19. Mai 2019 / 10:00 Uhr

Valérien Ismaël: „Die Chance für den VfL Wolfsburg II ist jetzt größer“

Valérien Ismaël: „Die Chance für den VfL Wolfsburg II ist jetzt größer“

Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Valerien Ismael
Traut dem VfL Wolfsburg II den Aufstieg zu: Ex-Wolfsburg-Coach Valérien Ismael. © Peter Steffen
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Mit kurzer Unterbrechung (vier Monate beim 1. FC Nürnberg) war er von 2013 bis 2016 Trainer der U23, ehe er für fünf Monate die Profis des VfL Wolfsburg übernahm. Im großen Sportbuzzer-Interview spricht Valérien Ismaël über die verpassten Aufstiege 2014 und 2016, die bevorstehende Relegation gegen den FC Bayern München II sowie die Entwicklung der Bundesliga-Fußballer.

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Sie sind seit August nicht mehr Trainer in Griechenland bei Apollon Smyrnis – was machen Sie denn momentan?
Ich bereite mich auf meine nächste Aufgabe vor.

Das heißt, es gibt schon Angebote?
Es gibt Kontakte zu Vereinen, man hat sich getroffen und ausgetauscht. Aber es liegen keine konkreten Angebote vor. Wir müssen abwarten.

Vor Ihrem Engagement in Griechenland waren Sie etwa fünf Monate lang für die Profis des VfL Wolfsburg zuständig, davor mit kurzer Unterbrechung mehr als drei Jahre für die U23. Wie bewerten Sie die Zeit?
Es war sehr schön, vor allem gab es eine sehr gute Atmosphäre, in der wir gearbeitet haben – im Verein und in der Stadt. Egal, ob bei den Profis oder bei der U23.

Party! Der VfL Wolfsburg II bejubelt den Regionalliga-Nord-Titel 2019. Zur Galerie
Party! Der VfL Wolfsburg II bejubelt den Regionalliga-Nord-Titel 2019. © Boris Baschin
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"Als Meister allein hast du keine richtige Belohnung"

Jetzt hat der VfL II zum dritten Mal den Titel in der Regionalliga geholt, diesmal geht‘s in der Relegation gegen Bayern München II. Sie waren 2014 und 2016, als der Aufstieg jeweils nicht gelang, als Trainer dabei. Was halten Sie generell von den Regularien?
Ich habe schon damals gesagt, dass es unglücklich ist, weil ein Meister eigentlich aufsteigen muss. Du kämpfst eine Saison lang um den ersten Platz und dann heißt es am Ende, du darfst nicht aufsteigen, sondern musst erst die Relegation spielen. Das entspricht nicht den Werten des Sports. Wenn man Leistung bringt und gewinnt, musst du eine Belohnung bekommen. Als Meister allein hast du keine richtige Belohnung.

Das heißt, es hat Sie damals schon geärgert...
Ja, damals habe ich mich schon darüber geärgert, aber man konnte es nicht ändern. Als eine U23 gegen eine erste Mannschaft hat man schon gesehen, dass man an seine Grenzen stößt. Da sind junge Spieler, die jede Woche vor 200 Zuschauern spielen – und dann auf einmal vor 15.000.

Foto: Boris Baschin, Fußball, Relegationsspiel zur 3. Liga, Relegation, Drittliga, VfL Wolfsburg II, SG Sonnenhof Großaspach, Regionalliga, 01.06.2014, 0:1,
Gescheitert: 2014 schaffte der VfL II (l. Justin Eilers, r. Bastian Schulz) den Aufstieg gegen Sonnenhof Großaspach nicht. © Boris Baschin

Die beiden verpassten Aufstiege

Welche Erinnerungen haben Sie denn an Ihre erste Relegation mit dem VfL II gegen Sonnenhof Großaspach 2014?
Dass wir als eine zweite Mannschaft ein super Hinspiel in Großaspach gemacht haben. Wir hatten die besseren Chancen und hätten das wichtige Auswärtstor erzielen können. Es war ein Spiel auf Augenhöhe. Das 0:0 im Hinspiel war gefährlich für das Rückspiel – denn wenn der Gegner dann ein Tor macht, wird es richtig schwer. Und genau so ist es gekommen. Dann kassierst du ein Tor nach einem Fehler, der einer jungen Mannschaft nun mal passiert. Da haben wir kurz abgeschaltet. Sowas passiert gestandenen Spielern nicht. Und so verlierst du dann mit 0:1, das war sehr bitter.

Und zwei Jahre später gegen Jahn Regensburg?
Beim zweiten Mal war es noch bitterer. Regensburg war zwar klarer Favorit mit deutlichen Ambitionen. Das sieht man auch daran, wo sie heutzutage sind. Eigentlich musst du das Hinspiel mit 2:0 gewinnen, gewinnst aber nur mit 1:0. Das Rückspiel war dann für die junge Mannschaft echt kompliziert vor einem vollen Stadion, gegen ein starkes Team. Das war sowohl ein Highlight als auch eine neue Bewährungsprobe. Bis zur Halbzeit sah es gut aus, da stand es noch 0:0. Aber nach der Pause lief es nicht mehr, wir haben einen Elfmeter, Gelb-Rot und das 0:1 gegen uns bekommen. Dann hat das Spiel seinen Lauf genommen. Wir haben mit zehn Mann die Kurve nicht mehr bekommen und mit 0:2 verloren. Die bittere Erkenntnis war, dass es extrem schwer für eine zweite Mannschaft gegen eine erste Mannschaft ist, auch wenn das Team gut gekämpft hat. Da sehe ich jetzt gegen eine andere U23 die Möglichkeit deutlich größer.

Regensburg vs VfL II, Relegationsspiel zur 3. Liga Regensburg, Deutschland. 29.05.2016, FUßBALL - SSV Jahn Regensburg vs VfL Wolfsburg U23, Relegationsspiel, Aufstiegsrunde zur 3. Liga, Saison 2015-2016. Bild zeigt: SSV Jahn Schlussjubel, Bastian Schulz (VfL Wolfsburg II) enttäuscht, traurig, niedergeschlagen, verzweifelt, down, frust, frustriert, enttäuschung Regensburg

Regensburg vs VfL II Relegationsspiel to 3 League Regensburg Germany 29 05 2016 Football SSV Jahn Regensburg vs VfL Wolfsburg U23 Relegationsspiel Ascent round to 3 League Season 2015 2016 Picture shows SSV Jahn Final cheering Bastian Schulz VfL Wolfsburg II disappointed sad depressed desperate Down Frustration frustrated Disappointment Regensburg
Gescheitert: 2016 verpasste die U23 des VfL (M. Bastian Schulz) in der Relegation gegen Jahn Regensburg den Aufstieg. © Imago

Das heißt, die Chancen stehen für den VfL II deutlich besser als 2014 und 2016?
Es wird 50:50, es gibt keinen Favoriten. Beide Mannschaften haben Erfahrungen mit Aufstiegsspielen gemacht, aber beide sind gescheitert. Beide Vereine wollen seit Langem, dass die Zweite in der 3. Liga spielt. Und in diesem Jahr wird ein Team das Ziel endlich erreichen. Die Chance ist für den VfL II größer, und man kann die Erfahrung mitnehmen. Ein paar Spieler sind dageblieben, auch von den Trainern einige. Das wird der Mannschaft helfen.

Haben Sie noch Kontakt zum VfL?
Ja, immer wieder mal. Dann schreibt man sich Nachrichten oder ruft sich an, gratuliert sich zu Erfolgen.

Mit wem sprechen Sie dann so?
Mit Pablo Thiam (Sportlicher Leiter der VfL-Fußball-Akademie, d. Red.) mit Coach Rüdiger Ziehl oder auch mit Torwarttrainer Norman Becker schreibe ich ab und zu.

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Die Amtszeiten der VfL-Trainer ©

"Es ist wichtig, dass man die Spiele wie einen Marathon sieht"

Worauf kommt es in den beiden wichtigen Partien an?
Es ist wichtig, dass man die Spiele wie einen Marathon sieht und sagt, dass man zwei Spiele hat, um aufzusteigen. Die Mannschaft, die ihre Spielweise durchsetzt und die Emotionen im Griff hat, wird sich durchsetzen.

Und welche Rolle spielen die Nerven?
Eine sehr große, vor allem bei den jungen Spielern. Die spüren zum ersten Mal, was Druck und Aufmerksamkeit bedeuten. Es ist eine neue Erfahrung, wenn das eigene Stadion plötzlich voll ist. Die müssen alles ausblenden und bei der eigenen Leistung bleiben. Es ist die Aufgabe des Trainerteams, die Mannschaft darauf einzustellen.

Werden Sie selbst auch vor Ort sein?
Das Rückspiel schaue ich mir wahrscheinlich an.

"Ich gönne Wolfsburg den Aufstieg"

Sie haben Ihre Vergangenheit mit dem VfL, aber auch eine mit dem FC Bayern, bei dem Sie lange Profi waren. Wem drücken Sie mehr die Daumen?
Dem VfL, weil ich mit der U23 viele Stunden erlebt habe und wir sehr hart an dem Ziel gearbeitet haben. Ich weiß, was es bedeutet, jeden Spieler besser zu machen und mit den Umständen klarzukommen. Deshalb gönne ich Wolfsburg den Aufstieg. Es hat zweimal nicht geklappt, da soll es im dritten Versuch endlich mal funktionieren.

"Man hatte keine Fußball-Kompetenz"

Auch bei den Profis hat sich in dieser Saison einiges getan. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen? War es überraschend?
Nein, ich wusste schon von dem Moment an, als Jörg Schmadtke als neuer Sportchef genannt wurde, dass es wieder bergauf geht. Das Ausscheiden von Klaus Allofs war damals das größte Problem, weil im Verein ein riesiges Vakuum hinterlassen worden ist. Man hatte keine Fußball-Kompetenz. Und das ist wichtig für die Spieler und den Trainer, damit man einen vernünftigen Austausch haben kann. Dass es jetzt so gut läuft, hätte man nicht erwartet. Aber es hat mein Gefühl von damals nur bestätigt. Die Mannschaft hat es absolut verdient, spielt eine starke Saison und hat gute Spieler verpflichtet – der Verein hat diesmal vieles richtig gemacht.

Im Umkehrschluss bedeutet das aus Ihrer Sicht, dass Olaf Rebbe als Nachfolger von Klaus Allofs die falsche Entscheidung auf dem Manager-Posten war?
Na gut, man muss sich nur die Fakten anschauen, was in seiner Amtszeit war, wie viele Trainer es in seiner Zeit gab. Es war eine andere Struktur. Jetzt ist Jörg Schmadtke da und Marcel Schäfer als Sportdirektor. Schäfer ist eine wichtige Persönlichkeit, mit dem ich mich immer wieder ausgetauscht habe. Das sind zwei ganz andere Gesichter. Das gab es damals gar nicht.

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Der VfL hat sich für die Europa League qualifiziert. Sie haben selbst einige Spiele im internationalen Wettbewerb gemacht. Was würde die Wolfsburger dort erwarten?
Sie haben genug Erfahrung und Leute, die schon international gespielt haben. Da mache ich mir gar keine Sorgen, der Verein ist top aufgestellt, auch für Europa. Man muss nur mit der neuen Belastung klarkommen. Wenn man den Kader in der Breite gut verstärkt, sehe ich gute Möglichkeiten.

Ismaël über Labbadia: "Ein großes Kompliment von meiner Seite."

Wir haben über Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer gesprochen, aber welchen Anteil hat Bruno Labbadia an dem Erfolg?
Er hatte zum Schluss der letzten Saison einen großen Anteil, als er den Verein quasi allein retten musste. Durch seine Erfahrung hat er den Klub in der Relegation vor dem Abstieg bewahrt. Und danach hat man gesehen, dass das alles zusammengeschweißt hat. Die Chemie hat sofort funktioniert. Und er hat den Verein dorthin geführt, wo er hin möchte – ein großes Kompliment von meiner Seite.

War es für Sie überraschend, wie gut die Mannschaft damit umgegangen ist, dass der Trainer zum Saisonende aufhört?
Die Spieler sind Profis und genau so habe ich sie damals auch kennengelernt. Sie haben einen guten Charakter und wissen, worum es geht. Es hätte auch in die andere Richtung gehen können, wo Alibis gesucht werden. Aber die Mannschaft hat eine große Mentalität. Die Erfahrung aus der Vergangenheit hat dem Team geholfen. Und die Spieler haben gemerkt, dass in dieser Saison etwas gehen kann. Unabhängig davon, ob der Trainer bleibt oder geht.

Es wird sicherlich noch einige Veränderungen im Kader geben, zudem gibt‘s mit Oliver Glasner einen neuen Trainer. Was ist wichtig für die neue Saison?
Es kommt ein neuer Trainer mit einer neuen Philosophie. Es ist wichtig, dass die Spieler das schnell verinnerlichen. Wenn alle Komponenten ineinandergreifen, sehe ich für den VfL eine gute Chance, eine weitere gute Saison zu spielen.

Kennen Sie Oliver Glasner?
Nein, persönlich nicht. Aber ich war ein paar Mal im Stadion und habe ein paar Spiele des Linzer ASK gesehen. Ich kenne seine Art, Fußball zu spielen. Er ist ein wirklich guter Trainer.

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