17. April 2020 / 14:10 Uhr

Die Unterschätzten vom 96-Aufstieg 1985 – Surmann: „Wären für den anderen durchs Feuer gegangen“

Die Unterschätzten vom 96-Aufstieg 1985 – Surmann: „Wären für den anderen durchs Feuer gegangen“

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Aufstiegshelden: Kapitän Bernd Thiele (von links), Torwart Ralf Raps, Bastian Hellberg, Uwe Ronge, Michael Gue, Miroslav Vjetrovic, Martin Giesel, Mathias Kuhlmey, Frank Hartmann, Franz Gerber und als Letzter in der Reihe Karsten Surmann.
Die Aufstiegshelden: Kapitän Bernd Thiele (von links), Torwart Ralf Raps, Bastian Hellberg, Uwe Ronge, Michael Gue, Miroslav Vjetrovic, Martin Giesel, Mathias Kuhlmey, Frank Hartmann, Franz Gerber und als Letzter in der Reihe Karsten Surmann. © imago images
Anzeige

Die Corona-Krise überlagert den Sport, für fast alle gilt die Zwangspause. Dafür bleibt Zeit, mal zurückzublicken auf frühere 96-Tage. Wir haben mit ehemaligen Profis über ihren schönsten 96-Moment gesprochen, über die besten Mitspieler und darüber, was sie heute tun. Karsten Surmann erzählt vom überraschenden 96-Aufstieg im Jahr 1985 und wie die Mannschaft, die als Abstiegskandidat galt, das geschafft hat.

Anzeige
Anzeige

Der Bus bahnt sich umsichtig seinen Weg in Zentimeterarbeit über die Wiese vor das Vereinsheim an der Clausewitzstraße. Tausende und Abertausende Fans stehen im direkten Weg, drücken an die Türen, klopfen an die Fenster. Sie lachen, sie singen, sie feiern. Freudige Emotionen, ausgelassene Stimmung – im Inneren wartet eine überwältigte Mannschaft, die sich dieses spektakuläre Bundesliga-Finale im Traum nicht hätte ausmalen können. Der Kalender zeigt den 9. Juni 1985 – Hannover 96 ist in die Spielzeit als Abstiegskandidat gestartet und steht nun, knapp ein Jahr später, als Aufsteiger vor einer rauschenden Siegesnacht.

"Dieses Ausgelassene, diese pure Freude"

Werner Biskup, der legendäre Knallhart-Trainer, schnappt sich das Megafon und treibt die Menge in seiner geschätzten Klarheit auseinander. Alsbald öffnet sich eine Schneise, die durch die Wucht der Massen in Wellenbewegungen einen schmalen Gang freigibt und im nächsten Augenblick wieder schließt.

Karsten Surmann hat mit seinen damals 26 Jahren nichts vergleichbares erlebt. Nase an Nase steht er mit den frenetischen Anhängern. Gänsehaut. „Dieses Ausgelassene, diese pure Freude – wir hatten keine Angst oder Sorge, dass wir hier nicht durchkämen. Wir haben diesen Erfolg zusammen genossen“, sagt er und weiß noch so manch weitere Anekdote zu berichten, nachdem der 96-Tross müheselig das Vereinsheim erreicht und im Inneren unter sich das Aufstiegsstück begossen hat.

Bilder: Sieben Jahrzehnte Fans von Hannover 96

Bilder aus sieben Jahrzehnten 96-Fans. Zur Galerie
Bilder aus sieben Jahrzehnten 96-Fans. ©

Zuckerbrot und Peitsche

Es ist die typische Geschichte einer unterschätzten Mannschaft, auf die niemand etwas gibt. 14 Spieler groß war der Kader zu Saisonstart gerade einmal – undenkbar in den heutigen hochprofessionalisierten Zeiten. Sie einte die Jugend, der Wille – und mit Werner Biskup schaffte es „ein sensationeller Trainer mit Zuckerbrot und Peitsche“, wie Karsten Surmann beschreibt, eine Einheit zu bilden, die Schwächen im Kollektiv wegsteckte.

Der heute 60-jährige Surmann zieht den Vergleich mit der Moderne. „Werner Biskup war streng und ausfallend. Heute wäre jeder Spielerberater sofort beim Präsidenten, wenn es diesen Trainertyp noch gäbe.“ Biskup habe trotz aller privaten – wie nennen wir es einmal –, didaktischen Probleme „etwas dargestellt. Darüber reden wir noch heute, wenn wir zusammensitzen.“

In dieser Runde sind 96-Heroen wie Frank Hartmann dabei, Michael Gue, Matze Giesel, Maxi Heidenreich, Franz Gerber, Bastian Hellberg und eben jener Karsten Surmann, der damals die Saison über als Rechtsverteidiger agierte. Nicht seine Lieblingsposition, den Drang nach vorn vermochte auch Biskup nicht zu bremsen.

Karsten Surmann leitet heute eine Fußballschule.
Karsten Surmann leitet heute eine Fußballschule. © Peter Heller
Anzeige
Mehr über Hannover 96

"Das ist mein 96-Moment"

Drei Spieltage vor Schluss steht 96 auf Tabellenplatz drei – Relegation. Nach einem 4:1-Sieg gegen Darmstadt klettert 96 auf Rang zwei. Der Aufstieg – zum Greifen nahe. Es folgt die Partie gegen Hessen Kassel, Topfavorit, Tabellenführer und nach 27 Minuten bei 30 Grad mit 2:0 in Führung. „Wir haben alles oder nichts gespielt, Kassel hatte sich schon als Sieger gefühlt.“ Fred Schaub und Matze Giesel stellen den Ausgleich her. 96 erkämpft sich sein Finale. Vier Teams machen den Aufstieg unter sich aus: Saarbrücken, Nürnberg, Kassel und Hannover. Für 96 steht fest: ein Heimsieg gegen Hertha BSC reicht, Nürnberg spielt direkt gegen Kassel.

64000 Fans strömen in das altehrwürdige Niedersachsenstadion. Auf den Holzbänken quetschen sie sich dicht an dicht und erleben das rote Fußballmärchen. Ein Eigentor und der nach der Saison zu den Bayern wechselnde Frank Hartmann sichern die Sensation – und damit die wohl spektakulärste Busfahrt im Leben von Karsten Surmann.

„Das ist mein 96-Moment“, sagt Surmann, der heute erfolgreich seine Fußballschule leitet und nach wie vor eng mit Hannover verbunden ist – und bleibt. „Naja, es ist einer von meinen zwei ganz großen 96-Momenten. Da gab es ja auch noch diesen Pokalsieg“, sagt der Mannschaftskapitän und muss schmunzeln.

Frank Hartmann feiert seinen Treffer zum 2:0 gegen Hertha.
Frank Hartmann feiert seinen Treffer zum 2:0 gegen Hertha. © imago images/Rust

Ein Beispiel für heute

Das Geheimnis damals, im Juni 1985, war das große Ganze. Kein Einzelsportler mit eigenen Interessen, kein Schaumschläger. „Wir wären für den anderen durchs Feuer gegangen. So kann man eben auch als schwächere Mannschaft aufsteigen.“ Die Mannschaft damals ist ein gutes Beispiel für heute. Hannover 96 hat vor dem Corona-Aus gezeigt, wie wichtig, vor allem wie sensibel das intakte Mannschaftsgefüge ist. Anfang der Saison, eine Elf aus Bundesliga-Absteigern, die im Sommer am liebsten zu anderen Vereinen geflüchtet wären.

Im März eine Einheit, „die erkannt hat“, sagt Surmann. „Ja, hier geht was.“ Eine Botschaft, die der Pokalheld von einst Trainer Kenan Kocak mitgibt. Struktur schaffen, Personal nach einer Philosophie aussuchen, um dann über sich hinauszuwachsen. Surmann hat es erlebt, in seinem besonderen 96-Moment.