04. April 2021 / 13:02 Uhr

Urs Fischer im Porträt: Von der "beleidigten LeberwURSt" zum erneuten Derbysieger mit Union Berlin?

Urs Fischer im Porträt: Von der "beleidigten LeberwURSt" zum erneuten Derbysieger mit Union Berlin?

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Urs Fischer ist nach Querelen in Basel endlich angekommen – bei Union und generell als Trainer.
Urs Fischer ist nach Querelen in Basel endlich angekommen – bei Union und generell als Trainer. © IMAGO/Geisser/Christian Schroedter (Montage)
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Urs Fischer und die Eisernen von Union Berlin - das scheint zu passen. Der Schweizer ist angekommen - sowohl in der Bundesliga als auch als Trainer generell. Der 55-Jährige hatte als Coach in der Schweizer Liga mit einigen Unwägbarkeiten zu kämpfen.

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Demut ist vermutlich der Begriff, den man am häufigsten hört, wenn man mit Leuten über Urs Fischer spricht. Über den Schweizer Trainer, der den 1. FC Union Berlin vor zwei Jahren erstmals in der Klubgeschichte in die Bundesliga geführt hat und mit den "Eisernen" in diesem Jahr nicht nur die Klasse halten wird, sondern nur zwei Punkte hinter den europäischen Plätzen liegt – 14 Zähler vor dem Stadtrivalen. Dennoch geht er auch das Derby gegen den eigentlich großen Nachbarn Hertha BSC (Sonntag, 18 Uhr, Sky) natürlich demütig an.

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Solche Erfolge hätten andere Trainer auf Wechselgedanken gebracht, Fischer nicht. "Ich fühle mich bei Union sehr wohl. Ich glaube, das ist auch eine Qualität, die nicht zu unterschätzen ist: nicht immer nur nach Höherem streben, sondern, wenn vieles aufgeht, das zu schätzen wissen, was man hat", sagte der 55-Jährige bei seiner jüngsten Vertragsverlängerung bis 2023. Tatsächlich nimmt man ihm diese Aussagen ab. Fischer und Union – das scheint zu passen.

"Wenn es um Werte geht, haben der Verein und ich die gleichen Vorstellungen", begründet der Coach diese Symbiose. Wenn es um ihn geht, sagen viele Weggefährten, sei es seine größte Qualität, dass er sich nicht wichtig nehme. Fischer hat ein einnehmendes Organ. Er redet extrem laut, sorgt damit aber vor allem für das Gegenteil: Ruhe. Er stellt die Sache stets über persönliche Interessen – eine Eigenschaft, die in der Fußballbranche nicht auf viele Protagonisten zutrifft.

Fischer trotz Double beim FC Basel gefeuert - aus kuriosem Grund

Schon als Spieler fiel der gelernte Innenverteidiger nie durch seine besonderen Begabungen auf, sondern durch harte Arbeit. Er arbeitete sich im klassischen Sinne nach oben, genau wie später als Trainer. Fischer übernahm stets Verantwortung, wurde ein echter Anführer. Er machte 545 Spiele (15 Tore) in der Schweizer Super League für den FC Zürich und den FC St. Gallen, wurde Nationalspieler und durfte in einem seiner vier Länderspiele 1990 sogar gegen Diego Maradona ran. Fischer erlangte Kultstatus und blieb doch immer auf dem Boden.

Als er "seinen" FC Zürich, bei dem er zuvor im Nachwuchs gearbeitet hatte, 2010 als Chefcoach übernahm und gleich zur Vizemeisterschaft führte, wurde sein Konterfei auf die Dauerkarten gedruckt. "Einer von uns" hieß es auf einem Banner in der Kurve – ein halbes Jahr später wurde Fischer entlassen.

Den kleinen FC Thun brachte er sensationell in die Gruppenphase der Europa League. Mit dem FC Basel wurde er zweimal Meister und gewann 2017 das Double – danach wurde er trotz Vertrags gefeuert, weil den neuen Klubbossen nicht gefiel, dass eine FCZ-Legende auf der Bank saß. Ungefähr so, als hätte Nobby Dickel den FC Schalke 04 zur Schale geführt.

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Wenn sich Fischer ungerecht behandelt fühlt, kann er zutiefst beleidigt sein

Dass Fischer trotz zahlreicher Angebote anschließend ein Jahr wartete, bis er einen neuen Job übernahm, und sich das Gehalt bis zum letzten Tag auszahlen ließ, passt ebenfalls zu seinem Charakter. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, kann er nämlich nicht nur stur sein, sondern auch zutiefst beleidigt. Weil er seiner Meinung nach in den Medien immer zu schlecht wegkam, gab er der Neuen Zürcher Zeitung 2017 ein Interview, in dem er sich bitter beklagte: "Es ist schwierig, wenn dich ein Journalist in der Zeitung fertigmachen will. Und ich sage bewusst fertigmachen." Der Blick machte ihn danach zur "beleidigten LeberwURSt". In Köpenick soll er lockerer geworden sein und offener. Sogar mit einem Enfant terrible wie Max Kruse kommt er bestens aus.

Kritiker behaupten, Fischer sei taktisch limitiert, würde sich immer für Sicherheitsfußball statt für risikoreichen Offensivfußball entscheiden. In seiner Heimat sind sich die Experten aber einig, dass er eines Tages Nationaltrainer wird, sogar werden muss. Weil er die Schweizer Tugenden verkörpert wie kaum ein anderer. Und vielleicht passt er genau deshalb auch so gut zu Union.