03. November 2020 / 16:23 Uhr

Unions Trainer Urs Fischer spielt Russisch Roulette - aber für Fortgeschrittene

Unions Trainer Urs Fischer spielt Russisch Roulette - aber für Fortgeschrittene

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Deckel drauf: Unions Torschütze Cedric Teuchert (l.) jubelt mit Vorbereiter Max Kruse (M.) und Marvin Friedrich über 3:1 für die Gäste.
Deckel drauf: Unions Torschütze Cedric Teuchert (l.) jubelt mit Vorbereiter Max Kruse (M.) und Marvin Friedrich über 3:1 für die Gäste. © Uwe Aspach/dpa
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Beim 3:1-Sieg des 1. FC Union Berlin im Montagabend-Spiel der Fußball-Bundesliga bei der TSG 1899 Hoffenheim beweist Urs Fischer, dass die taktischen und personellen Wechsel seiner Mannschaft guttun. Der Erfolg hängt nicht nur mit dem wieder mal starken Max Kruse zusammen.

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Leere Fußballstadien sind nicht schön, haben aber eine schöne Akustik. Wenn die Fankurven schweigen, dröhnen die Befehle von Union-Trainer Urs Fischer laut über den Platz. Am Montagabend, als Fischers Berliner nach Toren von Max Kruse (60. Minute/Elfmeter), Joel Pohjanpalo (85.) und Cedric Teuchert (90.+4) 3:1 (0:0) bei der TSG Hoffenheim siegten, für die Munas Dabbur (80.) zwischenzeitlich ausglich, war das wieder so.

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„Move“, brüllte Fischer energisch und gut hörbar, weil er den Bewegungsradius seines Stürmers Taiwo Awoniyi in einer Szene für zu klein befand. Dabei bewegte sich Awoniyi insgesamt viel, tauchte oft an den richtigen Stellen auf, dort nämlich, wo es wahlweise brennt, klingelt oder scheppert, nur fehlte ihm das Glück. Ihm gelang kein Tor – anders als seinem Ersatzmann Pohjanpalo, der sich ab Minute 77 weniger, aber geschickter bewegte.

Union Berlin in Noten: Die Einzelkritik zum 3:1-Sieg gegen die TSG 1899 Hoffenheim.

<b>Torwart:</b> Andreas Luthe (1) Zur Galerie
Torwart: Andreas Luthe (1) ©

Ob solch glücklicher Fügungen stellt sich die Frage, ob sie nun für den Trainer sprechen, weil er ein glückliches Händchen bewiesen hat – oder gegen ihn, weil Pohjanpalo offenbar der effizientere der beiden Angreifer ist; hätte er also besser von Beginn an spielen müssen? Drei weitere Personalwechsel, die nicht zwingend schienen, hatte Fischer gegen Hoffenheim zudem vorgenommen, dazu das System verändert. Die neue Linie zeigt vor allem eines: dass der Coach seiner alten Linie treu geblieben ist. Er mag Wechselspiele, frische, ausgeruhte Kräfte.

Neben Pohjanpalo, der gegen Freiburg (1:1) und Schalke (1:1) begonnen hatte, setzte Fischer gegen Hoffenheim auch Sheraldo Becker auf die Bank, was viele Beobachter noch mehr überraschte. Becker hält in dieser Saison bislang all das ein, was sich der Club schon in der vergangen Saison von ihm versprochen hatte. Doch nach fünf Startelfeinsätzen in Folge saß er im Kraichgau 90 Minuten auf der Bank.

Stattdessen standen weniger etablierte Spieler wie Julian Ryerson, Florian Hübner, Sebastian Griesbeck und eben Taiwo Awoniyi in der Startelf. Und statt des zuletzt ansehnlich praktizierten 4-2-3-1-Systems mit hoch stehenden Außenverteidigern plus offensiven Flügelspielern bot Fischer am Montag drei Innenverteidiger auf. Die Flügelpositionen besetzte er mit den gelernten Defensivkräften Ryerson und Christopher Lenz. Im Mittelfeld stopften die drei Zentrumsspieler Christian Gentner, Robert Andrich und Griesbeck die Löcher. Was ein bisschen wie Russisch Roulette anmutete, hat Methode: Fischer will das Berliner Spiel flexibel halten – und den Konkurrenzkampf hoch.

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Gegen Hoffenheim funktionierte das, defensiver ausgerichtet war Union, kompakter. Taktik- und Personalwechsel fruchteten. Ein Leistungsabfall blieb aus, obwohl Awoniyi teils beste Chancen liegen ließ und Union über Ryersons rechte Seite wenig Angriffswucht entwickelte. Trotz der geringeren Zahl an gelernten Offensivkräften kam Union aber zu guten Torchancen.

Das lag vor allem an Max Kruse, aber eben nicht ausschließlich, wie Fischer fand: „Ich glaube, er alleine macht den Unterschied nicht. Er braucht auch seine Mitspieler, um den Unterschied zu machen. Aber natürlich hat man beim 2:1 und 3:1 die Qualität von Max gesehen.“ Nach dem 3:1-Sieg steht aber vor allem fest, dass der Fischer-Move wieder mal ein guter für Union war.