14. Juni 2018 / 06:44 Uhr

Van der Vaart über Heimatland Holland: „Sie kriegen es überhaupt nicht hin“

Van der Vaart über Heimatland Holland: „Sie kriegen es überhaupt nicht hin“

Eric Zimmer
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Rafael van der Vaart spricht im Interview mit dem <b>SPORT</b>BUZZER über das Leid, eine WM ohne Holland zu erleben.
Rafael van der Vaart spricht im Interview mit dem SPORTBUZZER über das Leid, eine WM ohne Holland zu erleben. © imago/Montage
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Der ehemalige niederländische Nationalspieler Rafael van der Vaart spricht im SPORTBUZZER-Interview über das Leid, eine WM ohne seine Heimatland sehen zu müssen.

SPORTBUZZER: Herr van der Vaart, Sie werden bei der WM als Experte für das niederländische Fernsehen arbeiten. Was genau wollen Sie denn dann analysieren?

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Rafael van der Vaart: (lacht) Sehr witzig. Singst du gleich das „Ohne-Holland“-Lied? Aber so kann ich wenigstens schön entspannt sein. Neutral. (lacht) Ich habe das bei der EM 2016 auch gemacht. Da hat es gut funktioniert.

Aber was ist denn los mit dem niederländischen Fußball?

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Wir sind nicht dabei. Zum zweiten Mal hintereinander (nach der EM 2016, d. Red.). Was soll ich sagen? Ich habe seit vier Jahren nicht mehr für die Nationalmannschaft gespielt, wir haben uns zu meiner Zeit immer für die Turniere qualifiziert – und das recht einfach. Jetzt kriegen sie es nicht mehr hin. Und zwar nicht nur ein bisschen. Sie kriegen es überhaupt nicht hin. Nicht mal die Play-offs haben sie erreicht.

Wie ist das zu erklären?

Das hat Deutschland auch mal gehabt. Gut. Ansatzweise. Aber dass einfach eine Generation da ist, die nicht so gut ist, kann mal passieren. Wir müssen in Holland neu anfangen. Mit Ronald Koeman ist jetzt ein sehr guter Trainer da, der das hoffentlich hinbekommt.

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Mit welchen Spielern? Wer sind die neuen van der Vaarts und Co.?

Die gibt es nicht. Das soll nicht arrogant klingen. Aber Spieler wie van der Vaart, Robben, Sneijder und van Persie sind aktuell einfach nicht da. Die aktuelle Generation muss es hinbekommen, die Dinge gemeinsam lösen zu können. Wir waren damals natürlich auch eine Einheit. Aber es waren immer Spieler da, die die Fähigkeit hatten, ein Spiel alleine entscheiden zu können. Dass ein solcher Spieler jetzt fehlt, muss das aktuelle Team geschlossen kompensieren. Es ist möglich. Wir haben das zum Beispiel beim 3:0 im Test gegen Portugal gesehen. Aber die Art und Weise, wie jetzt gespielt werden muss, ist eine ganz andere als die damals.

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Wer sind die Hoffnungsträger?


Es gibt riesige Talente. Justin Kluivert, Frenkie de Jong, Donny van de Beek. Aber die brauchen Zeit. Sie sind gut, aber meine Generation war mit Anfang 20 schon bei den ganz großen Vereinen unterwegs und hat dort Champions-League-Spiele entschieden. Das vermissen wir jetzt. Unsere besten Spieler haben in Southampton oder Stoke City gespielt oder was weiß ich. Kein Real Madrid, kein FC Barcelona. Das ist schade.

Sie sprachen über „damals“. Dazu gehört zum Beispiel 2010. Das verlorene WM-Finale gegen Spanien. 0:1 nach Verlängerung, in der Sie für Nigel de Jong eingewechselt wurden.

Wir waren so nah dran. Wir hätten Legenden werden können. Aber dann sind wir Zweiter geworden – und das zählt in Holland nichts. Schade. Wir hatten zwei Chancen von Robben und viel Pech. Der Ball wollte nicht rein. Es sollte nicht sein. Es war immer eine riesige Ehre für Holland zu spielen. Ja, das sagen alle. Aber wir waren damals die Nummer eins in der Weltrangliste. Wir waren richtig gut, es hat so viel Spaß gemacht. Wenn ich im Verein mal eine schlechte Phase hatte und dann zur Nationalmannschaft kam, war die Freude wieder da – wie eine Befreiung. Da müssen wir wieder hinkommen.

Altmeister Robben ist nach der verpassten WM-Qualifikation zurückgetreten, bei den Bayern wird er noch ein Jahr spielen. Was hat der Klub an ihm?

Er ist super. Jeder, der ihn kennt, weiß, wie unglaublich ehrgeizig er ist. Er ist positiv verrückt, völlig fokussiert. Ich habe mit ihm aber auch immer viele Späße gemacht. Er ist für die Niederlande einfach ein unglaublich wichtiger Spieler gewesen. Und für die Bayern wird er das auch dieses weitere Jahr sein. Man sagt ja immer, dass Spieler auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere eigentlich aufhören sollten. Aber er zeigt, dass das Quatsch ist. Es geht um den Spaß. Solange der da ist, kann man auch Leistung bringen. Und Arjen zeigt, dass man auch als älterer Spieler mit dem Spaß am Spiel noch Spiele entscheiden kann. Ich hätte auch längst aufhören müssen (van der Vaarts Vertrag mit dem dänischen Klub FC Midtjylland läuft aus, er möchte seine Karriere aber fortsetzen, d. Red.) wenn es um den besten Punkt in der Karriere gehen würde. Aber es geht um die Freude am Spiel.

Van der Vaart über Robben: Er ist super!
Van der Vaart über Robben: "Er ist super!" © Getty

An den TV-Experten van der Vaart: Wer sind die WM-Favoriten?

Deutschland immer. Frankreich finde ich auch richtig stark, Brasilien und Argentinien muss man auch immer dazuzählen. Über Belgien habe ich vor zwei Jahren bei der EM noch gesagt, dass sie auf keinen Fall ein Turnier gewinnen können. Aber sie sind jetzt noch besser geworden. Sie werden den Titel nicht holen, aber es gut machen.

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Gegen Deutschland spielt Holland demnächst in der neuen Nations League. Wie sehen Sie diesen Wettbewerb?

Für uns ist er gut. Da können wir der Welt auf einer besseren Bühne zeigen, dass wir doch noch da sind. Gut. Es kann auch passieren, dass wir zeigen, dass wir doch noch nicht wieder da sind. (lacht) Aber der Wettbewerb mit schweren Gegnern kommt dem niederländischen Fußball gerade gut gelegen. Auf dem Weg nach oben helfen Gegner wie Deutschland und Frankreich mehr bei der Arbeit als schlechtere Gegner in Tests.

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