12. Mai 2022 / 20:13 Uhr

Emotionaler Test in Gladbach als Anfang: Der steinige Weg der Ukraine zur WM 2022

Emotionaler Test in Gladbach als Anfang: Der steinige Weg der Ukraine zur WM 2022

Daniel Theweleit
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Träumen von der Qualifikation für die WM: die ukrainische Nationalmannschaft und ihr Trainer Oleksandr Petrakov.
Träumen von der Qualifikation für die WM: die ukrainische Nationalmannschaft und ihr Trainer Oleksandr Petrakov. © IMAGO/NurPhoto/Team 2 (Montage)
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Das Freundschaftsspiel zwischen Bundesligist Borussia Mönchengladbach und der Nationalmannschaft der Ukraine war geprägt von großen Emotionen. Es handelte sich allerdings keinesfalls um einen sportlich wertlosen Benefizkick, denn die vom russischen Angriffskrieg erschütterte Ukraine hofft noch auf ein WM-Ticket. 

Im Fußball ist der Mai traditionell der Monat der Tränen, die nach Abstiegen, gewonnenen Titeln oder verlorenen Finals fließen. Dass Testspiele ein Publikum tief berühren ist hingegen eher selten. Doch als die ukrainische Fußball-Nationalelf am Mittwochabend mit 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach gewann, wurde auf allen Tribünen geweint. Die Mehrzahl der 20.223 Zuschauer waren Menschen aus der Ukraine, viele wurden von ihren Gefühlen überwältigt.

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"Beim Singen der Nationalhymne hatte auch ich Tränen in den Augen", erzählte Nationaltrainer Oleksandr Petrakov, der sich über die Rückkehr in eine Art Spielbetrieb und viel Solidarität freuen konnte. "Auch wir standen mit Gänsehaut am Spielfeldrand, wir sind allen Ukrainern und Ukrainerinnen und auch den Deutschen sehr dankbar für diese Atmosphäre", sagte er. Immer wieder war im Borussia-Park aber auch eine Traurigkeit über die furchtbare Situation spürbar.

Mit dem Reinerlös und Spenden, die während einer aufwendig produzierten TV-Übertragung des Senders Pro Sieben gesammelt wurden, soll den vom Krieg betroffenen Menschen geholfen werden. Die Ukrainer spielten in Trikots, auf denen die Rückennummern aus den Namen von angegriffenen Städten geformt waren. Auch viele Deutsche hatten sich mit ukrainischen Farben geschmückt und der ehemalige Profiboxer Wladimir Klitschko sendete eine Grußbotschaft aus Kiew. "Diese Aktionen, die geben den Menschen Mut und Kraft in meinem Land", hatte Iryna Shum, die ukrainische Generalkonsulin in Düsseldorf, vor dem Spiel gesagt. Gladbachs Angreifer Patrick Herrmann erzählte, er wolle eigentlich jedes Spiel gewinnen, "aber hier war es auch mal okay zu verlieren". Wobei es sich bei dem Spiel keinesfalls um einen sportlich wertlosen Benefizkick handelte.

Zinchenko, Yarmolenko und Co. stoßen erst nach Saisonende hinzu

Denn am 1. Juni wird die Ukraine in einer Play-off-Partie gegen Schottland antreten, um im Falle eines Sieges vier Tage später gegen Wales ein Finale um die WM-Teilnahme zu bestreiten. "Nach einem halben Jahr, in dem wir kaum arbeiten konnten, hat das Spiel begonnen", sagte Trainer Petrakov. Seine Elf besteht derzeit nur aus Spielern von ukrainischen Klubs. Stars wie Oleksandr Zinchenko (Manchester City), Andriy Yarmolenko (West Ham United), Vitaliy Mykolenko (FC Everton) oder Ruslan Malinovsky (Atalanta Bergamo) werden erst hinzustoßen, wenn die Saison ihrer Klubs zu Ende geht.

Aber auch ohne diese Profis und trotz der langen Wettkampfpause spielte die Ukraine in Mönchengladbach stark. Die weitere Vorbereitung bleibt aber herausfordernd für die Ukrainer. "Aktuell ist es sehr schwer, Gegner zu finden", berichtete Petrakov, "mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir gegen Empoli und gegen Rijeka spielen." Eine WM-Teilnahme würde für das überfallene Land in diesem Jahr besonders viel bedeuten. Schließlich geht es mehr noch als bei früheren Turnieren darum, von der Welt wahrgenommen zu werden.

Für viele der ukrainischen Spieler sind die Tests auch deshalb wichtig, weil sie Klubs auf sich aufmerksam machen können, um möglicherweise ins Ausland zu wechseln. Es ist schließlich nicht zu erwarten, dass in der kommenden Saison nationale Wettbewerbe in dem vom Krieg erschütterten Land ausgetragen werden können. Und so genossen die ukrainischen Profis den sportlichen Wettbewerb in Mönchengladbach umso mehr – umjubelt von sehr vielen hohen Stimmen auf den Tribünen. "Das war ein ganz anderer Sound, als bei einem normalen Spiel", sagte der ebenfalls anwesende NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Denn es waren viele Kinder und Frauen im Stadion. Deren Männer und Väter haben schließlich zu Hause ein Land zu verteidigen.