16. Mai 2019 / 20:41 Uhr

Union Berlin: Vom Underdog zum Vorbild für die Ost-Vereine

Union Berlin: Vom Underdog zum Vorbild für die Ost-Vereine

Matthias Koch
Märkische Allgemeine Zeitung
Unions Maskottchen Ritter Keule zeigt schon mal die Richtung an, in die es gehen soll.
Unions Maskottchen Ritter Keule zeigt schon mal die Richtung an, in die es gehen soll. © Foto: Andreas Gora/dpa
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2. Bundesliga: Union Berlin winkt nach einem Jahrzehnt der Aufstieg. Wie haben es die Köpenicker so weit gebracht?

Am Donnerstagmorgen ist es frisch in Berlin-Köpenick. Es nieselt im Stadion An der Alten Försterei, wo der Fußball-Zweitligist 1. FC Union Berlin zu Hause ist. Kurz nach 7 Uhr schlägt Trainer Urs Fischer auf. Das passiert aber nicht deshalb, weil Union am Sonntag (15.30 Uhr) im Auswärtsspiel beim VfL Bochum erstmals in seiner 53-jährigen Vereinsgeschichte in die 1. Bundesliga aufsteigen kann. Fischer genießt es, vor dem Eintreffen der Spieler in Ruhe in den Tag hinein arbeiten zu können. Es spricht für das akribische Handwerk, das Fischer seit seinem Amtsantritt im Sommer 2018 vorlebt. Der Schweizer ist kein Entert(r)ainer. Er bleibt immer ruhig und sachlich.

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Der große Parkplatz vor der Haupttribüne ist bereits gesperrt, weil hier am Sonntag das Spiel der Eisernen in Bochum auf zwei Großbildleinwänden live übertragen wird. Der Verein rechnet mit mehreren Tausend Menschen beim Public Viewing. In Bochum werden es über 5000 Fans sein, die auf einen Sieg ihrer Mannschaft und einen zeitgleichen Ausrutscher des SC Paderborn bei dessen Begegnung bei Dynamo Dresden hoffen. In Köpenick ist das Aufstiegsfieber ausgebrochen. „Union, du wirst siegen, glaub’ an dich und es wird wahr, die 1. Bundesliga ist für uns zum Greifen nah“, heißt es in einem der immer lauter werdenden Fangesänge.

Erfolgreichste Union-Elf seit dem Mauerfall

Der Tabellenzweite Paderborn hat vor dem Fernduell mit Union einen Zähler mehr auf dem Konto. Doch selbst, wenn Union Dritter bleiben sollte, ist der Aufstiegstraum nicht geplatzt. Dann kann das Oberhaus noch über zwei Relegationsspiele am 23. und 27. Mai gegen den VfB Stuttgart erreicht werden. „Die Mannschaft hat eine hervorragende erste Halbserie gespielt. Leider waren in der zweiten Saisonhälfte ein paar Hänger drin. Die Spieler haben sich aber die Möglichkeit erhalten, in die 1. Bundesliga aufzusteigen“, sagt der frühere Union-Trainer und ehemalige DDR-National-Coach Heinz Werner.

In Bildern: 50 ehemalige Spieler von Union Berlin – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Union Berlin. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Union Berlin. ©

Die aktuelle Union-Elf ist jetzt schon die erfolgreichste seit dem Mauerfall. Rang zwei oder drei bedeuten die beste Platzierung in 13 Zweitligaspielzeiten. Bisher hielt Trainer Jens Keller 2016/17 mit Platz vier den Rekord. Auch wenn Union im Gegensatz zu Paderborn nicht so attraktiv spielte, sprechen viele Zahlen für die Elf von Kapitän Christopher Trimmel. Mit lediglich 31 Gegentreffern stellt Union die beste Abwehr der Liga. Zu Hause ist das Team eine Macht. 38 Punkte wurden von keinem anderen Verein erreicht. Union kassierte seine fünf Niederlagen alle in der Rückrunde. Aber niemand verlor weniger als die Wuhlheider. Zu den Leistungsträgern gehören Torwart Rafal Gikiewicz, die Innenverteidiger Marvin Friedrich und Florian Hübner, Mittelfeldmann Grischa Prömel sowie die beiden Angreifer Sebastian Andersson und Sebastian Polter.

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Union steht dicht davor, der 56. Bundesligaverein zu werden. Lässt man das vor zehn Jahren künstlich entstandene Konstrukt von RB Leipzig außen vor, hat sich Union zum Vorzeigeverein im Osten gemausert. Zu DDR-Zeiten war der von staatlicher Seite eher ungeliebte und weniger hofierte Verein ein kleines Licht. In Berlin stand Union sportlich im Schatten des DDR-Rekordmeisters BFC Dynamo, zu dem Union viele seiner besten Akteure „delegieren“ musste. In der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga rangiert die Fahrstuhlmannschaft Union nur auf Platz 14. Der bis heute einzige nationale Titel ist der FDGB-Pokalsieg von 1968. Viele einstige ostdeutsche Spitzenklubs schauen nun neidisch auf den einstigen Underdog, der mit zehn Jahren Verweildauer im Unterhaus aktuell der Zweitliga-Dino ist.

Mehr Mitglieder als Plätze im Stadion

Eine große und treue Gemeinde hatte Union schon immer. Die Fans sind seit Jahrzehnten der größte Werbeträger des Vereins. Union-Anhänger pfeifen ihre Spieler nicht aus. Sie reisen zu tausenden durch die Lande. Sie spenden Geld, wenn es dem Verein schlecht geht. Viele von ihnen stehen in der Alten Försterei auf Stufen, die sie in der Phase des Stadionbaus 2008/09 selbst gegossen haben. In den letzten Jahren ist der Verein explodiert. Zum Weihnachtssingen kommen inzwischen fast 30 000 Menschen. Mit mehr als 22 000 Mitgliedern hat Union jetzt mehr eingetragene Fans als ins eigene Stadion passen. „Der Verein muss expandieren. Für die Bundesliga wäre ein größeres Stadion schon nicht schlecht“, sagt Filmrechtehändler und Union-Sponsor Michael Kölmel.

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Die Ausbaupläne präsentierte Union vor fast zwei Jahren. Die Alte Försterei soll auf knapp 37 000 Plätze erweitert werden. Für das 38-Millionen-Euro-Projekt hat der FCU aber noch keine Baugenehmigung. Hauptproblem ist der Verkehr. Die historisch erste Bundesligasaison soll ohnenhin nicht auf einer Baustelle stattfinden, selbst wenn die Bagger kurzfristig anrollen könnten. Kölmel engagiert sich seit 21 Jahren bei Union. In den wilden 1990er und 2000er Jahren rettete auch sein Geld den Verein mehrfach vor dem wirtschaftlichen Untergang. Nach mehrmaligem Scheitern in der Relegation zur 2. Liga gab es zwischen 2001 und 2004 eine erste Phase in der 2. Liga. 2001 erreichte Union sogar das DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04 (0:2), nach dem man auch als Verlierer im Uefa-Cup spielen durfte. Dem Hoch folgte allerdings der jähe sportliche und wirtschaftliche Fall. 2005/06 spielten die Eisernen nur noch in der vierten Liga.

„Kopf aus, Herz an – Alles kann, nix muss“

In den fast 15 Jahren der Präsidentschaft von Dirk Zingler seit Sommer 2004 hat sich der Klub jedoch weiter stabilisiert. Seit Jahren gibt es von der DFL die Lizenz ohne Auflagen und Bedingungen. Im Geschäftsjahr 2017/18 überschritt der Etat erstmals die 40-Millionen-Marke. „Wir wachsen weiterhin in allen Bereichen und steigern unsere Erträge“, sagte Dirk Zingler. Für die laufende Saison 2018/19 rechnet Union mit Einnahmen von 47,07 Millionen Euro. In Bezug auf die Lizenzspieler-Abteilung stiegen die Ausgaben von 14,61 Millionen Euro (2017/18) auf 16,32 Millionen Euro (2018/19).

Der 1. FC Union bietet im Liga-Maßstab schon sehr ordentliche Gehälter. Mit dem Bundesliga-Aufstieg würde sich das für alle Beteiligten auszahlen. Die meisten Stammspieler besitzen ohnehin einen Vertrag über das Saisonende hinaus. Viele von ihnen dürften sich im Aufstiegsfall auch gegen den FC Bayern München und Borussia Dortmund beweisen. Und wenn es doch nicht mit dem Aufstieg klappen sollte, werden die Köpenicker einen neuen Anlauf nehmen. „Kopf aus, Herz an – Alles kann, nix muss“, stand auf einem Transparent, das Anhänger kürzlich am Trainingsgelände angebracht hatten. Die Bundesliga und Union – irgendwann wird es zusammenpassen. Die Chance darauf ist so groß wie nie zuvor.

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