08. April 2021 / 09:48 Uhr

Konzept oder Mittel zum Zweck? Krach um U17 zwischen FC Ruthe und TuSpo Schliekum

Konzept oder Mittel zum Zweck? Krach um U17 zwischen FC Ruthe und TuSpo Schliekum

Tobias Kurz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wechselt eine ganze Jugendmannschaft den Verein? Zwischen den Nachbarn FC Ruthe und TuSpo Schliekum gibt es Differenzen.
Wechselt eine ganze Jugendmannschaft den Verein? Zwischen den Nachbarn FC Ruthe und TuSpo Schliekum gibt es Differenzen. © TuSpo Schliekum/Montage
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Der FC Ruthe wirft der TuSpo Schliekum vor, seine U17 abzuwerben, damit deren Herren in die Landesliga aufsteigen können. Der Nachbar wehrt sich, betont, dass die Initiative von wechselwilligen jugendlichen Kickern ausgehe. Fakt ist: Das Trainerduo der B-Jugend hat die Seiten bereits gewechselt.

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Der Nachwuchsbereich steckt in der Krise – seit Jahren sind die Mannschaftszahlen im Jugendfußball rückläufig. Das führt zwangsläufig zu immer mehr Spielgemeinschaften, aber auch zu heiklen und viel diskutierten Wechselspielen. Ein solches vollzieht sich aktuell in Sarstedt – und ist nur auf den ersten Blick schnell erklärt.

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Der Fall: Gerüchteweise soll die U17 des FC Ruthe nahezu geschlossen zum Ortsnachbarn TuSpo Schliekum wechseln, der Stand jetzt keine Nachwuchsabteilung hat. Das Brisante daran: Die Schliekumer Bezirksligamänner können aus diesem Grund nicht in die Landesliga aufsteigen. Das regelt ein Passus in der Spielordnung des Niedersächsischen Fußballverbandes, der Landesligateams zu einem Unterbau verpflichtet. Dass Schliekum schon länger versucht, eine Jugend aufzubauen, ist daher kein Geheimnis.

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Nun soll dieser Plan in die Tat umgesetzt werden. Mit Roland Gutzeit und Oliver Bruse stellte die TuSpo am Mittwoch das neue Trainerduo für die geplante U17 vor. Beide trainierten bis zuletzt die B-Jugend des FC Ru­the – die nun Auflösungserscheinungen zeigt. Elf von 18 Spielern haben ihre Austrittserklärung bereits abgegeben.

"Die werden mit Versprechungen gelockt..."

Sehr zum Ärger von FC-Vorstand Walter Drescher, der den Schliekumern vorwirft, sie hätten die Nachwuchskicker abgeworben. „In meinen Augen werden die Kinder als Mittel zum Zweck genutzt“, ärgert er sich. „Die werden mit Versprechungen gelockt, damit Schliekums erste Mannschaft aufsteigen kann.“

Ist das so? TuSpo-Vorstand Martin Reinckens bestätigt zumindest: „Wir haben in einem Schreiben für die Eltern für unsere B-Jugend geworben und unser Konzept vorgestellt.“ Gleichzeitig betont er, es sei weder Geld geflossen noch habe es in irgendeiner Form Versprechungen gegeben, im Männerbereich Bezirks- oder Landesliga spielen zu können.

„Natürlich wollen wir eine Durchlässigkeit zur ersten Mannschaft schaffen, das ist doch klar. Aber wir haben niemanden damit geködert.“ Der neue Trainer Gutzeit, der in Schliekum unweit des Sportplatzes wohnt, bekräftigt: „Ich habe keinen meiner Spieler angesprochen, ob er mitkommen will.“

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Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. ©

Anlass seines Abschieds war der Wechselwunsch seines Sohnes, der unter ihm in Ruthe gespielt hat. Durch Reinckens, der Gutzeits Nachbar ist, war ein loser Kontakt zu den Schliekumern immer vorhanden. Der wurde zuletzt intensiviert, nachdem Gutzeit sein Aus in Ruthe verkündet hatte. „Mein Sohn meinte, dass er das Projekt in Schliekum spannend fände. Dann war mir klar, dass ich das gerne machen will.“

Auch der Sohn von Co-Trainer Bruse wollte weg aus Ruthe, sodass das Gespann gemeinsam bei der TuSpo vorstellig wurde. „Aktuell haben wir also einen Kader von zwei Spielern, salopp gesagt“, sagt Gutzeit.

Drescher wittert "Geschmäckle"

Dass wohl weitere aus Ruthe folgen, ist ihm bekannt. „Natürlich reden die Jungs untereinander, das ist doch klar. Aber ich werde den Teufel tun und irgendwen abwerben. Ich will mich anständig verabschieden.“

Für Ruthes Drescher hat der Vorgang aber schon jetzt ein „Geschmäckle“. Von Schliekumer Seite sei bis heute kein Kontakt zu ihm aufgenommen worden, die Spieler sind trotzdem schon ausgetreten. Auch von Gutzeit sei er nicht informiert worden, dass er Trainer in Schliekum wird. „Das ist nicht ehrlich. Und wenn ich von Versprechungen lese, die aus Schliekum kommen, ist das auch nicht korrekt den Kindern gegenüber.“

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TuSpo-Vorstand Reinckens hält dagegen: „Die Jugendlichen entscheiden das selbst, zusammen mit ihren Eltern. Wir haben unser Projekt vorgestellt, mehr nicht.“ Dazu zähle nicht nur der Übergang zur ersten Mannschaft, sondern auch die renovierte Vereinsanlage und verbesserte Strukturen.

Neuer Trainer stünde in Ruthe bereit

Gutzeit ist bewusst, dass der Vorwurf naheliegt, er wolle die komplette Mannschaft mitnehmen, die er seit Jahren trainiert. „Die Geschichte hat eine Eigendynamik entwickelt“, sagt er. „Mir war klar, dass es problematisch wird, wenn Spieler mir nach Schliekum folgen. Aber ich treffe die Entscheidungen nicht für sie und habe das nur meinem Sohn zuliebe gemacht.“

Drescher hofft, der U17 in Ruthe eine Perspektive aufzeigen zu können und einige doch noch zum Umdenken zu bewegen. Zeit ist noch genug, bis Ende Juni geht die Wechselfrist. Ein neuer Trainer stünde mit Frank Eckhardt bereit, einige Spieler haben signalisiert, dass sie bleiben wollen. „Ich würde gerne mit der ganzen Mannschaft zusammen noch mal sprechen. Das ist durch Corona aber nicht möglich.“

Eine Schlammschlacht um die Nachwuchskicker sollte allerdings für keinen der beiden Vereine von Interesse sein.