31. Januar 2017 / 18:00 Uhr

„Udo wollte nicht lange leiden“: Zweiter Todestag von Udo Lattek

„Udo wollte nicht lange leiden“: Zweiter Todestag von Udo Lattek

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Erfolgstrainer: Udo Lattek wird 1972 von seinen Spielern durch das Münchner Olympiastadion getragen.
Erfolgstrainer: Udo Lattek wird 1972 von seinen Spielern durch das Münchner Olympiastadion getragen. © dpa
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Am 31. Januar 2015, kurz nach seinem 80. Geburtstag, stirbt Trainerlegende Udo Lattek. In einem intimen Interview erinnert Hildegard Lattek an die Lebensleistung ihres Mannes.

Frau Lattek, wie sehr ist Udo bei Ihnen noch präsent?
Ich gehe gerade das Buch durch, das ich für ihn zur silbernen Hochzeit geschrieben habe (die beiden haben 1962 geheiratet – d. Red.). Mir begegnen Sachen, die ich neu entdecke und verarbeite. Ich bin aus unserem gemeinsamen Haus nicht in die Stadtmitte gezogen, um zu verdrängen und zu vergessen. Nein. Auch wenn ich nach wie vor Gesellschaft habe. Nicht weit weg wohne von der Philharmonie. Wenn sie ausverkauft ist, bekomme ich in 99 Prozent der Fälle noch eine Karte.

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Dennoch ein Leben unter älteren Leuten?
Ich gehe morgens schwimmen, im Fitnessraum an die Geräte – unter vielen jungen Leuten. Natürlich begegnet man auch Leuten, die 100 sind und im Rollstuhl sitzen. Das gehört ja zum Leben dazu.

Ihr Mann verstarb am 31. Januar 2015, 15 Tage nach seinem 80. Geburtstag – es ging viel schneller, als viele erwartet haben.
Ich habe lange Zeit zu Hause mit ihm gelebt (Lattek war nach zwei Schlaganfällen an Parkison erkrankt, einhergehend mit Demenz – d. Red.), habe versucht, so gut wie möglich die Krankheit zu meistern.

Und dann kam die Sekunde, von der an es nicht mehr möglich war.
Er war sehr krank. Es war abzusehen, dass der Körper nicht mehr mitmacht. Sonst wäre ich nicht in diese Residenz gezogen, hätte es allein gemacht. Ich hätte ihn so lange wie möglich zu Hause behalten, wenn es machbar gewesen wäre. Ich bin Gott dankbar, dass ich am Abend gespürt habe, dass er die Nacht nicht überstehen würde. Ich habe diese ganze Nacht an seinem Bett gesessen. Wir haben alles besprochen, ich habe gebetet und gesungen. Ich habe ihm erzählt, was für ein toller Mensch er war, was für tolle Erfolge er hatte. Udo ist in meinen Armen gestorben. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Ich habe versucht, die Kinder zu erreichen per Handy um 6 Uhr. Um 9 Uhr ist er dann gestorben. Ich hatte Kerzen angezündet. Es war ein richtig beeindruckender, sensibler Abschied, den wir beide hatten. Wir haben uns in einer guten Atmosphäre verabschieden können.

Sie beide waren voller Frieden?
Ich war dabei. Das hatte ich mir gewünscht. Ich habe geglaubt, dass sich Udo gern allein verabschiedet vom Leben. Als der Pfleger sagte, er setze sich jetzt ans Bett meines Mannes, sagte ich, dass ich mich selbst zu ihm setze, weil ich spürte, dass er es will. Ich habe ihn gut verabschiedet. Ich war so traurig und doch so gefasst. Wie viele sterben anonym in Alten- und Pflegeheimen. Das blieb ihm Gott sei Dank erspart. Man kann das vorher nicht planen. Aber es ist schön, wenn es sich so fügt.

War ihm bewusst, welch große Trainerlaufbahn er hingelegt hatte? Dass er der erfolgreichste deutsche Vereinstrainer war?
Ich glaube, das hat ihn zum Schluss nicht mehr interessiert. Wenn man um sein Leben kämpft, interessieren einen solche Sachen nicht mehr. Sie sind nicht mehr wichtig.


Udo sagte Monate zuvor: „Der Tod ist mir scheißegal.“ Glauben Sie, dass er so dachte?
Der Udo hat zu mir immer gesagt, nachdem unser Sohn gestorben ist (Dirk starb 1981 im Alter von 15 Jahren an Leukämie – d. Red.): „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich habe Angst vor der langen Zeit zu sterben.“ Leider ist es nicht so, wie es sich 99 Prozent der Menschheit wünschen. Sich hinzulegen und nicht mehr aufzuwachen. Er hätte es am liebsten so gehabt: Ich lege mich ins Bett und sterbe. Udo wollte nicht lange leiden.

Wenn Sie beide über alte Zeiten gesprochen haben: Hat ihn Bayern München am meisten geprägt?
Das würde ich so sagen. Ich war diejenige, die gern nach Köln zurückwollte. Udo wäre am liebsten in München geblieben. Auch die zwei Jahre Barcelona waren ihm sehr wichtig. Er wollte nie ins Ausland. Nach dem Tod unseres Sohnes war es ihm ein Bedürfnis.

Lattek löste 1981 seinen Vertrag in Dortmund auf, um in ein völlig neues Umfeld zu gelangen, in dem ihn nichts an das tragische Schicksal seines Sohnes erinnerte.

In seiner ersten Zeit in München von 1970 bis 1975 waren Sie ihm eine große Hilfe, weil er es nicht leicht hatte mit dem Präsidenten.
Ja, der Herr Neudecker. Und der Manager Robert Schwan – die waren ein gutes Gespann. Ich war nicht dafür, dass er vom DFB weggeht. Wir hatten uns in Köln gerade ein Haus gekauft, waren sehr glücklich. Franz Beckenbauer hatte ihm gesagt: „Wir suchen einen neuen Trainer.“ Beim DFB verdiente man damals sehr wenig, also wollte er schauen, ob die Trainer in großen Klubs wirklich so viel Geld verdienen. Dann rief er mich an: „Komm, das wird dich interessieren.“ Dann ging der Herr Schwan ans Telefon und hat auf mich eingeredet. Ich sagte zu Udo: „Wenn du glücklich bist, dann mach es.“ Dann habe ich Herrn Schwan gebeten, ob er so nett ist, mir eine Stelle zu besorgen. Er hat mir zur Antwort gegeben: „Die Frau des Trainers des FC Bayern hat es nicht nötig zu arbeiten.“ Ich bin dann selbst zur bayerischen Landesregierung gegangen und habe an der Realschule als Sportlehrerin gearbeitet.

Nach dem Meister-Hattrick 1974 waren die Spieler so platt, dass Udo entlassen wurde.
Die Spieler hatten Werbeverträge, konnten sich nicht mehr so viel auf Fußball konzentrieren. Das war schon ein Schock. Aber Udo bekam gleich ein Angebot von Mönchengladbach, wir konnten in unser Haus nach Köln ziehen. Das war dann okay, er wurde mit der Borussia gleich zweimal Meister, die Welt war wieder in Ordnung. Ich finde München wunderschön. Eine schöne Stadt, um Urlaub zu machen. Aber das Leben in Köln ist schöner.Bei Barcelona von 1981 bis 1983 musste er sich mit Diego Maradona und Bernd Schuster rumschlagen. Als Maradona nicht pünktlich war, ließ Udo den Bus losfahren.Da wurden wir dann auch gekündigt (weil sich Weltstar Maradona beim Präsidenten beschwerte – d. Red.).

Und Ihr Ferienhaus dort?
Haben wir vor zwei Jahren verkauft, als der Udo nicht mehr nach Barcelona fliegen konnte – die Töchter leiden heute noch.

Die zweite Zeit in München von 1983 bis 1987 war dann super.
Die erste war auch ganz nett, da die Spielerfrauen teilweise kaum jünger waren als ich. Ich hatte mit Brigitte Beckenbauer, Agnes Maier, Susi Hoeneß, Hildegard Breitner und vielen anderen eine gute Beziehung, wir saßen zusammen, haben mitgefiebert, sind freitags, wenn die Spieler im Trainingslager waren, essen gegangen. Den Uli, Paul und Rainer (Hoeneß, Breitner und Zobel – d. Red.) hatte der Udo ja mitgebracht. Sie waren seine Kinder. Der Uli wollte zu Udos Beerdigung kommen, hat von der Gefängnisverwaltung leider keine Genehmigung bekommen. Beim zweiten Mal hätte ich die Mutter der Frauen sein können. Ich schaute auf den menschlichen Teil, wenn sie jung nach München kamen und sich zurechtfinden mussten. Karl-Heinz Rummenigge hatte nach Udos Tod ein Kondolenzbuch ausgelegt. Das schickte er mir zurück mit dem Satz: „Hildegard, wenn du Hilfe brauchst, sind wir für dich da.“

Als Sportdirektor des 1. FC Köln von 1987 bis 1988 und von 1990 bis 1992 war Udo weniger glücklich, ließ sich freistellen.
Köln war schön für mich, aber Udo ist kein Bürotyp. Das war nicht leicht für ihn.

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Weshalb er 1992 das Angebot von Schalke annahm – doch trat er nach sechs Monaten zurück, „weil ich mir nicht mehr den Arsch nass regnen lassen will“.

Nach sieben Jahren Pause kehrte Udo im Jahr 2000 für die letzten fünf Spieltage nach Dortmund zurück, um den BVB vor dem Abstieg zu retten.
Dortmund mit Matthias Sammer war für Udo eine erfolgreiche Sache. Sammer sagte: „Bleiben Sie noch eine Saison, ich schaffe das allein nicht.“ Es war aber gut, dass Udo mit 65 Schluss gemacht hat. Es war sehr schwer, dort das Ruder noch rumzureißen.

Und dann fuhr er zu den Masurischen Seen in seine ostpreußische Heimat.
Er wollte nie dahin, bis ich einfach einen Flug gebucht und in Warschau ein Auto bestellt habe. Zunächst war er nicht glücklich, dann hat es ihm so gut gefallen, dass er mit seiner Wander-Freundesclique noch mal ohne mich hingefahren ist.

Frau Lattek, auch ich denke oft an vergangene Zeiten mit Ihrem Mann. Zum Beispiel an Sitzungen im Päffgen, Kölns letzter Privatbrauerei in der Friesenstraße. Das waren tief gehende Gespräche, oft haben wir beide geweint. Eine sehr vertrauliche Frage noch, Frau Lattek: Hätte der Udo noch länger leben können, wenn er etwas gesunder gelebt hätte?
Das kann nur der liebe Gott beantworten. Er sagte immer: „Ich möchte gern 80 werden.“ Das ist er geworden. Und das ist in Ordnung.

Dieses Interview ist Teil der preisgekrönten Serie „Diese eine Sekunde“. Das Buch kann hier bestellt werden.