04. November 2021 / 10:18 Uhr

Union Berlin gegen Feyenoord Rotterdam: Wenn die Krawallmacher aufmarschieren

Union Berlin gegen Feyenoord Rotterdam: Wenn die Krawallmacher aufmarschieren

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
 Mutmaßliche Fans aus Rotterdam haben in der Nacht zum 3. November die East Side Gallery in Berlin mit dem Schriftzug Feyenoord versehen. Die Polizei ist auf Randale am Donnerstagabend rund um das Conference-League-Spiel vorbereitet.
Im Hinspiel setzte sich Feyenoord Rotterdam im heimischen Stadion De Kuip mit 3:1 gegen den 1. FC Union Berlin durch. © IMAGO/Matthias Koch/Getty (Montage)
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5200 Fußballfans aus Rotterdam erwartet der 1. FC Union zu seinem Heimspiel in der Conference League im Berliner Olympiastadion – nicht alle gelten als friedlich. Ein reines Feyenoord-Problem sei der Hooliganismus aber nicht, meint Fanforscher Harald Lange. Erste Ausschreitungen gab es bereits in der Nacht.

Die Berliner Polizei will vor dem Conference-League-Heimspiel des 1. FC Union am Donnerstag im Berliner Olympiastadion (21 Uhr/live bei TVNow) nicht viel preisgeben. Aus taktischen Gründen, wie es heißt. Fest steht ohnehin, dass die Lage angespannt sein wird. Der niederländische Traditionsverein Feyenoord gastiert in der Stadt – und mit ihm über 5000 Rotterdamer Fußballfans. Das Problem: nicht alle gelten als friedlich. "Natürlich machen wir uns Sorgen darüber, ob es gut geht. Wir fordern auch jeden auf, sich in Berlin gut zu benehmen. Sonst schaden sie dem Klub enorm", sagte Feyenoords Präsident Toon van Bodegom.

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800 Ordner schickt Union in und ums Olympiastadion. So viele habe man noch nie aufgeboten, sagte Kommunikationschef Christian Arbeit. Sie sollen dafür sorgen, dass die bis zu 30 000 Zuschauer – Europapokalrekord für ein Heimspiel des 1. FC Union – einen ruhigen Abend verleben. Eigentlich hätten die Berliner den Gästen lediglich rund 2500 Tickets zugestehen müssen, man sei dem Wunsch Feyenoords nach mehr Karten aber gerne nachgekommen, teilte Arbeit mit. Unions Ansatz sei immer, den Stadionbesucher in den Mittelpunkt zu stellen. Ein weiterer Aspekt: So habe man "den größten Teil der Gruppe im Stadion". Dass die weltbekannte East Side Gallery mit dem Schriftzug "Feyenoord" besprüht wurde, darf noch als harmlos gelten. Nebenschauplätze in der Stadt, wo die Kontrollen schwerer fallen als im Stadion, sollen jedenfalls vermieden werden.

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Am ersten Gruppenspieltag der Conference League gastiert der 1. FC Union Berlin am Donnerstagabend beim tschechischen Traditionsverein Slavia Prag und muss sich mit 1:3 geschlagen geben. Zur Galerie
Am ersten Gruppenspieltag der Conference League gastiert der 1. FC Union Berlin am Donnerstagabend beim tschechischen Traditionsverein Slavia Prag und muss sich mit 1:3 geschlagen geben. ©

Klar ist aber auch, dass beide Fanlager getrennt werden sollen. Eine Aufgabe, die der Berliner Polizei obliegt. Während die Union-Anhänger mit der S-Bahn anreisen sollen, wird der Feyenoord-Anhang mit U-Bahnen zum Olympiastadion delegiert. "Die Gespräche mit der Berliner Polizei waren in den letzten beiden Wochen intensiv", sagte Arbeit. "Es ist ein sehr umfangreiches Konzept. Die ersten Gespräche mit Feyenoord haben schon in Rotterdam begonnen." In weiser Voraussicht.

Bereits 71 Festnahmen

Am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag wurden 71 Anhänger von Union Berlin und Feyenoord Rotterdam in Gewahrsam genommen. Der Polizei zufolge sei am Mittwoch bereits eine Anzahl an Gästefans aus Rotterdam im unteren vierstelligen Bereich angereist. Sie sind bis in die Nacht regelmäßig in kleineren Gruppen zusammengekommen, haben viel Alkohol konsumiert und teilweise randaliert. Im Treptower Park und in Tempelhof waren größere Auseinandersetzungen geplant. Da die Polizei davon erfahren hatte, konnten die Einsatzkräfte zeitnah einschreiten und die vermeintlichen Anhänger beider Vereine festnehmen. Bei der Durchsuchung wurde unter anderem Pyrotechnik gefunden. Ob sie noch bis nach dem Spiel heute Abend in Gewahrsam bleiben, wird derzeit geprüft.

Bis in die Nacht gab es in ganz Berlin immer wieder kleinere Zusammenkünfte von Fans, teilweise wurde Pyrotechnik gezündet. Insbesondere am Hackeschen Markt stellten Gaststätten den Ausschank von Alkohol am Abend ein und schlossen frühzeitig. Verletzt wurde niemand.

Beim Hinspiel am 21. Oktober war es zu mehreren Auseinandersetzungen gekommen. Unter anderem attackierten Hooligans die offizielle Union-Delegation beim Besuch einer Bar. Tische und Stühle flogen, eine Person wurde mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert. Der 20. Oktober ist kein Einzelfall, Feyenoords Historie bietet etliche Kapitel von Fangewalt.


Vor allem der 23. März 1997 ist ein Tag, der unvergessen bleibt. In der Liga spielt Feyenoord bei AZ Alkmaar. Sportlich läuft es rund. In der Abwehr räumen Ronald Koeman und Giovanni van Bronckhorst auf, Henrik Larsson und Gaston Taumet schießen die Tore, Trainer Arie Haan notiert einen 2:0-Sieg.

Das eigentliche Duell findet aber bereits am Vormittag statt und trifft den niederländischen Fußball härter als die verlorenen WM-Endspiele 1974 und 1978. Denn am 23. März 1997 stirbt Carlo Picornie – und die Umstände sind tragisch. Nahe des 40 000-Einwohner-Städtchen Beverwijk tauchen an jenem Tag Feyenoord-Hooligans auf. Sie haben eine wichtige Verabredung und etwas mitgebracht: Hass, Hass, Hass. Der gilt den Hooligans des Erzrivalen Ajax Amsterdam, dessen Gruppierung "F-side" mit rund 150 Mann anreist. Die Rotterdamer bieten doppelt so viele Schläger auf. Später wird von der "Schlacht von Beverwijk" die Rede sein.

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Vergiftet ist die Atmosphäre zwischen beiden Lagern zu diesem Zeitpunkt schon lange. Als "Scheißjuden" beschimpft das Feyenoord-Klientel den Gegner, weil Amsterdam – das "Jerusalem Europas" – eine ausgeprägte jüdische Geschichte hat. Und darauf sind die Ajax-Fans stolz. Besonders perfide: 1994 stirbt Fernanda Obbes, die Ehefrau des damaligen Ajax-Trainer Louis van Gaal, an Krebs. "Krebsjuden", höhnen die Feyenoord-Hools daraufhin. Die Amsterdamer Szene kontert, indem sie an den Bombenangriff der Nazis im Mai 1940 auf Rotterdam erinnert und diesen mit Sprechchören feiert.

Den Worten folgen Taten. Von Eisenstäben über Baseballschläger und Messern ist am 23. März 1997 auf beiden Seiten alles dabei, was nicht zum Fußball gehört. Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, der Kampf auf der Wiese bei Beverwijk gerade mal fünf. Früh erkennen die Amsterdamer ihre Unterlegenheit und weichen.

Für den 36-jährigen Carlo Picornie kommt der Rückzug aber zu spät. Rotterdamer knüppeln ihn nieder, schlagen mit stumpfer Gewalt und harten Gegenständen auf ihn ein – bis Pocornie tot ist. "Fest steht: Seit der ,Schlacht von Beverwijk’ ist die Fußballwelt in den Niederlanden nicht mehr in Ordnung", schreibt die Zeitung Die Welt damals. „"Denn nach dem Tod des Ajax-Anhängers ,steht es nun 1:0 für Feyenoord’, stellen Ajax-Fans im Fußballjargon fest."

Der Hooliganismus in den 1990er-Jahren sei aber kein typisches Feyenoord-Problem gewesen, meint der Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg. Europaweit hätten häufig von Rechtsextremen unterwanderte Gruppen Anlässe für Straßenkämpfe gesucht, "das waren oft außersportliche Motive. Und an der dritten Halbzeit haben sich nicht nur sozial abgehängte Jugendliche beteiligt, sondern junge Männer aus allen Gesellschaftsschichten".

Carlo Picornie ist nicht das erste Opfer

Carlo Picornie ist in den Niederlanden das wohl bekannteste Opfer im Zusammenhang mit Fußballkrawallen – aber nicht das erste. Am 7. Dezember 1991 wird Erik Lassche, Fan von Twente Enschede, von einem Feyenoord-Hooligan erstochen. Der Täter wird gefasst und zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Heftige Krawalle im Feyenoord-Stadion "De Kuip" gibt es bereits in den 1970ern und 80ern. Am 29. Mai 1974 gastiert Tottenham Hotspur, ebenfalls ein Club mit ausgeprägter jüdischer Geschichte, zum Rückspiel des Uefa-Cup-Finales bei Feyenoord. Die Bilanz: 200 verletzte Personen.

Dass es auf europäischer Ebene immer wieder Ausschreitungen gibt, kommt für Lange wenig überraschend. Neue Wettbewerbe führten zu neuen Problemstellungen. Fanprojekte, die viel Präventivarbeit leisten, seien über die Ländergrenzen hinweg weniger gut verknüpft, für die Polizeiarbeit gelte ähnliches. "Der Sicherheitsaspekt muss europäisch mitgedacht werden, wenn immer mehr neue Wettbewerbe entstehen", fordert Lange.

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Die Feyenoord-Hooligans bestätigen seine Einschätzung. 2006 fallen sie in Nancy (Frankreich) negativ auf, 2015 in Rom, 2020 in Duisburg. 60 Personen setzt die Polizei in Duisburg fest und stellt neben Drogen auch Messer und Baseballschläger sicher. Wie damals, als Carlo Picornie bei der Schlacht von Beverwijk sein Leben ließ.