22. April 2020 / 14:30 Uhr

Uwe Bialon über zyprische Meisterschaft und Zweitligaderbys: "Kampfbemalung aus Blut"

Uwe Bialon über zyprische Meisterschaft und Zweitligaderbys: "Kampfbemalung aus Blut"

Lars Sittig
Märkische Allgemeine Zeitung
Uwe Bialon kam 1985 nach Berlin und spielte jeweils ein Jahr für Tennis Borussia und Hertha BSC.
Uwe Bialon kam 1985 nach Berlin und spielte jeweils ein Jahr für Tennis Borussia und Hertha BSC. © Verein
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Kreis Dahme/Fläming: Der Ex-Trainer des Ludwigsfelder FC und BSC Preußen über seine Laufbahn als Profi, die ihn bis in die Bundesliga und nach Zypern geführt hatte.

Uwe Bialon (56) trainierte vier Jahre den BSC Blankenfelde-Mahlow und zwei Spielzeiten den Ludwigsfelder FC. Seine spektakuläre Laufbahn als Profi hatte ihn zu vielen deutschen Traditionsclubs (unter anderem Hertha BSC und den VfB Stuttgart) und neun Jahre auf die fußballverrückte Insel Zypern geführt, wo er den nationalen Titel erkämpfte und zum Publikumsliebling aufstieg. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der frühere Stürmer, der bereits lange in Blankenfelde lebt, über eine Meisterfeier auf Zypern, einen frühen Schlüsselmoment seiner Laufbahn und warum er nur ein Bundesligaspiel bestritten hat.

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Herr Bialon, lange nichts von Ihnen gehört, aber eins dürfte sich nicht geändert haben – Sie treten irgendwo gegen den Ball und stehen an der Seitenlinie._

Uwe Bialon: Ja, der Fußball spielt noch eine Hauptrolle, zur Zeit spiele ich selbst in drei Mannschaften bei Viktoria 89 in Berlin. Als Trainer arbeite ich im Moment nicht. Seit meinem Abschied beim TSC Friedenau im Sommer 2018 warte ich auf ein passendes Angebot.

Apropos Angebot: Sie hatten vor 35 Jahren eine Offerte vom damaligen Zweitligisten Tennis Borussia und sind nach Westberlin gewechselt – ein Engagement, das Ihren Lebensweg maßgeblich geprägt hat. Wie kam es zur Verpflichtung?

TeBe war für mich schon immer ein großer Name in Berlin, deshalb war ich sehr froh, als Anfrage und Angebot kamen, ich bin dem Club irgendwie aufgefallen. Zwei Jahre hatte ich hier sportlichen Erfolg, so sind wir in die zweite Liga aufgestiegen – mussten allerdings direkt wieder den Gang in die Oberliga antreten. Als die Hertha, die dann zeitgleich in die Drittklassigkeit abrutschte, auf mich zu kam, freute ich mich auf das großartige Stadion und auf die verlässlichen Fans. In dieser Zeit habe ich leider eine schwere Verletzung erlitten und musste acht Monate aussetzten.

Wie haben Sie Fußball-Berlin damals in der Saison 1985/86 erlebt, mit den drei Zweitligisten TeBe, Blau-Weiß 90 und Hertha BSC – letztmalig haben drei Teams aus einer Stadt gleichzeitig in der zweiten Liga gespielt.


Das war schon sehr spannend, die Konkurrenz mit drei Berliner Mannschaften habe ich als große Herausforderung angenommen. Es gab ja sechs Derbys in dieser Saison – am Ende stieg Blau-Weiß in die Bundesliga auf und Hertha und TeBe mussten in die Oberliga.

In Bildern: Die Brandenburger "Bilder der Woche" der Saison 2019/20.

Die Brandenburger Bilder der Woche der Saison 2019/20. Zur Galerie
Die Brandenburger "Bilder der Woche" der Saison 2019/20. ©

Nach der Zeit in Berlin ging Ihre Reise in Sachen Fußball direkt in den Ruhrpott – das war ein ordentlicher Tapetenwechsel.

Das kann man wohl sagen. Ich hatte ein Angebot vom damaligen Trainer Gerd Roggensack von Wattenscheid 09. Ich sollte als Stürmer eingesetzt werden, um einen Spieler zu ersetzen. Während der Zeit in Wattenscheid bekam ich mehre Angebote, unter anderem aus dem Ausland. Eine sehr herzliche Einladung erhielt ich per Telefon aus Zypern. Die Neugierde auf ein sonniges neues Land erweckte sofort das Interesse meiner kleinen Familie. Nachdem der symphatische schottische Trainer Eric Smith von Pezoporicos Larnaca mich bereits aus einem National Junior Spiel in Schottland gesehen hatte, war es sein Wunsch, mich nach Zypern zu holen. Ich stellte fest, dass mich in Zypern die besten Voraussetzungen auf eine langfristige fußballerische Karriere erwarteten und ich habe mich dafür entschieden, mit meiner Familie diese Herausforderung anzunehmen.

Aus dem Ruhrgebiet der 80ger Jahre nach Zypern, die Insel der Götter – größer kann ein Wechsel der Kulturkreise in Europa kaum sein.

Er war auf jeden Fall sehr groß, als ich 1987 gewechselt bin. Meine Vorstellungen wurden in Larnaca, einer Küstenstadt mit rund 50 000 Einwohnern, vollständig erfüllt und so verbrachte ich insgesamt neun Jahre auf Zypern – acht Spielzeiten bei Pezoporikos und eine Saison bei AEL Limassol. Ein Trainer aus der Schweiz sprach mich dann an, ob ich mir vorstellen könnte, sechs Monate beim FC Sursee zu spielen. Dies bedeutete, dass ich meinen Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland verlagert habe, und den Verein in der Schweiz unterstützt habe.

Nicht so schnell, lassen Sie uns auf auf Zypern verweilen, Sie sind da immerhin Meister geworden und haben im Pokal der Landesmeister gegen den damaligen europäischen Topclub IFK Göteborg gespielt. Wie haben Sie den Titelgewinn zelebriert?

Die Meisterschaft wurde groß in Larnaca gefeiert. Traditionell wurde ein Kamel mit dem Wappen des Vereins geschmückt, dann führten ein Umzug und ein Autokorso durch die wichtigsten Straßen der Stadt.

Wie, das war alles?

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Nein, natürlich nicht. Am Abend hat der Präsident für Vorstände, Sponsoren und die Akteure eine Bouzouki Night bis in die Morgenstunden arrangiert. Alle Menschen waren auf den Beinen und haben uns zugejubelt. Die Berichte in den Zeitungen und im Fernsehen waren voll des Lobes, und auch noch Tage später waren die Fans in Feierstimmung.

Klingt, als hätten Sie dann auf Zypern Ihren Platz gefunden.

Ja, die schönsten Momente habe ich sicherlich auf Zypern erlebt. Hier habe ich eine tolle Gastfreundschaft erleben dürfen sowie tiefe Freundschaften, die bis heute halten, eingehen können. Und natürlich habe ich die erfolgreichste Zeit meiner Fußballkarriere erlebt. Zypern ist heute noch für uns als Familie ein zweites Zuhause, das wir gerne besuchen.

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Haben Sie bei allen diesen Clubs durchgängig Berufsfußball gespielt?

Ja, ich war bei allen Vereinen als Profi angestellt.

Konnten Sie von den Gehältern gut leben?

Wir kamen so zurecht, aber die sogenannten Profis waren immer darauf angewiesen, sich ein weiteres Standbein zu suchen, das unterscheidet sich immens zur heutigen Situation. Meine persönliche, finanzielle Erfolgsstory wäre positiver ausgefallen, wenn das Bosman-Urteil, das in Sachen Transfermodalitäten und den Ablösesummen einiges änderte, früher gefallen wäre.

Eines der Privilegien – auch wenn es keine Millionengehälter gab – war, dass Sie ihren Traum leben konnten und viel herumgekommen sind. Erzählen Sie uns eine Anekdote?

Aus der Zeit bei TeBe ist mir etwas skurriles in Erinnerung geblieben. Ein Spieler, dessen Vater eine Fleischerei hatte, brachte eines Tages einen Liter Schweineblut mit zum Training. Gewürzt mit Salz und Pfeffer, hat er jedem Spieler ein Glas davon angeboten – als Ritual. Er war davon überzeugt, dass die Mannschaft dadurch stärker wird. Wie bei einem American-Footballteam haben wir uns Streifen in das Gesicht gemalt und sind so auf dem Trainingsplatz gelaufen – wir hatten also eine Kampfbemalung aus Blut

Wenige Jahre zuvor hatten Sie ihren ersten Vertrag als Berufsfußballspieler unterschrieben. Wie hat Ihre Laufbahn angefangen?

Für mich ist natürlich ein großer Traum in Erfüllung gegangen, als ich kurz nach meinem 18. Geburtstag meinen ersten Profivertrag bekommen habe und mein geliebtes Hobby zum Beruf machen durfte. Vor allem, da ich mit dieser Entwicklung nicht gerechnet habe. Mir wurde zwar in frühester Jugend ein großes Talent bescheinigt, aber dass ich einmal als Profi arbeiten würde, war für mich eine Fügung. Ich habe wie viele kleine Jungs eine Leidenschaft für den Fußball entwickelt. Auch mein Vater hat mich sehr bestärkt. In den ersten Jahren in meinem Heimatort hat er mich als Trainer gefördert beim TSV Essingen. In der B-Jugend wechselte ich zum VfR Aalen in die Verbandsliga.

In Bildern: Diese Spieler haben über 400 Bundesliga-Einsätze (Stand 27. Juni 2020).

<b>Diese Spieler haben über 400 Bundesliga-Einsätze.</b> Zur Galerie
Diese Spieler haben über 400 Bundesliga-Einsätze. ©

Und dann ging es zum großen VfB Stuttgart, der in der Saison 1982/83 nicht nur ein regionaler Großclub war, sondern ein Starensemble mit Spielern wie Karlheinz und Bernd Förster, Didier Six und Karl Allgöwer, welches ein Jahr nach Ihrem Abschied sogar Deutscher Meister wurde.

Es war gewaltig, dass dort meine Profilaufbahn begonnen hat. Für einen jungen Mann ohne Erfahrung im Profisport zudem eine Herausforderung. Ich habe mich aus Heimatverbundenheit für den VfB Stuttgart entschieden, obwohl andere Angebote aus der Bundesliga da waren.

Einer der Schlüsselmomente Ihres Lebens?

Ja, natürlich. Mir ist schnell klar geworden, dass das Profigeschäft knallhart ist und aus meiner Sicht sehr abhängig von dem Trainerstab.

Haben Sie deshalb „nur“ ein Bundesligaspiel absolviert?

Das hat auf jeden Fall eine große Rolle gespielt. Als Spieler ist man den Wünschen und Vorstellungen des Trainers ausgeliefert. Sicher anders als heute, wurde sehr autoritär mit jungen Spielern umgegangen. Da ich schon immer ein sehr willensstarker Mensch war und mit meiner persönlichen Meinung und Wahrnehmung nicht hinter dem Berg gehalten habe, wurde mir der weitere Weg versperrt

.

Wären Sie, rückblickend betrachtet, lieber etwas diplomatischer gewesen?

Nein, eigentlich nicht. Ich ärgere mich mehr, dass ich die eine oder andere Anfrage nicht angenommen habe. Wer weiß, was daraus geworden wäre ...

Nach Ihrer aktiven Laufbahn, die Sie bei Olympiakos Berlin beendet haben, bevor Sie in die Seniorenliga wechselten, sind Sie dem Fußball als Trainer treu geblieben: Was hat Sie daran gereizt?

Sicher ging es mir wie vielen aktiven Sportlern, ich wollte natürlich meine Erfahrungen und meine Philosophie gerne an Spieler weitergeben, die Leistungsfähigkeit der Spieler und das fußballerische Können voranbringen, und so natürlich auch als Trainer Erfolg haben.

Welche Ziele haben Sie als Trainer?

Eine Herausforderung wäre, als Trainer eines Vereins zu arbeiten, der konzeptionell meine Vorstellung des Trainings- und Spielbetriebes teilt. Gerne würde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz auch beratend zur Verfügung stellen. Sicher wäre ich gerne als professioneller Trainer unterwegs gewesen, das hätte ich auf Zypern, von wo es durchaus Anfragen gab, auch tun können, ich habe mich aber für meine Familie entschieden, mein Sohn wurde eingeschult. Auch diese Entscheidung war richtig, ich fühle mich in Blankenfelde sehr wohl.