28. November 2020 / 12:12 Uhr

Vom Heilsbringer zum Sündenbock: Der ruhmlose Abgang von Vedad Ibisevic auf Schalke

Vom Heilsbringer zum Sündenbock: Der ruhmlose Abgang von Vedad Ibisevic auf Schalke

Jens Strube
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nach nur wenigen Monaten muss Vedad Ibisevic bei Schalke wieder gehen.
Nach nur wenigen Monaten muss Vedad Ibisevic bei Schalke wieder gehen. © imago images/Montage
Anzeige

Selbst aus einer hoffnungsvollen Geschichte gehen bei Schalke 04 nur Verlierer hervor: Nach einem halben Jahr trennen sich am Jahresende die Wege von Königsblau und Vedad Ibisevic. Der Stürmer verzichtete für die klammen Schalker gar auf ein Millionen-Gehalt. Am Ende war es ein Missverständnis.

Anzeige

Es war die Aktion, die am vergangenen Sonntag zu den Chaos-Tagen beim FC Schalke 04 passte. Sturm-Routinier Vedad Ibisevic und Co-Trainer Naldo zofften sich im Training derart, dass S04-Coach Manuel Baum die gesamte Einheit abbrach. Was folgte, ließ die Königsblauen noch tiefer als ohnehin in die Krise schlittern. Zahlreiche Konflikte traten zu Tage, die personelle Konsequenzen zur Folge hatten. Eine davon: der Vertrag zwischen Schalke und Ibisevic wird zum Jahresende aufgelöst. Dabei war die Verpflichtung des 36 Jahre alten Bosniers im Sommer nahezu eine Heldengeschichte für Verein und Spieler. Doch es passt in das aktuelle Bild des Revierklubs, dass diese ursprünglich als Win-Win-Situation angesehene Idee nur Verlierer fand.

Anzeige

Ibisevic kam im Sommer ablösefrei von Ligakonkurrent Hertha BSC, bei dem sein Arbeitspapier nach vier Jahren auslief. Trotz angeblich deutlich besserer Angebote aus dem In- und Ausland entschied sich der Bosnier für die Herausforderung auf Schalke - und verzichtete dafür auf ein Millionen-Gehalt. Für "nur" 100.000 Euro im Jahr, womit er unterhalb des Durchschnittsniveaus der 3. Liga liegt, wollte er auf Schalke seine letzte große Mission in der Bundesliga einläuten. Mit seiner Erfahrung wollte er dem Verein aus der sportlichen Krise helfen - am Ende tat sich niemand einen Gefallen.

Mehr vom SPORTBUZZER

Das ausgeprägte Kämpferherz dafür hat Vedad Ibisevic. Das liegt auch an der bewegenden Geschichte des Bosniers, der mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg im damaligen Jugoslawien fliehen musste. Geboren in ostbosnischen Vlasenica, zog die Familie mit Kriegsbeginn 1992 ins etwa 70 Kilometer entfernte Tuzla, wo der damals Siebenjährige mit dem Fußballspielen begann. Bis 2000 blieb die Familie, wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage nach dem Kriegsende 1995 zog sie aber ins Ausland. Über die Schweiz, wo Vedad beim FC Baden mittrainierte, ging es nach zehn Monaten weiter in die USA nach St. Louis. Dank eines Stipendiums konnte der begnadete Nachwuchskicker im Team der St. Loius University mitmachen, reifte dort als Stürmer. In den Semesterferien spielte er zudem für die Reserve von Chicago Fire und wurde 2002 zum besten Nachwuchsspieler der USA gewählt.

Prompt folgte die Einladung der U21-Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegowina, über die er sich in Europa Aufmerksamkeit verschaffte. Und so nahm im Sommer 2004 Paris Saint-Germain den damals 19-jährigen Ibisevic unter Vertrag, um ihn nach der Hinrunde für eineinhalb Jahre nach Dijon in die zweite französische Liga auszuleihen. In 33 Spielen erzielte er 10 Tore. Danach wechselte er im Jahr 2006 ablösefrei nach Deutschland zur damals erstklassigen Alemannia Aachen, bei der er umgehend zu 24 Bundesligaeinsätzen kam. Trotz seiner sechs Saisontore konnte er den späteren Abstieg nicht verhindern, weckte aber Begehrlichkeiten. Zweitligakonkurrent TSG Hoffenheim nahm den Angreifer im Sommer 2007 für eine Million Euro unter Vertrag, mit der er umgehend ins Fußball-Oberhaus aufstieg. Als Bundesliga-Neuling wurde die TSG direkt Herbstmeister. Ibisevic trug dazu 18 Tore und sieben Vorlagen bei, bevor ihn ein Kreuzbandriss in der Rückrunden-Vorbereitung stoppte und Hoffenheim ohne ihn aus den Europapokal-Rängen herausfiel.

Ibisevic bleibt der Bundesliga treu und überzeugt - dann kommt Schalke

Doch Ibisevic kämpfte sich zurück. In 135 Einsätzen gelangen dem 1,88 Meter großen Stürmer 54 Tore und 22 Vorlagen für die Kraichgauer. Beim VfB Stuttgart, zu dem er im Winter 2012 wechselte, schlug der Stürmer ein. In 111 Partien für die Schwaben gelangen ihm 47 Tore und 16 Vorlagen. Dort hatte man aber nach dreieinhalb Jahren keine Verwendung mehr für den inzwischen 31-Jährigen. Es folgte im Sommer 2015 eine Leihe zu Hertha BSC, wo der Bosnier noch einmal zeigte, dass er kein Auslaufmodell ist. In der Vorsaison waren die Berliner als 15. noch knapp dem Abstieg entgangen, mit Ibisevic kam die Trendwende. In seiner ersten Saison für den Hauptstadt-Klub steuerte Routinier in 26 Spielen 10 Tore und vier Vorlagen bei. Während Stuttgart am Ende abstieg, wurde Hertha Siebter und qualifizierte sich für die Europa League. Folglich wurde Ibisevic fest verpflichtet und zahlte auch danach das Vertrauen zurück. Am Ende absolvierte der begnadete Bundesliga-Stürmer seine meisten Spiele für die Alte Dame: In 159 Partien erzielte er 56 Tore, gab 22 Vorlagen.

Zum Ende der vergangenen Saison lief sein Vertrag aus, eine Verlängerung gab es nicht. Dennoch trat Ibisevic noch nicht zurück. Mit der Erfahrung von 340 Bundesliga-Spielen und 127 Toren - damit ist Ibisevic der viertbeste ausländische Torschütze der Liga-Geschichte - sowie 83 Länderspielen und 28 Toren für das Nationalteam von Bosnien, war er bereit für sein vermeintlich letztes großes Abenteuer in Deutschland. Das kriselnde Schalke 04, seit Langem auf der Suche nach einem Führungsspieler sowie treffsicheren Stürmer, witterte die Chance und angelte sich den 36-Jährigen als Super-Schnäppchen. Wohlwissend, dass er auch ein Hitzkopf ist.

Auch wenn der Revierklub bestreitet, dass der Trainings-Zoff mit Naldo ausschlaggebend für die verfrühte Trennung war: Es bleibt ein fader Beigeschmack. Sind doch gerade jene Spieler im Abstiegskampf wichtig, die auch mal im Training unbequem werden, um ein Umdenken einzuleiten - die sich voll reinhängen. Ibisevic' Vita zeigt: Mit Treue, Ehrgeiz und dem absoluten Willen half er jedem seiner früheren Vereine. Auf Schalke war hingegen nach vier Spielen Schluss. Schluss für immer? Abwarten. Angeblich hat der abstiegsbedrohte 1. FC Köln ein Auge auf den verdienten Bundesliga-Stürmer geworfen. Und wer weiß: Womöglich kann er dort doch noch sein letztes großes Bundesliga-Kapitel schreiben.