11. Mai 2020 / 18:00 Uhr

VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky über Spieler-Quarantäne, Neven Subotic und Kritik an den Klubs

VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky über Spieler-Quarantäne, Neven Subotic und Kritik an den Klubs

Hans-Günter Klemm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Will die Fußball-Branche krisensicherer machen: VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky.
Will die Fußball-Branche krisensicherer machen: VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. © Verwendung weltweit
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Die Bundesliga wird wieder starten – auch für den Chef der Spielergewerkschaft Ulf Baranowsky ein positives Zeichen. Dennoch hat er Verunsicherung unter den Spielern festgestellt und den Profis ein monatelanges Quarantäne-Trainingslager erspart.

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Am kommenden Wochenende soll die Bundesliga wieder starten. Doch die Kritik – auch aus den Reihen der Spieler – ist durchaus groß. Der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, Ulf Baranowsky, spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Ängste der Spieler, mögliche Vertragsanpassungen und ob sich der Fußballmarkt nach der Corona-Pause verändern wird.

SPORTBUZZER: Wie bewerten Sie die heftige Diskussion um die Fortsetzung der Profiligen in der Öffentlichkeit?

Ulf Baranowsky: Wir sind gut beraten, die Dinge möglichst sachlich einzuordnen. Die Spieler haben mehrheitlich stets betont, dass sie wieder spielen wollen, sofern dies medizinisch und moralisch vertretbar ist. Die Verantwortung dafür tragen insbesondere die Arbeitgeber und die zuständigen Behörden. Nun ist zu hoffen, dass das vorgelegte und beschlossene Konzept trägt und sich die Pandemie-Fallzahlen insgesamt weiterhin rückläufig entwickeln.

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Wie ausgeprägt ist die Angst vor einer Infektion im Kreis der Profifußballer?

Arbeitgeber sind verpflichtet, die gesetzlichen Vorgaben des Arbeitsschutzes und des Infektionsschutzes umzusetzen. Sofern dies geschieht, müssen Arbeitnehmer grundsätzlich auch arbeiten. Die sportmedizinische Taskforce der DFL hat allerdings betont, dass die Teilnahme am Spiel und am Training nur freiwillig erfolgen soll. Vor diesem Hintergrund raten wir besorgten Spielern in begründeten Einzelfällen, gemeinsam mit der Klubführung nach Lösungen zu suchen.

Baranowsky: Spieler nicht in Entscheidungen einbezogen

Neven Subotic hat von einer "prekären Situation" gesprochen, das Risiko der Spiele und Spieler erwähnt und den Verdacht geäußert, die Saison solle mit möglichst "wenigen Verlusten" durchgebracht werden. Stimmen Sie dem zu?

Es geht immer um eine vernünftige Güterabwägung bei einer Priorisierung des Gesundheitsschutzes. Wir haben daher mit sehr vielen Spielern ausführlich über die Situation gesprochen, auch mit Neven. Uns war und ist wichtig, die besorgten Stimmen aufzunehmen und diese an Klubs, Verbände und Behörden weiterzutransportieren. Dadurch konnten manche Kompromisse gefunden werden. Beispielsweise ist es gelungen, den Spielern eine monatelange Dauerisolation in Quarantänelagern zu ersparen.

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Haben die Verantwortlichen in den Klubs die Spieler umfassend und vernünftig aufgeklärt und über die Maßnahmen informiert?

In der Tat haben sich viele Spieler bei uns darüber beschwert, dass sie von den Klubs und den Verbänden teilweise schlecht informiert und in Entscheidungen nicht eingebunden wurden. Diese Kritik ist nachvollziehbar und berechtigt. Gerade in schwierigen Phasen müssen Spieler besser eingebunden werden, um gute Lösungen für alle zu finden.

Die Saison soll bis Ende Juni beendet werden. Das Pokalfinale oder die Relegation sollen erst danach stattfinden. Wie gestaltet sich die Vertragssituation bei den Profis, deren Verträge nur bis Saisonende laufen?

Grundsätzlich lässt sich das Problem dadurch lösen, dass die betroffenen Spieler und Klubs einvernehmlich die bestehenden Verträge anpassen. In einem aktuellen Rundschreiben zur Covid-19-Pandemie empfiehlt die Fifa diesbezüglich tarifvertragliche Lösungen auf nationaler Ebene, um Rechtssicherheit zu schaffen.

Baranowsky: "Bereitschaft zu helfen ist weit verbreitet"

Haben die Maßnahmen der Kurzarbeit vor allem in den unteren Spielklassen zum Erfolg geführt?

Sie haben zumindest zu erheblichen Belastungen bei zahlreichen Spielern geführt. Denn wenn ein Regionalligaspieler, der beispielsweise regulär weniger als 2000 Euro monatlich brutto verdient, plötzlich mit deutlich weniger als 1000 Euro Kurzarbeitergeld auskommen muss, dann trifft ihn das natürlich hart. Inwieweit der Spielbetrieb in den Regionalligen überhaupt fortgesetzt werden kann, ist derzeit noch offen.

Thema Gehaltsverzicht: In der öffentlichen Diskussion ist massive Kritik aufgekommen am Verhalten vieler Profis, die nur einem prozentual geringen Lohnverzicht teilweise noch auf Basis einer Stundung zugestimmt haben. Ihr Kommentar?

Zahlreiche Spieler sind freiwillig ihren Klubs entgegengekommen und haben auf viel Geld verzichtet – teilweise sogar bei Klubs, die überhaupt nicht in finanzieller Not sind. Zudem haben viele Spieler Spenden an Betroffene angekündigt und sich an Solidaritätsaktionen beteiligt. Unabhängig von der Pandemie gibt es viele Profis, die sich leidenschaftlich sozial engagieren und sogar eigene Charity-Stiftungen ins Leben gerufen haben. Die Bereitschaft zu helfen ist unter Fußballern weit verbreitet.

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Erwarten Sie nach Bewältigung der Corona-Pandemie einen anderen Profifußball? Auswirkungen auf dem Transfermarkt? Niedrigere Ablösen und Gehälter?

Wir müssen auf finanzielle Einbußen und auf eine größere Zahl von arbeitslosen Profis vorbereitet sein. Als Spielergewerkschaft planen wir daher schon jetzt unser traditionelles VDV-Proficamp, in dem sich vereinslose Spieler im Mannschaftstraining fit halten und in Testspielen für neue Aufgaben empfehlen können. Ebenso helfen wir mit Rechtsberatung, sportpsychologischem Support und Laufbahncoaching.

Erwarten Sie ein Umdenken im Profifußball?

Wir sollten die Situation als Chance betrachten, denn es gilt, den Fußball zukünftig krisenfester aufzustellen. Dafür brauchen wir eine strengere Lizenzierung und bessere Sicherungsinstrumente. Zudem brauchen wir belastbare Sozialpartnerschaften und Tarifverträge, die Rechtssicherheit und Stabilität gewährleisten.