29. Dezember 2021 / 08:10 Uhr

Vereine in der Corona-Krise 2021: Sachsens Amateursport im Abseits

Vereine in der Corona-Krise 2021: Sachsens Amateursport im Abseits

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
Mal durfte keiner, mal durften alle, mal nur die Kleinsten - die Profis aber immer. Der Amateursport in Sachsen hatte es 2021 schwer.
Mal durfte keiner, mal durften alle, mal nur die Kleinsten - die Profis aber immer. Der Amateursport in Sachsen hatte es 2021 schwer. © Christian Modla/imago images/M.Jaeger/SPORTBUZZER-Montage
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Die sächsischen Sportvereine hatten auch 2021 nahezu durchweg mit der Corona-Krise zu kämpfen. Wechselnde Regeln, gesperrte Hallen und Plätze, Chaos im Amateurbereich – ein Ende der frustrierenden Situation ist nicht abzusehen.

Leipzig. Abseits, das. Substantiv, Neutrum. Im Fußball bezeichnet das Abseits die regelwidrige Positionierung eines Spielers, dem der Ball zugespielt wird. Dass eine gesamte Mannschaft im Abseits steht, war in Deutschlands Volkssportart Nummer eins bislang unmöglich – dann kam die Corona-Pandemie. Plötzlich mussten Kicker von der Kreisklasse bis zur Landesliga lernen, dass sie sehr wohl als gesamtes Team ins Abseits gestellt werden können und ihre Vereinskollegen aus Leichtathletik, Schwimmen, Turnen sowie sämtlichen anderen Disziplinen gleich mit. Die Corona-Maßnahmen im Freistaat Sachsen boten bieten 2021 kaum Ausnahmen für den Amateursport. Alle Freizeitathletinnen und -athleten sind derzeit gleichermaßen ihrer liebsten Hobbys beraubt. Lediglich im Sommer gab es eine kleine Auszeit von der Auszeit, einen Hoffnungsschimmer, der sofort wieder enttäuscht wurde. Eine Chronologie der Unsportlichkeit:

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Ein harter Winter: Zu Jahresbeginn befand sich ganz Deutschland im Winterschlaf-Lockdown. Auch der Amateursport war unter einer dicken Eisschicht gefangen und viele ahnten bereits, dass ihr Vereinsleben wohl kaum das erste Schneeglöckchen sein würde. Homeoffice, Ausgangssperren und Notbetreuung dominierten den Alltag. Ein Lichtblick der Freiheit: die Joggingschuhe wurden im Raum Leipzig, Dresden und Chemnitz durch Langlaufski ersetzt und selbst das Flachland wurde für wenige Wochen zur Wintersporthochburg erklärt – ohne Hüttengaudi oder Glühwein und in gabnz winzigen Gruppen.

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Ganz langsam und mit sinkenden Fallzahlen kehrte das Leben in den Freistaat zurück. „Sollte der sächsische Sport bei der nächsten Öffnungswelle nicht bedacht werden, ist das ein schlechtes Zeichen für unsere Vereinslandschaft“, erklärte im Februar Christian Dahms, Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen. Wie katastrophal die Symbolik für den Breitensport noch werden würde, konnte er noch nicht absehen. „Speziell unsere Kinder und Jugendlichen brauchen eine Perspektive. Sie müssen aufgezeigt bekommen, wann es endlich wieder losgehen kann“, hatte wenig später auch Tasso Hanke, Abteilungsleiter der MoGoNo-Leichtathleten, gefordert. Der Leipziger Verein hatte jüngst 350 Abmeldungen verzeichnet, viele sächsische Clubs berichteten von ähnlichen Entwicklungen.


Das Chaos im Frühling: Mit der Aufhebung des Lockdowns kamen langsam auch die ersten Freiheiten für den Vereinssport, in erster Linie für die Kinder. Der Nachwuchs durfte wieder trainieren, zumindest mit Abstand. Erwachsene durften wenig später ebenfalls zurück auf die Sportplätze, nur nicht in die Hallen. Dann doch – und dann doch wieder nicht. Grund für das Chaos waren die Inzidenzregelungen, das Maß aller Dinge. Stufen von 35, 50 und 100 regelten Alltag und Fitnesszustand der Sachsen – in Kombination mit Schnelltests, die je nach Stufe nötig waren. Das Hü und Hott kritisierten auch die Verbände des organisierten Freizeitsports, allen voran der Sächsische Fußballverband. So erklärte Sprecher Alexander Rabe im Mai: „Seit Monaten geht es hin und her. Mal Fünfergruppen, mal 20er Gruppen, mal bis 14 Jahre, mal bis 18 Jahre, ständig ändert sich etwas. Wir drehen uns im Kreis, es nervt nur noch.“

Sommer, Sonne und keine Pandemie: Im Freistaat, an vorderster Front in Leipzig, waren die Inzidenzen im Mai und im Juni im freien Fall und schon bald durften alle wieder ihrem Sport nachgehen. Fitnessstudios und Schwimmhallen konnten wieder ohne Corona-Tests besucht werden, lediglich die Maskenpflicht erinnerte mancherorts noch an die Pandemie. Die im Winter abgebrochenen Amateurligen und Wettbewerbe wagten einen Neustart und gingen voller Optimismus in den Herbst.

Die Herbstwelle und der Sport-Lockdown: Die Atempause dauerte bis Ende Oktober. Vier Monate, in denen die Politik die Inzidenzregelungen abgeschafft hatte und stattdessen ein neues Maß aller Dinge integrierte. Der Blick richtet sich auf die Bettenbelegung der Krankenhäuser. Die riss in Sachsen zunächst die Vorwarnstufe, ließ so maximal zehn Ungeimpfte gemeinsam Sport treiben, dann die Überlastungsstufe und brachte nur Tage später den nächsten Lockdown. Seither steckt der Amateursport in der nächsten Eiszeit, ist zum Hoffen auf den neuerlichen Frühling verdammt.

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Erneut müssen Vereine um ihre Sponsoren und Mitglieder bangen. „Das hatten wir doch alles schon vor einem Jahr“, so Tasso Hanke, dem dieser Tage das Verständnis für die Maßnahmen fehlt. Er fragt: „Wie kann es sein, dass erneut der Sport darunter leiden muss und für die Kontaktbeschränkungen herhalten soll? Wie oft müssen wir noch beweisen, dass wir nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sind?“