15. Oktober 2021 / 10:36 Uhr

Union-Berlin-Taktikexperte: "Der VfL könnte ein gutes Opfer sein"

Union-Berlin-Taktikexperte: "Der VfL könnte ein gutes Opfer sein"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Ballkünstler: Für Union Berlin ist Spielmacher Max Kruse der entscheidende Spieler.
Ballkünstler: Für Union Berlin ist Spielmacher Max Kruse der entscheidende Spieler. © imago images/Marcel Lorenz
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Daniel Roßbach schreibt Taktikanalysen für die Plattform „Textilvergehen“, die sich intensiv mit Fußball-Bundesligist Union Berlin beschäftigt. Vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg spricht Roßbach über Unions Stil, das Phänomen Max Kruse und die Chancen im Duell am Samstag (15.30 Uhr/live bei Sky) gegen Wolfsburg.

SPORTBUZZER: Herr Roßbach, wer ist aus rein taktischer Sicht Unions wichtigster Spieler?

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Daniel Roßbach (31): Die Antwort ist leider nicht so spektakulär: Max Kruse. Er ist derjenige, der dazu beiträgt, dass das ganze System nicht nur defensiv funktioniert, sondern auch die offensive Stärke zum Tragen kommt.

Was ist typisch für Unions Spiel?

Unions Grundprinzip basiert darauf, dass sie in bestimmten Zonen Ballgewinne forcieren. Das ist bei Union ein defensives wie offensives Mittel, weil man durch diese Ballgewinnen schnell in die Umschaltaktion kommt. Kruse ist derjenige, der dafür sorgt, dass daraus gefährliche Szenen werden und die Chancenqualität hoch ist – jedenfalls für ein Team, das von der Statik her auf defensiver Stärke aufgebaut ist. Kruse stellt das Gegengewicht zur defensiven Grundstruktur Unions dar, das balancierende Gewicht.

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Was macht Max Kruse besser als andere, was macht ihn einzigartig?

Er hat die Fähigkeit, Situationen gefährlich zu machen, das liegt an seiner individuellen Qualität. Deshalb genießt er auch gewisse Freiheiten.


Sie sprechen jetzt nicht von Kruses Freiheiten, hin und wieder mal eine Shisha-Bar mehr besuchen zu dürfen. Welche Freiheiten erhält Max Kruse auf dem Platz?

Er ist am wenigsten auf eine Position festgelegt, bei ihm gibt es weniger konkrete Muster. Kruse erhält die Chance, sich Räume zu suchen, in denen er effektiv sein kann. Er hat das Gefühl für diese Räume, deshalb ist es sinnvoll, ihm diese Freiheiten zu geben. Egal ob er als zweiter Stürmer spielt oder als Zehner, er darf sich immer in verschiedenen Räumen anbieten. Er hat die Technik und die Übersicht, Bälle auf einem überdurchschnittlichen Bundesliga-Niveau zu verarbeiten, was dann zu gefährlichen Chancen führt. Er hat die technische Fähigkeit, auf engen Räumen Situationen aufzulösen. So kann er wieder Pässe spielen, die man aber auch erstmal erkennen muss. Kruses Qualitäten sind bei Union am schwierigsten zu ersetzen. Er ist immer dort zur Stelle, wo der Angriff gefährlich wird.

Früher hieß es, Stürmer sollen Tore schießen. Inzwischen müssen sie auch verteidigen. Wie sieht das bei Union aus?

Es gibt Phasen, da stehen Unions Stürmer tiefer, auf Höhe der Mittellinie. Und es gibt Phasen, in denen sie die gegnerischen Innenverteidiger anlaufen. So lenken sie das gegnerische Spiel in eine Bahn, in der Union Bälle gewinnen kann. Dafür müssen Unions Stürmer viel Laufarbeit leisten, immer wieder 20-, 25-Meter-Sprints machen. Da ist es wichtig, dass Kruse das physisch auch mitmachen kann.

Mit Robert Andrich hat Union seinen nach Kruse wohl wichtigsten Spieler verkauft. Inwiefern wirkt sich das – trotz bislang ordentlicher Ergebnisse – auf Unions Spiel aus?

Man hat zwischendurch gesehen, dass Andrichs vor allem spielerische Qualität zwischendurch gefehlt hat. Andrich hat die besondere Mischung aus Aggressivität gegen den Ball – manchmal auch gegen den Gegner – und spielerischer Klasse. Deswegen muss sein Wegfall nun von mehreren Spielern ausgeglichen werden. Grischa Prömel und Rani Khedira ergeben quasi zusammen einen Andrich.

"Was Union auf seinem Niveau aber besonders gut kann: Einen Fußball spielen, mit dem man nicht direkt Favorit ist"

Union gilt als abwehrstarke Mannschaft. Wie lässt sich dieser Defensiv-Stil am besten beschreiben?

Union erlaubt dem Gegner Ballbesitz in den langweiligen Zonen, die keine Gefahr für das eigene Tor herstellen. In den Zonen, wo Union Zugriff herstellen will, macht man das extrem konsequent. Das Kernelement besteht darin, dass die Spieler versuchen, Zugriff auf den Ball zu kriegen bevor der Gegner diesen kontrollieren kann. Jeder Einzelne erkennt, wann er in die notwendigen Zweikämpfe kommen kann. Ein markantes Stilmittel sind auch die herausrückenden Innenverteidiger. Man sieht öfters mal, dass zum Beispiel Marvin Friedrich die Offensivspieler bis in den gegnerischen Sechser-Raum verfolgt. Diese Defensivaktionen in der gegnerischen Hälfte sind wirklich auffällig.

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Liegen Union Topmannschaften, die offensiv spielen, besser als vermeintlich schlechtere, aber tiefer stehende Teams?

Auch gegen Haifa hat man am Ende hoch gewonnen, scheinbar geht auch das also irgendwie. Was Union auf seinem Niveau aber besonders gut kann: Einen Fußball spielen, mit dem man nicht direkt Favorit ist.

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Gibt es ein paar Dinge, die taktisch völlig anders sind als im Vorjahr?

Im letzten Jahr war es ja auffallend, dass die spielerische Komponente deutlich besser geworden ist im Vergleich zur Aufstiegssaison. Diese Entwicklung ist jetzt aus meiner Sicht nicht noch weiter vorangegangen – aber auch nicht gestoppt worden. Sogar gegen Dortmund hat es Union einige Male geschafft, Chancen durch die Mitte herauszuspielen. Die Kernkompetenzen, die Kernstrukturen, die sind im Vergleich mit der vergangenen Saison ähnlich – auch ohne Andrich. Bei Union lautet die Frage: Wie kriegen wir diesen Stil der vergangenen Saison immer wieder umgesetzt?

Das nächste Mal am Samstag im Heimspiel gegen Wolfsburg. Was ist aus taktischer Sicht von diesem Spiel zu erwarten?

Grundsätzlich könnte das Wolfsburger Spiel Union liegen. Ich denke, dass Wolfsburg Probleme hat, mit der Geschwindigkeit nach vorne zu spielen, die nötig wäre, um sich dem Druck Unions in den Angriffsräumen – dort, wo Union Duelle führen will – zu entziehen. Wenn man das gegen Union nicht schafft – mit hoher Qualität und Tempo durchzuspielen –, schafft es Union eben oft, in die Zweikämpfe zu kommen und nach vorne umzuschalten. Der VfL Wolfsburg könnte also ein gutes Opfer sein, wenn sie zu bräsig hinten raus spielen.