23. November 2021 / 17:25 Uhr

Urteil pro Steffen Ludwig: Landesfußballverband muss Schiedsrichter wieder einsetzen

Urteil pro Steffen Ludwig: Landesfußballverband muss Schiedsrichter wieder einsetzen

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Schiedsrichter Steffen Ludwig (l.), Schiri-Chef Torsten Koop und LFV-Präsident Joachim Masuch (r.)
Schiedsrichter Steffen Ludwig (l.), Schiri-Chef Torsten Koop und LFV-Präsident Joachim Masuch (r.)
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Zuletzt stritten der Landesfußballverband und Steffen Ludwig vor Gericht. Das Schiedsrichterverbot für den Rostocker wurde Beschluss aufgehoben. Abgeschlossen scheint der Fall damit nicht. 

Steffen Ludwig darf nach viermonatiger Zwangspause wieder Fußballspiele leiten. Der Unparteiische wurde vor der Saison von der Schiedsrichterliste gestrichen. Der Landesfußballverband MV (LFV) hatte ihm mehrere Fehlverhalten vorgeworfen. Dagegen klagte der 46-Jährige. Anfang November kippte das Verbandsgericht die Entscheidung des Schiedsrichterausschusses (VSA). Das Urteil: Die Streichung ist mehrfach fehlerhaft. Der Gerichtsbeschluss ist eine „Ohrfeige“ für den Verband, meint die Siegerseite des Rechtsstreits. LFV-Sprecher Robert French entgegnet: „Dass das Verbandsgericht die Entscheidung, für die es seinerzeit dringende Beweggründe gab, revidiert hat, ist weder ein Rückschlag noch eine ‚Ohrfeige‘. Es ist schlichtweg das Ergebnis der Anwendung gültiger Rechtsmittel, welches natürlich anerkannt wird.“

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Ludwig wurde umgehend wieder in die Schiedsrichterliste aufgenommen. Unterstützer Ludwigs warten noch auf eine Reaktion des Verbands. „Nach dem Urteil liegt einiges in Scherben. Intern geht das nicht mehr aufzukehren. Daher fordere ich klipp und klar: Der Präsident und der VSA-Vorsitzende müssen ihren Hut nehmen! Ein weiteres Durchwursteln bis zum nächsten Verbandstag darf nicht passieren“, sagt Ulf Kuchel deutlich.

Der Streit im Überblick

Vorwürfe landen vor Gericht

Der ehemalige Vorsitzende des LFV-Spielausschusses Kuchel brachte den jahrelang schwelenden Streit zwischen Ludwig und führenden Köpfen des LFV im Juli letztmalig zum Kochen. Mit Pauken und Trompeten räumte Kuchel vor Saisonstart seinen Platz, gab sämtliche Ehrenamtsauszeichnungen zurück und erhob schwere Vorwürfe gegen Präsident Joachim Masuch und VSA-Chef Torsten Koop. Es war die Reaktion auf den Rausschmiss von Ludwig.

Der Ursprung des Konflikts keimte während des Verbandstages im Jahr 2018. Nachdem Koop vor drei Jahren als VSA-Vorsitzender wiedergewählt wurde, stellte er seinen Ausschuss neu zusammen. Trotz anfänglicher Zusage wurde Ludwig nicht mehr berücksichtigt. Neun Jahre lang koordinierte „Lupe“ für den VSA die Einsätze der Unparteiischen auf Landesebene. In einem Brief an Koop äußerten Florian Lechner (zu dem Zeitpunkt Drittliga-Schiedsrichter) und weitere überregionale Schiedsrichter, für die Ludwig gar nicht verantwortlich war, Unmut über dessen Arbeit. Der Vorwurf: Respektlosigkeit und Untauglichkeit fürs Amt. „Der Brief war Mobbing“, empfindet LFV-Mitglied Peter Dluzewski und bricht eine Lanze für Ludwig: „,Lupe’ wurde immer gelobt und zu jeglichen Anlässen als Repräsentant geschickt.“

French entkräftet den Mobbing-Vorwurf: „Beim genannten Schreiben handelte es sich allen voran um eine Glückwunschübermittlung an Torsten Koop im Zuge seiner Wiederwahl auf dem ordentlichen Verbandstag im Jahr 2018. In der Tat wurden darin auch kritische Worte gewählt, die jedoch allein der Sache dienen sollten und keineswegs Personen verunglimpft haben.“

Der Brief gab zwar einen Impuls, entscheidend für die Nichtberücksichtigung Ludwigs im neuen VSA war aber ein „Meinungsbild“ (French), das sich Koop von seinen Ausschussmitgliedern über Ludwig einholte. Demnach stimmte das damals siebenköpfige Komitee gegen Ludwig. Uwe Hyllus, Vorgänger von Ludwig als Schiedsrichteransetzer im VSA, glaubt an Mauschelei. In das Votum seien nicht alle miteinbezogen worden. „Wenn ich richtig rechne, haben zwei Leute des VSA festgelegt, dass Ludwig rausfliegt“, zählt Hyllus in einen Schreiben an den LFV-Vorstand auf. Aus anderer Quelle heißt es, dass sich drei von fünf Abstimmenden gegen Ludwig gewandt hatten.


Ludwig hatte die finale Nachricht über seine Nichtberücksichtigung im VSA von Koop Ende November 2018 vernommen. Er rezitiert das Gespräch: „Lupe, hiermit schmeiße ich dich raus. Der Ausschuss hat in einer Abstimmung gegen dich gestimmt. Andreas (Neumann/Red.) und ich waren auf deiner Seite.“

Diese Aussage und weitere Details aus den folgenden Streitigkeiten seit 2018, mit ergebnislosen Gesprächen, Provokationen und Reaktionen von beiden Seiten schilderte Ludwig im November 2020 in einer Mail an alle Schiedsrichter im Land.

So kritisierte Ludwig beispielsweise, dass zu einem Spiel von ihm ein Beobachter eines anderen Landesverbandes einberufen wurde. Das ist keine gängige Praxis. Der aus Hamburg gerufene Michael Malbranc wollte sich auf SPORTBUZZER-Anfrage nicht äußern.

Der Rostocker Schiedsrichter formulierte weiter: „Für mich ist Herr Koop in seiner Funktion als Vorsitzender des VSA nicht tragbar. Heute weiß ich, dass dieser Vorsitzende mich auf das Übelste belogen hat“ und forderte Koops Rücktritt.

Die Rundmail brachte den Disput zum Beben. Drei Monate nach dem Versenden musste Ludwig auf anwaltlichen Erlass in dem Schreiben aufgestellte Behauptungen, richtigstellen.

Wiederum zwei Monate später teilte der LFV Ludwig mit, ihn von der Schiedsrichterliste zu streichen. Die Vorwürfe: Missachtung der Schiedsrichterkameradschaft und Verbandsentscheidungen, leistungstechnische und charakterliche Untauglichkeit sowie verbandschädigendes Verhalten.

In allen Punkten wurde Ludwig vom Gericht entlastet. Das Urteil listet auf: Die Streichung war nicht fristgemäß. Der LFV reagierte zu spät auf die Anschuldigungen in Ludwigs Rundmail vom November 2020. Daher könne das „Verhalten als nicht so gravierend angesehen werden“. Die Streichung von der Schiedsrichterliste ist überzogen. „Es kann als treuwidrig angesehen werden, erst eine Entschuldigung (Richtigstellung von Behauptungen aus der Rundmail/Red.) zu verlangen, um im Anschluss an die erfolgte Entschuldigung die härteste Sanktion (Streichung von der Schiedsrichterliste) zu wählen“. Weiter heißt es, dass der LFV keinen Nachweis der charakterlichen Ungeeignetheit Ludwigs erbringt. „Selbstverständlich muss sich auch ein Fußballverband ,unbequemen’ und ,kritischen’ Mitgliedern und Funktionären stellen.“ Ludwig sei zwar „uneinsichtig“ in Bezug auf die Nichtberücksichtigung im VSA gewesen, das sei aber nicht mit „charakterlich ungeeignet“ gleichzusetzen.

Verband hofft auf Ruhe, Gegenseite auf Aufklärung

Torsten Koop lässt verlauten, er habe das Urteil akzeptiert und Ludwig wieder in die Aktivenliste aufgenommen. Präsident Masuch sagt knapp: „Selbstverständlich akzeptieren wir das Urteil des Verbandsgerichtes. Dieses zu kommentieren steht aber weder mir als Präsident noch anderen zu.“ Der LFV hofft, dass nun wieder Ruhe im drei Jahre lang gereizten Verband einkehrt.

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Es scheint eine trübe Zuversicht zu sein. Die Rücktrittsforderungen gegen Masuch und Koop stehen im Raum. Der LFV kanzelt sie als haltlos ab. „Sie entbehren jeglicher Grundlage“, sagt French.

Ulf Kuchel legt nach: „Der Präsident hat nicht erkannt, dass es um Aufarbeitung geht. Wenn ich von zwei Personen eidesstattlich versicherte Hinweise über Lügen und Betrügen bekomme, kann ich mich nicht hinstellen und sagen, es ist alles rechtens gelaufen. Sinnbildlich ist, dass es beim Verbandsbeschluss Ende Juni, der die Streichung von Ludwig bestätigt hat, zwei Enthaltungen gab. Die Personen wussten nicht, wie sie den Fall bewerten sollen, weil es keine Aufarbeitung gab.“ In dasselbe Horn bläst auch Peter Dluzewski vom Spielausschuss: „Jetzt muss geklärt werden, warum es so kommen konnte. Der Verband hat es verpasst, die Angelegenheit rechtzeitig zu klären. Ob der Neustart gelingt, liegt an den handelnden Personen.“

Masuch wehrt sich: „Ich sehe keine Schuld bei mir. Ich habe mit Steffen Ludwig zweimal gesprochen.“ French ergänzt: „Derartige Kritik ist mit Rückblick auf die Geschehnisse aus Sicht des LFV schlichtweg nicht angebracht. Es gab über die Zeit hinweg zahlreiche Gespräche beziehungsweise Zusammenkünfte in verschiedenen personellen Konstellationen zu dem Thema – auch im Beisein von Steffen Ludwig. Der LFV war hier auf unterschiedlichen Ebenen immer auf Klärung des Sachverhaltes aus. Das gilt auch für teils nachfolgende Aufbereitung des Falles durch Dritte. Der LFV hat diese Bemühungen stets transparent unterstützt.“

Irgendwie sind alle Involvierten letztlich enttäuscht über den Disput, die Art und Weise und den Verlauf. Peter Dluzewski bilanzierte: „Es gibt nur Verlierer.“ Robert French konstatierte: „Die verschiedenen Kommunikationswege sind ganz offensichtlich mehrfach ins Leere gelaufen, auch weil die bestehende Rechtslage teils negiert, beziehungsweise nicht akzeptiert wurde. Letztlich haben im Laufe der Zeit dem Vernehmen nach auch zunehmend persönliche Befindlichkeiten eine Rolle gespielt.“ Zu dem Schluss gelangte auch Steffen Ludwig: „Ich bin erleichtert, dass der Rechtsstreit vorbei ist, aber enttäuscht, weil er wegen persönlicher Befinden unnötig war.“

Steffen Ludwig will weitermachen

Kuchel wirft nun die Frage nach Rehabilitierung für Ludwig auf: „Ich erwarte eine öffentliche Entschuldigung vom LFV! Neben drei Jahren Streit wurden ihm vier Monate genommen, in denen er sein Schiedsrichterehrenamt nicht ausüben konnte.“

Ludwig lässt sich nicht entmutigen. Im Gegenteil: Er will sich noch mehr einbringen. Ursprünglich strebte er an, Chef des Kreisfußballverband Warnow zu werden. Zur Wahl im September konnte er wegen des laufenden Verfahrens nicht zugelassen werden. „Ich will dem LFV helfen, indem ich Anträge stelle. Vieles ist in den Satzungen und Ordnungen nicht geregelt. Da können wir nachbessern.“ Bleibt zu hoffen, dass künftige Zusammenarbeit nicht vor Gericht endet.