen Spielern klarzumachen, was es heißt, für die TuSG Ritterhude in der Landesliga zu spielen. Das hat aber leider nicht so gefruchtet“, sagt Geils. Der 35-Jährige hat sich die Mannschaft selbst zusammengestellt und diese im Vorfeld der Saison mit ordentlich Vorschusslorbeeren bedacht. „Ich glaube auch heute noch an das Potenzial dieser Truppe und bleibe dabei, dass wir fußballerisch eigentlich stärker sind als letztes Jahr.“

Ein nicht zu füllendes Vakuum

Aber in der vergangenen Spielzeit gab es eben auch noch Typen wie Marco Grahl oder André Grundmann im Team. Auch ein Necati Uluisik war bis zum Winter ein wichtiger Fixpunkt im sportlichen System von Geils. Und dann gab es da noch einen Nils Ringe, der für das menschliche Gefüge ein ganz entscheidender Faktor war. All sie sind nicht mehr da. Das Vakuum, das dadurch entstanden ist, konnten weder die Alt-Ritterhuder um Kapitän Niklas Kutz, Merten Hellmann, Tobias Jahn oder Marcel Meyer mit Leben füllen, noch die zahlreichen Neuzugänge.

Viele legten ihren Sommerurlaub in die Zeit der Vorbereitung, von Beginn an hatte Geils so mit einer schlechten Trainingsbeteiligung zu kämpfen. Mit dem Ausschluss von Dario Cordes und der zeitweisen Suspendierung von drei weiteren Spielern griff der 35-Jährige nach dem desaströsen 2:7 in Gellersen Mitte September dann schon fast zum äußersten Mittel. Doch auch diese Maßnahme zeigte nur kurzfristig Wirkung und war spätestens mit dem 1:7 in Celle komplett verpufft. Die Vertrauensfrage hatte Geils zu diesem Zeitpunkt bereits gestellt, doch den Lippenbekenntnissen der Mannschaft, die ihren Trainer vom Rücktritt abbrachte, folgten nur selten Taten.

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„Eine Mannschaft muss sich irgendwann auch selbst erziehen“, sagt Geils, dem Mitte Oktober langsam klar wurde, dass es so nicht weitergehen kann. Ebenso wie Spartenvorstand Volker Guttmann: „Julian hat hier vier Jahre unter Volldampf gearbeitet. Am Ende hat es ihn sogar gesundheitlich angegriffen.“ Aus diesem Grund war es für Guttmann auch keine Option, seinen Coach noch die letzten beide Punktspiele des Jahres im Amt zu lassen. „Er konnte nicht mehr. Und am Ende ging es tatsächlich auch um seine Gesundheit.“

Vorerst wird Co-Trainer Bastian Haskamp das Training übernehmen, bis zum Trainingsauftakt im Januar will Volker Guttmann dann einen neuen Trainer präsentieren und ist ab sofort offen für entsprechende Anfragen von Trainern. „Wir suchen jemanden, der unseren Weg weitergehen will und gut mit jungen Spielern, möglichst aus dem eigenen Nachwuchs, arbeiten kann.“ Dass eben jene jungen Spieler nun seinem über Jahre geschätzten Trainer zum Verhängnis geworden sind, hat auch Guttmann registriert – und will darauf reagieren: „Wir werden sicher in der Kaderstruktur im Winter noch etwas ändern.“

Abstriche bei der Qualität

Bei dieser Ankündigung kann sich der TuSG-Spartenvorstand der Unterstützung seines Kapitäns sicher sein. Niklas Kutz, der mit Julian Geils selbst noch zusammenspielte und nun vier Jahre unter ihm als Mannschaftsführer fungierte, sagt ganz klar: „Notfalls muss man eben bei der Qualität Abstriche machen.“ Jetzt gehe es nämlich nur noch darum, wieder zu der TuSG zu werden, die sich in den vergangenen Jahren den größten Respekt der Konkurrenz verdient hatte.

Dass genau das in den letzten Monaten unter Geils fehlte, ist auch für Kutz nur schwer zu erklären. „Wenn man Erfolg hat, tauchen manche Probleme eben auch gar nicht erst auf. In jedem Fall ist es einfach extrem schade, dass Julians Zeit jetzt so zu Ende geht.“ Die Geils-Ära, sie endete am Sonntagnachmittag, mit einem letzten Teamkreis nach dem 1:3 im Heimspiel gegen die SV Ahlerstedt/Ottendorf. Tränen sollen danach geflossen sein. Zumindest bei jenen, die sich der Sache nach wie vor vollständig verpflichtet fühlten und bis zuletzt alles für den Verein und den Trainer gegeben haben. Wie viele Spieler das am Ende genau waren? „Da muss sich jetzt wirklich jeder mal selbst hinterfragen“, sagt Niklas Kutz. Volker Guttmann hätte seinem Ex-Coach im Falle des Abstiegs am liebsten einen Fünfjahresvertrag angeboten. Einfach, weil er wusste, dass er kaum jemanden finden wird, der besser zum Verein, besser zur Philosophie der TuSG passt.

Zu den „Werten“ der jungen Spieler passte Julian Geils am Ende nicht mehr. Der Ex-Trainer legt Wert auf die Feststellung, dass sein Rücktritt nicht dem Tabellenstand geschuldet ist. „Ich wäre auch mit fünf Punkten voller Überzeugung bei der Mannschaft geblieben. Aber wenn du einfach keine Energie zurückkriegst, lutscht dich das brutal aus“, sagt er. „Mein Akku ist komplett leer. Ich brauche jetzt erst einmal Abstand.“