30. September 2020 / 15:59 Uhr

Unions Ex-Torwart Jan Glinker über Karius, Luthe und alte Duelle: "Mit dem hat es auch mal geknallt und gescheppert"

Unions Ex-Torwart Jan Glinker über Karius, Luthe und alte Duelle: "Mit dem hat es auch mal geknallt und gescheppert"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Union-Legenden: Torsten Mattuschka, Jan Glinker, Uwe Neuhaus (von links).
Union-Legenden: Torsten Mattuschka, Jan Glinker, Uwe Neuhaus (von links). © dpa
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Urs Fischer, der Fußballtainer des 1. FC Union Berlin, hält sich in der brisanten T-Frage noch bedeckt. Unions Torwartlegende Jan Glinker hat sich derweil schon Karius' Instagram-Profil angeschaut und lobt Andreas Luthe. Außerdem spricht er im SPORTBUZZER-Interview über seine Degradierung bei den Eisernen 2012 - und warum er nun in der Brandenburger Landesliga spielt.

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Von 2002 bis 2014 spielte Jan Glinker 236 Mal für den 1. FC Union Berlin, davon 87 Mal in der zweiten Liga. Nach weiteren Stationen in Magdeburg, Nordhausen und Cottbus heuerte der Torwart im Sommer dieses Jahres bei Grün-Weiß Ahrensfelde in der Landesliga Nord an.

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Herr Glinker, hätten Sie damit gerechnet, dass Union mal den Torwart des englischen Meisters nach Köpenick holt?

Jan Glinker (36): Davon hätte wohl kaum jemand geträumt, der Aufschwung Unions war ja so nicht zu erwarten. Aber man hat über die Jahre kontinuierlich gearbeitet und jetzt ist der Verein eben an dem Punkt, wo solche Transfers halt möglich sind.



In Bildern: Die Torhüter von Union Berlin seit 2000.

Klickt euch durch die Torhüter von Union Berlin seit 2000. Zur Galerie
Klickt euch durch die Torhüter von Union Berlin seit 2000. © dpa

Können Sie sich vorstellen, dass Loris Karius bei Union mit einem Platz auf der Ersatzbank zufrieden wäre?

Ich vermute, dass er – allein schon vom Namen her, den er mitbringt – die Nummer eins wird. Aber Fußball ist immer noch ein Leistungsgeschäft. Andreas Luthe hat es in den bisherigen Spielen gut gemacht, Karius muss sich erst noch in die Sache hineinfuchsen und seine Leistung bringen. Klar ist: Wenn er stabil hält, wird er spielen – aber manchmal geht es eben auch schneller als man denkt. Luthe hat gezeigt, dass er es kann.

Müsste also Karius erst einmal der Herausforderer sein?

Ich gehe fest davon aus, dass Union Luthe gegenüber offen kommuniziert hat, dass noch jemand kommen könnte. Es geht um zu viel, deshalb hätte Union nicht nur auf ihn, Lennart Moser und einen A-Jugendlichen bauen können. Nur welche Kategorie da kommen würde, dürfte er noch nicht gewusst haben.

Bisher, Sie sagen es, hat Luthe gut gehalten. Wie schwer ist es, vielleicht auch psychisch, wenn dann plötzlich noch ein Konkurrent um die Ecke kommt und den Vorzug erhält?

Erstmal ist das schon ein Schlag, ganz klar. Er hat ja seine Leistung gebracht, das gezeigt, was von ihm erwartet wurde. Das muss der andere zunächst mal genauso gut hinkriegen. Ich habe Karius lange nicht mehr spielen und halten sehen, viele andere wahrscheinlich auch nicht. Und Luthe hat seinen Job erledigt. Beschissener wäre es für ihn aber gewesen, wenn er in den ersten Spielen nicht gut gehalten hätte. Dann würde es ihm schlechter gehen. So wird er mit der Situation ganz gut umgehen können, denke ich.

Bei Ihnen war die Situation 2012 ähnlich. Als der neue Torwart, Daniel Haas aus Hoffenheim, kam, waren Sie nur noch Nummer zwei. Der „Bild“ sagten Sie damals, Sie hätten von Ihrer Degradierung über die Internetseite Unions erfahren.

Ich wusste, dass noch jemand kommt, und dass es kein schlechter sein würde, das wusste ich auch. Mich hat damals gestört, dass ich meinen Stammplatz verloren habe, bevor die Saison begann. Sogar meine Rückennummer wurde mir weggenommen. Und da muss man ein Stück weit aufpassen, dass man so ein Torhüterduell am Leben hält. Der Trainer kann einen Favoriten bestimmen, aber die Chancen sollten für alle gleich sein – und das war bei mir damals nicht unbedingt der Fall. Das hat mich gestört.

Wie läuft so ein Torhüterduell ab, indem es nicht nur um einen Stammplatz geht, sondern auch um Zukunftsperspektiven, um finanzielle Aspekte?

Es geht um viel, das stimmt. Aber Torhüter sind Menschen, die mit solchen Situationen gut umgehen können, das dürfte auch für Luthe und Karius gelten. Beide sind lange genug im Profigeschäft, die werden sich nicht gegenseitig die Köppe abreisen.

Karius ist ein Spieler, der mit seiner Freundin Sophia Thomalla auch mal von den bunten Seiten lächelt, Luthe wirkt im Vergleich eher nüchtern, dazu die sechs Jahre Altersunterschied: Kann das atmosphärisch passen?

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Ich war diese Woche mal auf Karius’ Instagram-Profil, da ist in vielerlei Hinsicht eine ganze Menge los. Trotz alledem denke ich, dass Union darauf geachtet hat, dass es Charaktere sind, die zusammenpassen.

Andererseits haben beide Druck: Für Luthe dürfte es die letzte Chance sein, noch mal als Nummer eins bei einem Erstligisten zu glänzen, Karius steht seit seinen Aussetzern im Champions-League-Finale 2018 sowieso unter Beobachtung.

Ich finde es immer blöd, wenn man an einem Spiel bemessen wird. Klar, das war ein Knick in seiner Karriere, aber Karius hat ja schon in Mainz bewiesen, dass er ein guter Bundesliga-Torhüter ist. Und egal, wie das nun entschieden wird: Es wird für beide weitergehen.

Wer entscheidet denn nun, wer künftig Unions Nummer eins wird? Torwarttrainer Michael Gspurning, Cheftrainer Urs Fischer – oder Manager Oliver Ruhnert, weil er Karius nicht für die Bank geholt hat.

Letztendlich entscheidet immer der Cheftrainer, ganz klar. Und natürlich wird er eine Rückmeldung seines Torwarttrainers einholen, vielleicht auch noch eine von Böni (Sebastian Bönig, d. Red.) als Co-Trainer.

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Wie lief das Anfang der 2000er, als Sie zu Union kamen und mit Typen wie Sven Beuckert und Robert Wulnikowski konkurrierten?

Gerade Beuckert war ein Charakter, mit dem es auch mal geknallt und gescheppert hat. Speziell mit Wulnikowski. Der galt als besserer Torwart, Beuckert hatte das bessere Standing beim Trainer. Ich fand das damals als junger Spieler spannend zu sehen, wie so ein Profialltag abläuft, dass es da eben nicht immer die besten Freundschaften untereinander gibt. Aber abgesehen von Marcel Höttecke, mit dem es ab und an Reibereien gab, waren das allesamt Typen, mit denen ich super klar kam, ob nun Wulnikowski, Simon Henzler, und wer da noch so alles kam.

Sie sind immer noch im Torwartgeschäft, inzwischen bei Grün-Weiß Ahrensfelde in der Landesliga Nord in Brandenburg. Warum tun Sie sich das noch an?

Ich musste mich umstellen, aber das war mir ja bewusst. Es ging mir eben darum, dass ich nicht von jetzt auf gleich komplett runterfahre, sondern ein bisschen abtrainiere, um mich dann auf meine Torwarttrainer-Lizenz konzentrieren zu können. Wenn ich die abgeschlossen habe, zieht es mich wieder nach oben. Ich will mindestens in der Regionalliga einsteigen. Das Gute zurzeit ist: Ich spiele in meinem Ort und kann zu Fuß zum Training gehen.

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