31. Oktober 2019 / 18:51 Uhr

Stadt-Derby Union Berlin gegen Hertha BSC: Früher Freunde, heute erbitterte Rivalen

Stadt-Derby Union Berlin gegen Hertha BSC: Früher Freunde, heute erbitterte Rivalen

Ronny Müller
Märkische Allgemeine Zeitung
Dieses Duell elektrisiert: Zuschauer aus beiden Teilen Berlins sind am 27. Januar 1990 ins Berliner Olympiastadion zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin gekommen.
Dieses Duell elektrisiert: Zuschauer aus beiden Teilen Berlins sind am 27. Januar 1990 ins Berliner Olympiastadion zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin gekommen. © imago images/Mausolf
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In den 70er und 80er Jahren gab es viele Freundschaften zwischen Union Berlin und Hertha BSC. Die meisten davon sind eingeschlafen. Heute dominiert Brisanz. Beim Derby am Samstagabend werden sogar Ausschreitungen befürchtet.

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Dirk Zingler musste zum Schul-Direktor und bekam einen Tadel. Als Neuntklässler hatte der heutige Präsident des 1. FC Union Berlin mit weißer Farbe einen Spruch auf die Klinker-Fassade der Schule geschrieben, der heute wie aus einer anderen Zeit klingt. „Hertha und Union – eine Nation“ hatte Zingler neben den Schuleingang gepinselt. Die Losung stand in den 70er und 80er Jahren für die Freundschaft der beiden Berliner Vereine, die zwar nur 30 Kilometer voneinander entfernt, aber durch die Mauer getrennt waren.

Erstes Duell in der Bundesliga

Am Samstagabend (18.30 Uhr, Sky) beim ersten Bundesliga-Derby zwischen Union und Hertha wird von der einstigen Harmonie kaum noch etwas zu spüren sein. Der 55-jährige Zingler feuerte das Spiel nach dem Aufstieg in die Bundesliga noch an. „Für mich ist das ein Derby, das steht für Rivalität, für Abgrenzung. Und für Fußball-Klassenkampf in der Stadt“, sagte Zingler. Worte, die seinem damaligen Lausbubenstreich widersprechen. Worte, die die einstmals engen Beziehungen der Fans überlagern. Herthas Manager Michael Preetz nahm den Fehdehandschuh nicht auf und antwortete cool: „Unser aller Auftrag auf beiden Seiten wird es sein, den Beitrag zu leisten, dass es friedliche Fußballfeste werden, wo die sportliche Rivalität im Mittelpunkt steht. Alles andere hat in diesem Zusammenhang nichts zu suchen.“ Der Diskussion, das Derby zum Mauerfall-Jubiläum am 9. November auszutragen, erteilte Zingler eine Absage. „Diesem Spiel eine Art Freundschaftsspielcharakter zu geben, nach dem Motto: Wir spielen jetzt hier einen auf deutsche Einheit, das finde ich absurd.“

In Bildern: So liefen die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin.

Wir haben für euch die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin zusammengefasst. Die Duelle der jeweiligen Vorgängervereine bis zur Gründung des 1. FC Union im Jahr 1966 werden jedoch außer Acht gelassen. Zur Galerie
Wir haben für euch die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin zusammengefasst. Die Duelle der jeweiligen Vorgängervereine bis zur Gründung des 1. FC Union im Jahr 1966 werden jedoch außer Acht gelassen. ©
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Vor dem Mauerfall 1989 kamen regelmäßig Hertha-Anhänger zu Unions Spielen nach Köpenick. Knut Beyer ist gebürtiger West-Berliner. Der Hertha-Fan fuhr etwa sechs mal pro Saison nach Köpenick und besuchte Freunde. „Wir haben nicht nur Fußball geguckt, wir sind auch um die Häuser gezogen“, erzählt der 58-jährige Stadtplaner. „Es war keine Fanfreundschaft im klassischen Sinne, eher auf persönlicher Ebene.“ Beyer sei auch zu Union-Auswärtsspielen mitgefahren. „Das war gefährlich, weil ich nur ein Visum für Ost-Berlin hatte. Das hätte Ärger geben können, aber ich habe es als Abenteuer empfunden.“ Manchmal sei er an der Grenze intensiv gefilzt worden, manchmal habe er kein Visum bekommen. Rund 100 Hertha-Fans begleiteten die Köpenicker im Mai 1988 ins damalige Karl-Marx-Stadt. Union schaffte durch einen 3:2-Sieg den Klassenerhalt in der Oberliga.

Union-Fans bei Herthas Europapokalspiele

Weil die Ostdeutschen nicht ins Olympiastadion durften, fuhren sie zu Herthas Europapokalspielen im Ostblock. Beim Uefa-Cup-Viertelfinalspiel bei Dukla Prag im März 1979 sollen die Hälfte der 30.000 Zuschauer Ost- und Westdeutsche gewesen sein. Erst im Halbfinale schieden die Berliner gegen Roter Stern Belgrad aus. „Man war neugierig aufeinander“, erzählt Beyer über die deutsch-deutschen Beziehungen. „Und wir haben an einem Punkt gleich getickt: Wir haben die Mauer nicht akzeptiert. Bei jedem Treffen hatten wir das Gefühl, dass wir die Stasi ausgetrickst und die Mauer überwunden haben.“

Mehr zu Union und Hertha

Am 27. Januar 1990 war die Mauer besiegt, Herthaner und Unioner feierten das sogenannte Wiedervereinigungsspiel im Olympiastadion. Hertha gewann vor 51 000 Zuschauern mit 2:1. Auch Dirk Zingler war dabei. „Es war ein großartiges Erlebnis.“ Der aus der DDR geflüchtete Axel Kruse traf bei seinem Debüt für Hertha. „Es war arschkalt und alle lagen sich in den Armen“, erinnert sich Kruse. „Ich fand es supergeil, dass die Hauptstadt-Clubs zusammenhalten.“

Der Ex-Unioner René Unglaube debütierte ebenfalls für Hertha: „Was auf dem Rasen passierte, war nebensächlich. Das Drumherum war sensationell, die ganze Stadt hat verrückt gespielt.“ Viele Fans trugen Schals mit Emblemen beider Clubs. Man sang „Eisern Berlin“ oder dass man zusammenhalten wolle wie der Wind und das Meer. Was man so singt, wenn die Gefühle Karussell fahren. Knut Beyer empfand die Atmosphäre als „sehr unverstellt, man hat sich aufeinander gefreut“. Doch der Wiedervereinigungssekt perlte nicht lange. Zum Rückspiel im August kamen nur noch 3800 Zuschauer ins Stadion An der Alten Försterei. „Die Wende war für beide Seiten ein Umbruch“, sagt Beyer, der das Buch „111 Gründe, Hertha zu lieben“ geschrieben und eine Fan-Initiative für ein neues Fußball-Stadion für Hertha gegründet hat. „Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Viele Fanfreundschaften sind eingeschlafen, weil der verbindende Gegner Mauer nicht mehr da war.“ Beyer bedauert den Bruch: „Wir hatten die einmalige Chance, etwas vorzuleben, was keiner hat.“

In Bildern: Seitenwechsel: Diese Spieler spielten für Hertha BSC und Union Berlin.

Das erste Hauptstadt-Derby in der Bundesliga zwischen Union Berlin und Hertha BSC steht an. Wir schauen, welche Spieler schon für jeweils beide Vereine gespielt haben. Zur Galerie
Das erste Hauptstadt-Derby in der Bundesliga zwischen Union Berlin und Hertha BSC steht an. Wir schauen, welche Spieler schon für jeweils beide Vereine gespielt haben. ©

Die beiden Vereine grenzten sich ab Mitte der 90er voneinander ab. Ihre Wege verliefen höchst unterschiedlich. Hertha startete später bis in die Champions League durch. Union stieg nach langem Anlauf erst 2001 in die 2. Bundesliga auf. Den Abstieg 2004 feierten auch Herthaner, die mit ihren Fanfreunden vom Karlsruher SC in die Alte Försterei gekommen waren. Union plumpste bis in die vierte Liga und war erst 2009 wieder zweitklassig. Im Januar 2010 hatten rund 200 Union-Fans Langeweile, weil ein Spiel in Rostock ausgefallen war. Sie stürmten ins Olympiastadion, wo Hertha gegen Bochum spielte, und beschimpften die „Alte Dame“ als Absteiger. Ein Aufschrei ging durch Berlin. Union-Boss Zingler sah sich zu einer Standpauke genötigt: „Dieser Auftritt im Olympiastadion war peinlich und dämlich.“

Drastische Worte von Unions Quiring

Auch in den Zweitliga-Duellen der Spielzeiten 2010/11 und 2012/13 dominierte das Konkurrenzgefühl über die einstigen Sympathien. Unions Christopher Quiring fluchte nach der 1:2-Heimniederlage im September 2012: „Wenn Wessis in unserem Stadion jubeln, krieg‘ ich das Kotzen.“ Später ruderte er zurück. Doch die Tonalität blieb. Während man im Olympiastadion „Scheiß Union“ rief, sangen die Köpenicker in Anlehnung an Herthas Hymne „Nur zu Hertha gehn wir nicht.“

Der Ex-Unioner Torsten Mattuschka war in allen vier Zweitliga-Duellen zwischen Hertha und Union dabei, mit einem Freistoß erzielte er im Februar 2011 im Olympiastadion den 2:1-Siegtreffer. Nun wünscht er sich einen besseren Umgang miteinander. „Was spricht denn dagegen? Warum müssen die Fronten so verhärtet sein, wenn man in einer Stadt lebt?“

In Bildern: Der große Vergleich von Hertha BSC und Union Berlin

Der große Vergleich der beiden Hauptstadtclubs. Zur Galerie
Der große Vergleich der beiden Hauptstadtclubs. ©

Der Verein „Hertha-Union-Freunde“ nimmt eine Mediatoren-Rolle ein. Sein Motto: „Fans und Anhänger beider Fußballvereine Hertha BSC und 1. FC Union Berlin wieder einander näher zu bringen, um eine friedliche und respektvolle Fankultur zu entwickeln.“ Doch sie sind in der Unterzahl. Mit Blick auf Samstag ist Knut Beyer etwas unwohl. „Ich ahne Böses“, sagt er und bezieht sich damit auf „jugendliche erlebnisorientierte Fankreise“. Es werden Ausschreitungen befürchtet. Auf den Fantribünen dominiert eine neue Generation. Viele kennen den Spruch „Hertha und Union – eine Nation“ gar nicht mehr.

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