15. Januar 2021 / 06:44 Uhr

Urteil erwartet: Die Hintergründe zum Aderlass-Prozess um Doping-Arzt Mark S.

Urteil erwartet: Die Hintergründe zum Aderlass-Prozess um Doping-Arzt Mark S.

Tom Mustroph
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ihm droht Haft: Doping-Arzt Mark S. (2. von rechts) bekommt heute das Urteil im Aderlass-Prozess.
Ihm droht Haft: Doping-Arzt Mark S. (2. von rechts) bekommt heute das Urteil im Aderlass-Prozess. © Verwendung weltweit
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Im Dopingprozess gegen den Mediziner Mark S. und vier Helfer verkündet das Landgericht München II an diesem Freitag das Urteil. Nach 23 Tagen Beweisaufnahme entscheidet die Strafkammer, ob der Arzt und seine Komplizen wegen jahrelangen Blutdopings an mehreren Winter- und Radsportlern schuldig sind.

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Zuweilen hat die Justiz Sinn für Timing. Fast exakt zwei Jahre nach Ausstrahlung der Dopingbeichte des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr in der ARD-Doku „Gier nach Gold“ spricht das Münchner Landgericht am Freitag das Urteil im „Aderlass“-Prozess gegen den Erfurter Dopingarzt Mark S. und dessen vier deutsche Helfer.

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Am 17. Januar 2019 packte Dürr gegenüber dem Investigativjournalisten Hajo Seppelt aus. Er schilderte, wie er sich Blut abnehmen und wieder zuführen ließ und welche Präparate er zu sich nahm. Hintermänner mochte er damals nicht nennen. Gegenüber österreichischen Dopingfahndern packte er aber aus. Und die organisierten die spektakuläre Razzia sechs Wochen später bei der Ski-WM in Seefeld. Praktischerweise warteten die Fahnder ab, bis der Kopf des Netzwerks, eben S., in die Heimat zurückreiste. So hatte auch die Dopingstaatsanwaltschaft München ihren richtig großen Fall.

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Über den wurde 23 Prozesstage lang verhandelt. In jenem Saal, in dem zuvor der NSU-Prozess stattfand, allerdings unter Corona-Regeln. Plexiglasscheiben trennten Ankläger, Verteidiger und Angeklagte.

Ohne tätige Mithilfe der Angeklagten hätte es den Prozess in dieser Form gar nicht gegeben. Auf 90% der Anklage relevanten Informationen schätzte sogar Staatsanwalt Kai Gräber die ausgelesenen Daten auf den Handys und Computern des Hauptangeklagten S. ein. Die Passwörter rückte S. freiwillig heraus. Das Handy mit der slowenischen Simkarte, auf dem die meisten Dopingchats gespeichert waren, hatte S. Lebensgefährtin den Ermittlern nachträglich übergeben. Die hatten es bei der Hausdurchsuchung offenbar übersehen.

Aus den Chats und den ergänzenden Geständnissen destillierte die Staatsanwaltschaft insgesamt 189 Einzeltatbestände heraus. Sie reichten von einer Bluttranfusion beim österreichischen Skilangläufer Johannes Dürr im Februar 2014 in Innsbruck kurz vor dessen Abflug zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi bis zu einer Blutrückführung beim kasachischen Skisportler Alexei Poltoranin am 17. Februar 2019 in Italien. All diese Einzeltaten wurden zu insgesamt 26 Tatkomplexen bei 12 Sportlern zusammengefasst. Sieben von ihnen waren im Wintersport aktiv, vier im Radsport, eine in der Leichtathletik. Mindestens 30 Personen gehörten zum Netzwerk, so viele verschiedene Personen identifizierte zumindest die IT-Sachverständige der Anklage. Bei manchen Sportlern, etwa beim italienischen Radstar Alessandro Petacchi und dem einstigen Lausitzer Top-Sprinter Danilo Hondo, waren die Delikte bereits verjährt. Für andere Namen reichten offenbar die Beweise nicht. Staatsanwalt Gräber verwies jedenfalls vor dem Start der Tour de France 2020 auf einen zu jenem Zeitpunkt immer noch aktiven Radprofi. In der Beweisführung tauchte ein solcher Athlet aber nicht auf.

Staatsanwaltschaft fordert Haft und Berufsverbot

Die einzelnen Delikte, die die Staatsanwaltschaft vortrug, bestritt auch die Verteidigung nicht. Nur in der Bewertung der Taten lagen beide Seiten in ihren Plädoyers weit auseinander. Die Verteidigung hielt eine Haftstrafe von unter drei Jahren für den Hauptangeklagten für angemessen. Sie forderte angesichts der fast zweijährigen Untersuchungshaft auch sofortige Haftentlassung. Staatsanwalt Gräber hingegen forderte fünfeinhalb Jahre Gefängnis und zusätzlich fünf Jahre Berufsverbot.

Hinter dem Zahlenspiel – für den Angeklagten sind es mehr als nackte Zahlen – steckt juristische Brisanz. Neigt sich das Gericht mehr der Verteidigung zu, bedeutet das, dass es der Argumentation folgt, bei Straftaten in mehreren Ländern stets den jeweils geringstmöglichen Strafrahmen eines dieser Länder anzuwenden. Folgt es hingegen der Staatsanwaltschaft, etabliert dieser Musterprozess ein gehöriges Abschgreckungszenario für Hippokrates-Jünger auf Abwegen. Zwei Jahre nach dem TV-Geständnis von Johannes Dürr wird Sportjustizgeschichte geschrieben.